Wer nur eine Rhythmusmaschine im Menschengewand sucht, zuverlässig und beliebig programmierbar in den Registern Rock oder Jazz; wer nur ein verkehrsberuhigtes Besenrascheln oder einen wuchtigen Wumms auf der Snare hören will, der wird an Eric Schaefer nicht allzu viel Gefallen finden. Schaefer ist Schlagzeuger, er kann das alles, aber für die klassische Begleitfunktion, zu der das Schlagzeug noch immer häufig degradiert wird, ist er nicht zu gewinnen. Er ist zu sehr Musiker und zu wenig Diener.

Eric Schaefer, geboren 1976 in Frankfurt, aufgewachsen in der norddeutschen Provinz, ausgebildet in Köln und Berlin und kürzlich mit dem SWR-Jazzpreis ausgezeichnet, ist eines der heimlichen Zentralgestirne in der aktuellen Berliner (und damit der deutschen) Jazzszene: Als Teil des Trios em mit der Kontrabassistin Eva Kruse und dem Pianisten Michael Wollny ist der Schlagzeuger weit über die Fachkreise hinaus bekannt geworden. Doch neben seinem erfolgreichen Trio, "einer magischen Konstellation dreier Charaktere", wie er selbst die Band würdigt, ist Schaefer an zehn weiteren Projekten beteiligt, die er als improvisierender Musiker und Lieferant kompositorischer Ideen prägt.

In der Wohnküche seiner Kreuzberger Altbauwohnung steht die Kinderwippe neben dem Tisch, und Schaefer sagt: "Ich habe in den letzten Jahren schon ziemlich reduziert, es sind nur noch Bands übrig geblieben, die mir ganz besonders wichtig sind." Das Spektrum reicht vom Carsten Daerr Trio, einem weiteren Klaviertrio, das mit einer deutlich anderen Spielweise ebenfalls seit Längerem zu den führenden im Lande zählt, über den krätzigen Rockjazz von Johnny La Marama und die Cut-&-Paste-Ästhetik von Demontage bis hin zum Kammermusik-Projekt Henosis – eine Versuchsanordnung, in der Schaefer als Komponist die Sensibilitäten eines Streichquartetts mit einer Bande von Jazzmusikern zusammenbringt. Wer die verschiedenartigen Projekte hört, wird überrascht sein, wie stark Schaefer selbst jedes einzelne durch sein Spiel prägt. Wie er hier den Groove setzt und ihn mit feinen Mustern auf der Hi-Hat konterkariert, wie er dort mit großer Raffinesse die Klangfülle seiner Trommeln hervorkitzelt, wie er die Becken sirren und die Pausen zwischen den Anschlägen singen lässt.

Als Eric Schaefer am 13. Juli 1985 im Fernsehen sah, wie Phil Collins mit Eric Clapton beim Live-Aid-Konzert alte Cream-Songs spielte, wusste er, dass er Schlagzeuger werden musste. Neun Jahre war er alt, und er imitierte, was er in den Medien hörte. Erst vier Jahre später nahm er Unterricht, klassisch, auch das außergewöhnlich und ein Volltreffer. Nachdem er beim Nachspielen sein Ohr geschult hatte, erarbeitete er sich nun die Kunst der Klangerzeugung. "Wenn man nur einen Klang hat, den man einmal anstößt, mit einem weichen Schlegel auf einer großen Trommel, das ist ein ganz anderes klangliches Erlebnis." Dazu kam die Gelegenheit, im Orchester zu spielen, zu erleben, wie man schon mit einem kleinen Klingeln auf der Triangel einen großen Beitrag zum Gesamtklang leisten kann. Gleichzeitig fing er an, sich für Hardcore-Punk zu begeistern. Schon seine erste Band wurde zur Erfolgsstory. Die Soulmates tingelten unter der Fahne des Straight-Edge-Hardcore durch die Jugendzentren und wurden ein Teil dieser Jugendszene, die die Grenzen zwischen Musik und Alltagsleben, zwischen Kunst und Politik einzureißen versuchte. Der Straight-Edge-Hardcore nutzte die aggressive Energie des Punk, propagierte dabei jedoch den Ausstieg aus Drogen und Alkohol – und manchmal auch Sex –, um einen klaren Verstand im Kampf für eine bessere Welt mobilisieren zu können. "Diese Szene war unglaublich spannend", erinnert sich Schaefer, "es gab Linksintellektuelle, Kommunisten, Tierbefreier, Veganer, Hare Krishnas – die Ideen, die da so kursierten waren wahnsinnig inspirierend." Geblieben ist aus dieser Zeit der Traum, mit Kunst die Welt ein bisschen verbessern zu können. "Ich glaube, die Lebensform des Musikers ist in ihrer Selbstbestimmtheit an sich schon ein unpolitisch politisches Statement."

Erst als Schaefer im Radio eine Sendung mit Miles Davis und Tony Williams hörte, fiel der Groschen: "Das war Jazz, der bei mir etwas auslöste: Die schnellen Stücke hatten eine ähnliche Energie wie Hardcore-Punk." Die Begeisterung ist noch lange nicht verflogen: Plötzlich ist der ansonsten bedächtig seine Worte setzende Schlagzeuger wie weggeschwemmt von seiner Faszination für die Dynamik im Spiel von Tony Williams. "Da entwickelt sich eine Art von Zwiegespräch zwischen Snare und Bassdrum, oben/unten, oben/unten/unten, da ist so viel Momentum, Energie, so viel musikalische Syntax: Frage/Antwort, Weiterführung, Motive werden verkleinert, vergrößert. Und wenn man diese ganzen Bewegungen zusammennimmt – das ist für mich Groove."

Der Groove: "Das ist ein Spiel mit Nuancen, wo was hingesetzt wird, wo der Backbeat sitzt, ein bisschen zu spät, ein bisschen zu früh, was man eigentlich nicht mehr in zählbare Einheiten übersetzen kann, was die verschiedenen Schlagzeuger so verschieden klingen lässt. Da spricht in unmittelbarer Weise die Persönlichkeit. Bis heute habe ich noch nicht richtig verstanden, was es ausmacht." Wenn man Schaefer heute hört, beispielsweise auf Live, dem gerade erschienenen vierten Album von em, wird deutlich, wie eng sein Verhältnis zu dieser Energie über all die Metamorphosen hinweg geblieben ist. Selbst wenn er über weite Strecken darauf verzichtet, der Musik einen eindeutigen Bewegungsimpuls zu geben, hat sein Spiel eine körperliche Verbindlichkeit, die mitreißt. Programmatisch erklärt er: "Ich liebe diese Ambivalenz; ich liebe diese Poesie, die sich nicht sofort auf irgendetwas festlegt. Den Moment, wo es kippt, wo man nicht genau weiß, ist es frei, ist es Groove, ist es irgendwie dazwischen, den genieße ich. Die Entscheidung wird immer als eine Gemeinschaftsentscheidung aus der Band heraus gefällt, man knetet, und irgendwann, zack, ist es da."

Wollny/Kruse/Schaefer: Live (ACT/edel)
Eric Schaefer: Henosis – 13 pieces for chamber ensemble (Traumton/Indigo)
Carsten Daerr Trio: Wide Angle (Traumton/Indigo)


Das Trio Wollny/Kruse/Schaefer ist gerade auf Deutschlandtour. Hier finden Sie die Termine.