Werber Jerry della Femina "Bis zum Exzess"

Die Werber-Ikone Jerry della Femina inspirierte die TV-Serie "Mad Men", die endlich auch bei uns läuft. Ein Gespräch über die unglaublichen sechziger Jahre.

ZEITmagazin: Mister Della Femina, was dachten Sie, als Sie Mad Men zum ersten Mal sahen?

Jerry Della Femina: Dass die Serie sich wie eine Geschichte aus den fünfziger Jahren anfühlt – und nicht wie aus den sechziger Jahren, in denen sie eigentlich spielt. Das habe ich den Produzenten auch gesagt, sie hatten mir bereits vor dem Fernsehtermin ein Video zur Ansicht zugeschickt.

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ZEITmagazin: Was war denn falsch erzählt?

Della Femina: Wie die Frauen gezeichnet waren, dass sie nur als Sekretärinnen arbeiteten und keine Aufstiegschancen in den Büros hatten, das stimmte in den sechziger Jahren nicht mehr.

ZEITmagazin: Wir dachten schon, Sie würden sagen, es wurde nicht so viel getrunken und geraucht.

Della Femina: Oh doch – bis in die späten Siebziger. Ich habe selbst vier Packungen Zigaretten am Tag geraucht. Es gab eine Kampagne von Camel, in der hieß es: Vier von fünf Ärzten sagen, Rauchen ist gesund. Das haben wir alle geglaubt. Und genauso war das mit dem Trinken. Pro Tag habe ich drei Martinis getrunken.

ZEITmagazin: Wie sind Sie denn nüchtern geblieben?

Jerry Della Femina
Jerry Della Femina

Der 73-Jährige schrieb 1970 das Buch From Those Wonderful Folks Who Gave You Pearl Harbor – einen Insiderbericht über die Werbebranche und Vorlage für die Serie Mad Men. Della Femina leitet heute die Werbeagentur Della Femina Rothschild Jeary and Partners in Manhattan.

Della Femina: Überhaupt nicht. Niemand störte sich daran. Wir verhandelten mit Kunden, die auch tranken. Wenn wir in den sechziger Jahren zum Lunch gingen, kam Alkohol auf den Tisch.

ZEITmagazin: Wie lief ein typisches Mittagessen ab?

Della Femina: Wir gingen zu fünft in unser Lieblingsrestaurant, The Italian Pavillon an der 55. Straße, wo heute das Michael’s ist. Wenn wir durch die Tür gingen, sah uns der Barmann und begann die Martinis zu schütteln. Sobald wir uns hinsetzten, standen die Martinis auf dem Tisch. Die Speisekarte kam mit einem weiteren Drink. Während wir auf das Essen warteten, gab es noch einen. Zum Essen bestellten wir natürlich Wein, sagen wir, zwei Flaschen für uns alle. Und zum Dessert tranken wir ein Glas Scotch.

ZEITmagazin: Das lief alles über das Spesenkonto?

Della Femina: Natürlich. Ach, das war eine freizügige Zeit damals. Ich erinnere mich, dass ich einmal nach einem solchen Essen einen großen Kunden besuchen musste – einen Hersteller für Herrenparfüms. Der Manager fragte mich nach unseren Honoraren, in meinem benebelten Kopf rechnete ich den Pauschalsatz von 15 Prozent falsch aus – und gab ihm ein Angebot ab, das 100.000 Dollar über dem normalen lag. Er akzeptierte. Am nächsten Tag fiel mir mein Fehler auf, ich rief ihn sofort an, aber er war ganz weltmännisch und sagte, er habe der Summe zugestimmt, nun werde er sie auch bezahlen.

ZEITmagazin: Das klingt nach einem wunderbaren Leben.

Della Femina: Das war es auch. Die Werbebranche in den sechziger und siebziger Jahren war nur mit Hollywood vergleichbar. Wir drehten kleine Filme, flogen nach Los Angeles, übernachteten im Beverly Hills Hotel, saßen neben Filmstars am Pool und redeten über Kampagnen, die eine Million Dollar kosteten. Wir blieben 14 Tage in Luxushotels, um 60-Sekunden-Filme zu drehen.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch, in dem Sie von dieser Zeit erzählen, geht es auch um sexuelle Eskapaden im Büro.

Della Femina: Es war sehr leicht, Frauen anzusprechen. Ich konnte in einem Meeting sitzen, eine junge Werbetexterin attraktiv finden, sie zu einem Drink einladen – und abends mit ihr im Bett landen. Darüber gingen natürlich Ehen in die Brüche, ich kenne nur zwei Menschen, deren Ehen die Wildheit dieser Jahre unbeschadet überstanden. Wir lebten in einer anderen Zeit, beinahe wie in einer Welt ohne Regeln. Diese Exaltiertheit machte die Werbung so attraktiv – das sieht man auch in Mad Men.

Leser-Kommentare
    • Ius
    • 30.09.2010 um 17:41 Uhr

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.

  1. scheint, wenn man Serien und Reportagen aus der Zeit glauben darf, sich nicht so sehr von dem rauchfreundlichen und trinkendem Mad Men-Szenario unterschieden zu haben. Man muss sich nur einmal Speisekarten aus der Zeit ansehen und versteht vielleicht etwas besser, wie nah wir damals scheinbar dem Bild der Werber waren.

  2. Das können sich heute viele der Jungspundwerber nicht mehr vorstellen, dass es in den Werbeagenturen mal ganz anders zugegangen ist, was man angesichts der heutigen Werbewirklichkeit, die sich mehr in den Computergehirnen als in den menschlichen Synapsen abspielt, wiederum verstehen kann, Aber ganz so wild und exzessiv wie bei Herrn della Femina war der Tanz ums kreative Kalb in der guten alten BRD wahrscheinlich nicht, auch wenn es im Vergleich zum Wummertechno der heutigen Zeit schon eher ein Rock´n Roll mit Überwurf und Hochschleudern war.
    Und auch wenn sicherlich viel gebechert und gekifft wurde, wenn man anstatt irre Klamotten eher irre im Kopf war, war diese Werbung aus Düsseldorf, Hamburg, München oder Zürich wesentlich intelligenter und humorvoller als fast alles, was heute in Print und TV so zusammengeschustert wird. Damals gab es Kollege Mac noch nicht, was nicht bedeuten soll, dass diese Entwicklung negativ war, aber man konzentrierte sich mehr auf die Phantasie und auf ein komplexes Wissen als auf Wikipedia und Histogramme. Wer sich vergewissern will, wie genial Werbung in den Kreativschmieden gestaltet wurde, braucht nur durch die ADC-Bücher dieser Jahre zu flanieren.
    Frederic Beigbeder, der ausgeflippte französische Zauberlehrling übertreibt in seinem Buch 39,90 ebenso schamlos wie viele andere, die sich wichtig machen wollen. Leidenschaft war unser Antrieb und Marker, Schere, Fixogum und Füchschen Alt unser Werkzeug. Es hat verdammt Spaß gemacht.

    W. Neisser

  3. Ich bin erst 1987 als Texter in der Werbung eingestiegen. Aber ich kann zumindest behaupten, in der Anfangszeit in einer internationalen Kreativ-Agentur in Düsseldorf noch "die allerletzten Zuckungen" des freien, wilden Werber-Lebens mitbekommen zu haben.

    Ja, in der Kreation wurde mächtig gequalmt und irgendwer hatte immer eine Flasche Whiskey im Schreibtisch. Der rief dann am frühen Abend die "blauen Stunde" aus. Und man sammelte sich in einem Büro, soff, schwatzte und sponn an Kampagnenansätzen herum. In dieser entspannten Atmosphäre entstanden aber auch wirklich gute Ideen (die damals auch noch die Chance einer Verwirklichung besaßen).

    Tja, heute unterscheiden sich Werbeagenturen nicht mehr groß von Industrieunternehmen. Häufig erhalten sie sehr klare Vorgaben zur Marketing-Strategie von Unternehmungsberatungen. Diese sollen dann einfach möglichst 1:1 umgesetzt werden. Kreativität? Zweitrangig! Hauptsache, alle Punkte der Strategie können abgehakt werden. Entsprechend ist die Wertschätzung für die Kreativen gesunken. Sie sind halt nur noch Erfüllungsgehilfen. Und entsprechend langweilig ist die Werbung in TV, Rundfunk, Print etc. Mir fällt zumindest kein aktueller TV-Spot ein, bei dem ich beim ersten Sehen dachte "boah, geile Idee" - höchstens "boah, technisch perfekt umgesetzt".

    Ich schließe mich meinem Vor-Poster an: Eine gute Idee schlägt immer noch Photoshop. Und ein gutes Alt gehört auch unbedingt in den Werkzeugkasten. ;-)

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