Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Für diese Kolumne möchte ich mich bei Thomas Vitzthum und Lucas Wiegelmann bedanken. Sie haben in der Welt am Sonntag eine interessante Reportage geschrieben. Die Ausgangsfrage war folgende: In Deutschland wird Jahr für Jahr mehr Geld für Bildung ausgegeben. Gleichzeitig verschärft sich die Bildungskrise ununterbrochen. Was geschieht eigentlich mit dem ganzen Geld?

Seit einigen Jahren verschwinden aus den Klassenzimmern die Schultafeln. Es heißt, Schultafeln und Kreide, das sei vorgestrig und bildungsbürgerlich. Stattdessen werden sogenannte Whiteboards eingesetzt, einen deutschen Namen dafür gibt es nicht. Whiteboards sind eine fortschrittliche Bildungsidee, ähnlich wie Mengenlehre, Ganzwortmethode oder jahrgangsübergreifender Unterricht. Es sind weiße Flächen, die von einem an der Decke befestigten Beamer angestrahlt und mit unsichtbarer Farbe beschrieben werden. Wenn der Beamer ausgeschaltet wird, verschwindet das Geschriebene. Die Bilder und Texte auf der neuartigen Tafel werden im Computer gespeichert, man kann sie ausdrucken.

Die Schüler müssen nichts mehr abschreiben oder mitschreiben. Sie können während des Unterrichts etwas anderes tun, etwa Musik hören. Hinterher holen sie einfach den Ausdruck ab, oder sie laden den Unterricht zu Hause herunter. Das Ideal einer Schule, zu der man nicht mehr hingehen muss und zu deren Besuch keine Schreibkenntnisse erforderlich sind, scheint mit einem Mal zum Greifen nah.

Inzwischen gibt es etwa 30.000 Whiteboards in deutschen Schulen. Sie sind selbstverständlich recht teuer, 2000 bis 4500 Euro. Sie sind aber auch störungsanfällig. Man muss sie oft neu einstellen, sie mögen weder Erschütterungen noch Temperaturschwankungen, in dieser Hinsicht reagieren sie ähnlich wie ein ICE. Finanziert wurden die meisten Whiteboards, das haben die Reporter herausgefunden, aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung. Es sollte die Folgen des Börsencrashs mildern und der Industrie Gutes tun. Das Programm stellte auch Geld für die Sanierung der Schulen zur Verfügung, die Schulen sollen weniger Energie verschwenden. Die Whiteboards verbrauchen allerdings sehr viel Energie. Es konnte folglich passieren, dass eine Schule umgebaut wurde, um Strom und Heizkosten zu sparen, während gleichzeitig Whiteboards aufgestellt wurden, die den Einspareffekt gleich wieder zunichtemachten.

Man hatte auch, wie so oft in der Geschichte, den menschlichen Faktor nicht eingerechnet. Im Konjunkturpaket waren keine Mittel für Lehrerfortbildung vorgesehen, Lehrerfortbildung hat nämlich keine messbaren Auswirkungen auf die Binnenkonjunktur. Offenbar haben nun viele Lehrer Probleme mit der Benutzung dieser komplexen Geräte, man darf die Dinger zum Beispiel nicht zu schnell bedienen, dann streiken sie. Man muss oft den Filter austauschen, der von den Firmen übrigens keineswegs kostenlos abgegeben wird. Es dauert auch immer eine ganze Weile, bis das Whiteboard hochgefahren ist. Und über allem steht die Frage, was geschehen soll, wenn die Whiteboards eines vermutlich nicht allzu fernen Tages endgültig kaputt sind und ausgetauscht werden müssen. Das Konjunkturprogramm gibt es dann ja nicht mehr. Im Grunde müssen die Schulen auf einen zweiten Börsencrash hoffen.

Auf die Frage, ob ich mich einer eventuell demnächst vorhandenen konservativen Partei anschließen würde, kann ich nur antworten: Es ist wenig wahrscheinlich. Aber wenn diese Partei die Wiedereinführung der Schultafel in ihr Programm aufnimmt, wäre ich zumindest einen Augenblick lang in Versuchung.