Betrug! leuchtete es uns vor drei Jahren quietschgrün vom Buchdeckel entgegen. Fälschung! Lüge! beschwert sich auch der neue Titel von foodwatch-Gründer Thilo Bode. Darin hat er gesammelt und aufbereitet, was die Verbraucherrechtsorganisation regelmäßig über ihren elektronischen Newsletter verbreitet. Das ist niederschmetternd: Täuschung und Trickserei, wohin das Auge im Supermarkt auch schweift. Im Pesto "nach traditioneller Rezeptur" stecken statt Pinienkernen billige Cashewnüsse, nebst Kartoffelflocken, Aromen und anderen Zusatzstoffen. In Bio-Limonade verbirgt sich ebenso viel Zucker wie in herkömmlicher. Und wer glaubt, sein Immunsystem mit teuren Spezialjoghurts zu stärken, nimmt jedenfalls viel Zucker zu sich. Bode nennt die Übeltäter beim Namen. Er entlarvt die "Traditionslüge", die falschen Gesundheitsversprechen oder die "Bio-Illusion", mit denen die Industrie ihre in Wahrheit übersüßten und fetthaltigen Erzeugnisse verhökert. Und er prangert die happigen Preiserhöhungen an, die sich hinter verkleinerten Packungsmengen verbergen.

Tatsächlich täuscht die Nahrungsmittelindustrie ihre Kunden massiv, wenn sie ihnen Schokopudding fast ohne Schokolade andreht. Doch Autoren wie etwa Hans-Ulrich Grimm (Die Suppe lügt) haben schon vor Jahren beschrieben, wie uns die schöne bunte Warenwelt mithilfe von künstlichen Aromen, Geschmacksverstärkern, Konservierungsmitteln und Farbstoffen vorgaukelt, wir hätten richtiges Essen auf dem Teller.

Was tun? Nicht kaufen, schlägt Bode zaghaft vor. Das wiederum hat der amerikanische Publizist Michael Pollan, den Bode zitiert, humorvoller auf den Punkt gebracht: Kauf nichts, was deine Großmutter nicht als Nahrung erkannt hätte. Nichts, was Substanzen enthält, die kein normaler Mensch im Küchenschrank hat, und sowieso kein Produkt mit mehr als fünf Inhaltsstoffen.

Bodes Ansatz ist sehr deutsch: Er beschwert sich. Und versteigt sich dabei sogar zu der Aussage, das irreführende Treiben der Nahrungsmittelindustrie grenze an Körperverletzung. Damit unterstellt er, Verbraucher seien wehrlose Opfer. Aber warum haben sie trotz Aufklärung und Aufrufen zum Boykott nicht aufgehört, die verkappten Dickmacher und vorgeblichen Traditionserzeugnisse zu kaufen? Im Internet fordern der ehemalige Greenpeace-Chef Bode und seine foodwatch-"Essensretter" sie auf, die Hersteller mit Protestpostkarten zu überschwemmen. Im Buch ermahnt Bode die Politik, sich gegen die Lebensmittellobby durchzusetzen, die in den entscheidenden Gremien sitzt und überall verhindert. Aber machen Protestkampagnen, macht ein roter Punkt für Produkte mit viel Fett und Zucker die Konsumenten mündiger? Und vor allem: Wo bleibt dabei der Gedanke, dass Essen Kultur ist?

Genau das haben sich jene Italiener überlegt, die Slow food gründeten, die Bewegung für den lustvollen Genuss regional erzeugter Nahrungsmittel. Die ersten Absolventen ihrer Universität der gastronomischen Wissenschaften unterwandern bereits das System. Fast zwei Drittel der Deutschen würden sich einer Nestlé-Umfrage zufolge, die Bode anführt, lieber auf dem Wochenmarkt eindecken als im Einkaufscenter. Aber nur ein Viertel setzt es auch um. Die Verbraucher haben die Wahl - wählen müssen sie selbst.