Nach dem Baustop: Israelische Siedler stehen um einen Cement- Mixer herum © Jack Guez/ AFP/ Getty Images

Auf den ersten Blick hat Israels Premierminister Benjamin Netanjahu mit seinem Draufgängertum den jüngsten Poker um die jüdischen Siedlungen im Westjordanland gewonnen. Er hat sich trotz amerikanischen Drucks und palästinensischer Drohungen, die gegenwärtigen Verhandlungen in Washington platzen zu lassen, standhaft geweigert, das Moratorium für den Siedlungsbau zu verlängern. Der Baustopp ist vorbei, und es ist – vorerst – nichts passiert.

Die Gespräche zwischen Israelis und Palästinensern werden fortgesetzt. Doch Netanjahu weiß, dass dieser taktische Sieg, der ihn beim rechten Flügel seines Koalitionspartners zum Helden gemacht hat, ein flüchtiger Erfolg bleiben wird. Der Palästinenserpräsident Machmud Abbas könnte seine Haltung bald ändern, und selbst wenn er dies nicht tun sollte, wird das Thema nicht einfach verschwinden. Der Siedlungsbau gilt als Test für Israels wahre Absichten: Weitere Siedlungen, so sieht es die Welt, bedeuten, dass Israel es nicht ernst meint mit den nötigen territorialen Kompromissen. Warum sonst sollte es Wohnungen bauen in jenen Gegenden, die später einmal zu Palästina gehören sollen? Also wird Amerikas Druck nach den US-Kongresswahlen im November wahrscheinlich wieder zunehmen, und die Palästinenser werden sich gezwungen sehen, den Verhandlungstisch zu verlassen, wenn die Bautätigkeit im Westjordanland wieder aufgenommen wird.

Hass und Häuserbau: Bilder der Konfrontation im Westjordanland © Nir Elias/Reuters

All dies macht die Siedlungsfrage zu einem zentralen Problem der israelischen Politik. Doch in Wahrheit reicht die Bedeutung der Siedlungen weit über die Politik hinaus. Sie berühren die Grundlagen der Existenz des Staates Israels. Wer nach den Siedlungen fragt, fragt in Wirklichkeit nach dem Wesen des Zionismus: Geht es dem Zionismus um Freiheit oder um Gebietsansprüche? Ist sein Ziel die Selbstbestimmung oder die Rückgewinnung des Landes der Vorväter?

Die ursprüngliche zionistische Weltanschauung war in dieser Hinsicht völlig eindeutig. Der Zionismus hatte zunächst überhaupt nichts mit Zion zu tun. Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, erörterte in seinem 1896 erschienen Buch Der Judenstaat die Möglichkeit, einen jüdischen Staat auf dem Territorium von Argentinien zu gründen. Bald erkannte Herzl jedoch, dass der Zionismus ohne Zion nicht auskommen würde: Ein nationalstaatliches (und nicht religiöses) Verständnis jüdischer Identität wäre außerhalb der historischen Heimat der Juden so sinnlos wie eine englische Identität ohne England.

Trotzdem war Zion nur das Mittel, nicht der Zweck. Der Zweck des Zionismus war die Befreiung der Juden: Wenn Juden nicht als Freie und Gleiche zu Bürgern anderer demokratischer Republiken werden könnten, dann benötigten sie eben ihren eigenen unabhängigen Staat, glaubte Herzl.

David Ben-Gurion, der spätere Gründer des Staates Israel, verankerte diese Weltsicht in der israelischen Unabhängigkeitserklärung: »Gleich allen anderen Völkern, ist es das natürliche Recht des jüdischen Volkes, seine Geschichte unter eigener Hoheit selbst zu bestimmen.« Der Ausgangspunkt der inneren Logik des politischen Zionismus ist also die Freiheit des Einzelnen.

Aber nicht alle Zionisten stimmten dieser Kernthese zu. Ganz weit am rechten Rand der Bewegung wurde ein anderes Verständnis des Zionismus entwickelt. Demzufolge ging es zuerst um die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes mit dem Gelobten Land. Solche Ansichten blieben aber bloße Randerscheinungen – bis zum Sechstagekrieg von 1967 und der Besetzung der eroberten Gebiete durch Israel. In der Nachkriegszeit erlebte eine neue Form von religiös-messianischem Zionismus ihren Aufschwung.