"Ich konnte die Achtziger ja nie besonders leiden", sagt Phil Collins © Neale Haynes

Hotel Beau Rivage, Genf. Er trägt Polohemd und eine dieser randlosen Brillen, deren Glas sich bei Sonneneinfall dunkel einfärbt. Da sitzt der berühmteste Glatzkopf des Pop. Viereckiger Kopf, kräftige, kurze Unterarme. Phil Collins sieht aus wie Phil Collins, genauer wie ein Handwerker, Elektroinstallateur oder IT-Manager, der Phil Collins erstaunlich ähnlich sieht: gleich vollkommen sympathisch. Vor 15 Jahren hat der Popmillionär sich in ein Haus am Genfer See zurückgezogen. Die Pressedame erklärt die Modalitäten dieses Interviews: Nach 25 Minuten wird sie unterbrechen und anzeigen, dass das Gespräch in weiteren fünf Minuten beendet ist. Die ersten fünf Minuten soll bitte über das neue Album »Going Back«, eine Sammlung von Phil Collins’ Versionen von Motown-Klassikern aus den sechziger und siebziger Jahren, geredet werden. Kein Mensch hat Lust, Phil Collins gemeine Fragen zu stellen – er hat ja, seit er 1980 seine Solokarriere und eine der größten Hit-Maschinen des Pop in Gang setzte, praktisch nur Verachtung von Journalisten zu spüren bekommen. Die mittelgemeinen Fragen reichen hier also vollkommen aus. Wir sitzen, hoppla, erstaunlich eng aufeinander. Der Interviewer könnte, falls das nötig werden sollte – letztes Mittel, um einen aufgebrachten Popstar zu beruhigen –, Phil Collins’ Arme anfassen.

1. Nennen Sie zwei Gründe, warum die Leute sich Ihre Versionen von Motown-Klassikern anhören sollten.

Das möchte ich nicht. Es muss sich ja niemand diese Songs anhören.

2. Wie viele Top-Ten-Hits sind auf der neuen CD?

Es sind 18 Songs, und alle sind Hits.

3. In Ihrem Herzen, sind Sie Soulsänger?

Ich sehe keinen Grund, warum ich mich nicht als Soulsänger bezeichnen sollte. Ich habe Soulsongs geschrieben. Wenn Soul die Musik ist, die ausdrückt, wie du dich fühlst, dann habe ich meine ganze Solokarriere lang Soulmusik geschrieben.

4. Als Soulsänger, was unterscheidet Ihre Stimme von der von Curtis Mayfield?

Seine Bandbreite ist größer, er kann einfach viel mehr ausdrücken. Spielen Sie auf das Vorurteil an, dass man schwarz sein und gelitten haben muss, um ein guter Soulsänger zu sein? Ich habe gelitten. Ich war drei Mal verheiratet.

Lächelnder Collins. Schon nach vier Antworten ist klar, unter welchen Vorzeichen er dieses Gespräch gerne stattfinden lassen möchte: Er gibt sich selbstbewusst, im Gegenzug liefert er selbstironische Pointen, die ihn als fehlbaren, weichen, umgänglichen Menschen darstellen. Es ist eine alte Leier des Pop: Nachdem seine nicht so gute, aber immens erfolgreiche Musik jahrzehntelang die Welt vollgequakt hat, wünscht sich der Popstar, mittlerweile im letzten Viertel seiner Karriere angekommen, dass die Menschen ihn als Kumpel akzeptieren, als einfachen, bodenständigen, normal gebliebenen Typen. Mal sehen, ob wir ihm das durchgehen lassen.

5. Gehen wir zurück nach 1966: Sie waren 15 Jahre alt. Konnten Sie damals tanzen?

Aber ja. Ich besuchte die Schlagzeugschule. Ich spielte Modern Jazz.

6. Im Jahr 1964: Was war Ihr Minderwertigkeitskomplex?

Ich kann mich an keine besonderen Komplexe erinnern. Ich war der am Schlagzeug. Die Leute sagten: Was ist mit dem kleinen Schüchternen dahinten? Antwort: Er spielt das Schlagzeug. Verstehen Sie, das funktioniert immer.

7. Können Sie zu dem schmalen weißen Schlips, den der Junge Phil auf dem Coverfoto der neuen CD trägt, eine Geschichte erzählen?

An die Krawatte erinnere ich mich nicht, aber an das Hemd mit dem kleinen, runden Kragen: Ich trug es in dem Beatles-Film A Hard Day’s Night, in dem ich eine kleine Nebenrolle spielen durfte.

8. Wer war Ihr Sixties-Postergirl?

Soll ich an ein Frauengesicht der sechziger Jahre denken, taucht Pattie Boyd vor meinen Augen auf: das Fotomodell, die spätere Frau von George Harrison. Mittlerweile kennen Pattie und ich uns gut, wir sind befreundet. Verehrt habe ich sie, lange bevor ich sie kennengelernt habe.

9. Der Name der ersten Band, die Sie live im Marquee Club, dem berühmtesten Rockclub des Swinging London, gesehen haben?

Meine erste Band im Marquee waren die Yardbirds. Es war der Tag, an dem Eric Clapton die Band verlassen und Jeff Beck seinen Posten an der Gitarre übernommen hatte.

10. Ist das ein tragischer Umstand Ihres Lebens, dass Sie zu jung waren, um den ersten Auftritt der Rolling Stones im Marquee Club mitzuerleben?

Moment – ich kann Ihnen hier die Geschichte erzählen, wie ich vor dem Marquee Club auf der Straße stand und bis nach draußen hörte, wie Howlin’ Wolf, begleitet von den Rolling Stones, buchstäblich um sein Leben schrie. Den Bluessänger Wolf durch die Wände eines Rockclubs schreien zu hören, das ist ein Erlebnis, das kein Mensch jemals vergisst.