Porträt Rafael HorzonVerflixte Kunst

Von einem, der auszog, kein Künstler zu werden. Ein Porträt des Unternehmers und Bestsellerautors Rafael Horzon. von 

Der Schriftsteller Rafael Horzon

Der Schriftsteller Rafael Horzon  |  © Patricia Woerler-Horzon

Der Verkehr in der Berliner Torstraße, der sich im Ladenfenster von Rafael Horzons ehemaliger Wissenschaftsakademie spiegelte, brauste und rauschte schon wieder lustig, der letzte Regen tröpfelte von den Fenstersimsen der Jugendstilhäuser, die Spatzen zwitscherten und tummelten sich dazwischen; ich saß auf der Türschwelle und wischte mir den Schlaf aus den Augen, es war schön im warmen Sonnenschein. Im Innern lief Rafael Horzon aufgeregt über das Parkett und flüsterte eifrig Dinge in sein Telefon, bevor er die Tür öffnete, beschwingt ins Sonnenlicht heraustrat und blinzelte. In den sonst leeren weißen Regalen standen einige Exemplare des streng weißen Weissen Buches ( Suhrkamp Verlag, 216 Seiten, 15 Euro), einer wunderbar naiven Apotheose und leichtfüßigen Ironisierung von allem, was sich creative class nennt.

Wir flanierten die Torstraße hinauf, wo Rafael Horzon sein Möbelgeschäft Möbel Horzon zeigte, in dem seine erfolgreichste Erfindung, das Regal »modern«, gerade an ein junges, glückliches Pärchen verkauft wurde, während draußen ein 50er-Jahre-Retro-Kinderwagen auf sie wartete. Das Regal ist weiß, massiv, schließt auf Kante ab, ist 199 Zentimeter hoch und hat fünf große Fächer. Auf den wenigen Metern auf unserem kurzen Weg grüßte er zwei Arbeiter, die Holz zersägten: »Guten Tag, Männer!«, rief er ihnen zu. Sie lächelten und grüßten zurück. »Meine Mitarbeiter«, sagte Rafael Horzon, »sind allesamt Hochbegabte, die Regale und Gedichte bauen können.« Zurück im Seminarraum, nahmen wir auf weißen Stühlen an einem weißen Tisch Platz.

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Rafael Horzon erklärt mir, weshalb es die Wissenschaftsakademie nicht mehr gibt. »Ich kann nur in Zehnerschritten denken. Und ich wollte nicht irgendwann als jemand aufwachen, der den Absprung nicht geschafft hat.« Er springt auf, eilt nach hinten in einen Raum, »97«, ruft er von dort, »1997 habe ich die Akademie gegründet«, gräbt wie ein Archäologe nach verschütteten Dokumenten und entstaubt einen Seminarschein zum Thema Eine Begehung von Kim Jong Ils Pjöngjang, unterschrieben von Christian Kracht, Eva Munz und Lukas Nikol, Berlin, 11. September 2006. Auf der Türschwelle hatte ich zuvor den Satz in seinem Buch gelesen: »Es ist wahr, diese Scheine sind tatsächlich genauso viel wert wie die Scheine an jeder anderen Hochschule auch.« Rafael Horzon ergänzt an diesem letzten Sommertag in Berlin: »Im Zweifelsfall nichts.«

Seine Wissenschaftsakademie lehrte das, was wirklich wichtig war. »Zuckerfabrikation« etwa, denn Zucker mag jeder. Oder »Kurzfristige Börsenspekulation«. Denn Geld braucht jeder. Und er hatte sich vorgenommen, die Wissenschaftsakademie mit anderen Berliner Hochschulen zu fusionieren. Er schrieb an alle einen Brief und kündigte an, bald eine Pressemitteilung über die Kooperation an alle wichtigen Medien weiterzuleiten. Die TU habe so geantwortet: »Nach der Lektüre beider Briefe möchte ich Sie um Folgendes bitten: Uns von weiteren Briefen dieser Art zu verschonen. Die TU Berlin ist an keiner Kooperation mit Ihnen interessiert. Krikelkrakel, Prof. Dr. Hans-Jürgen Ewers.«

Alles, was wir brauchen, ist die Neue Wirklichkeit

Es wäre natürlich schön, sagt er, wenn das Buch einfach ein Bestseller würde. »Dann kann ich endlich in den Ruhestand und spazieren gehen.« Aber wie macht man einen Bestseller? Wir überlegen gemeinsam. »Vielleicht befrage ich dazu mal mein Au-pair-Mädchen«, es habe damit Erfahrung, aufgrund derer er es ja auch einstellte. »Helene Hegemann braucht dringend eine neue Aufgabe. Sie ist ideal als Au-pair-Mädchen. Sehr nett. Sehr klug. Sehr verständig. Ich habe ihr Buch nicht gelesen. Ich lese keine Bücher. Aber ich glaube, Helene wird schöne Dinge mit den Kindern basteln.« Sobald sie frei werde, fordert Horzon, solle sie Kulturministerin werden. Er habe ja einiges Schlimmes über ihr Buch gehört, »aber das hat sie sich bestimmt nur ausgedacht. Es ist ja ein Roman.«

Die Journalistin fragt kritisch nach: Und Sie, was haben Sie sich ausgedacht? »Ich habe mir natürlich nichts ausgedacht«, sagt Rafael Horzon und beginnt wieder, nach verschütteten Originaldokumenten zu suchen, Briefen der Hochschulen zum Beispiel. Er kramt und wird einsilbig. »Das Weisse Buch ist ein Sachbuch. Eine Unternehmerbiografie. Alles darin ist zu einhundert Prozent wahr.« Und in diesem Sachbuch werden in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse geschildert. Wie er als Paketbote arbeitet, eine Affäre pflegt. Er gründet dann die Wissenschaftsakademie. Er gründet dann Möbel Horzon. Er gründet danach die Modelinie Gelee Royale. Er gründet das Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel. Er gründet den www Verlag. Er gründet die Firma System-Lüftung. Er gründet die Trennungsagentur Separitas. Er gründet das Bauunternehmen Belfas.

Die Eltern haben das alles eher nicht verstanden, sind heute stolz. »Alles war ein kompletter Misserfolg«, erinnert er sich. »Außer vielleicht System-Lüftung.« Wenn etwas nicht funktionierte, schreibt er in seinem Buch, habe er sich »weinend aufs Bett« geworfen. Es treten ansonsten auf: zwergwüchsige Saaldiener, Jacques Derrida, weise Indianer, Schwarze Löcher und die verflixte Neue Wirklichkeit. Das sei, fragte ich ihn, so etwas wie die Vision vom »Neuen Menschen«? »Von wem ist die Idee noch mal?«, fragte er, mit dem Kopf tief in Kartons nach weiteren Beweisdokumenten für seine Geschichte schürfend. Journalistin: »Ich glaube, es hat auch etwas mit Marx oder so zu tun.« – »Hm«, macht Horzon, »irgendwie auch eine gute Idee.«

Leserkommentare
    • Gafra
    • 11. Oktober 2010 14:42 Uhr

    Regal von ihm, vom Meister selbst aufgebaut und mit einem 1 ct-Stück gerade gehalten. Es ist prima und allen gefällt's. :-))

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das kann die Konkurrenz nicht. Er war auch dann sehr traurig als ich meinte, ich habe mir das Benno oder Willy oder so ähnlich gekauft.
    Da fällt mir ein, ich zieh bald um und brauch Regale!

  1. Das kann die Konkurrenz nicht. Er war auch dann sehr traurig als ich meinte, ich habe mir das Benno oder Willy oder so ähnlich gekauft.
    Da fällt mir ein, ich zieh bald um und brauch Regale!

    Antwort auf "Ich habe auch ein"
  2. dass man den Kerl nicht einordnen kann: Was ist das eigentlich für eine Existenz? Was geht da in jemandem vor mit diesen Schnellschüssen? Vielleicht geht es da um eine große Anfangsbegeisterung, die rasend schnell abebbt und sich zur nächsten Sensation verschiebt. Beharrlichkeit, eine der unternehmerischen Kradinaltugenden, scheint er nicht zu haben - was seinem Leben als Kunstwerk natürlich zugute kommt.

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