Prozessbeginn Verena BeckerEinfach sagen, wie es war

In Stammheim beginnt ein neuer Prozess gegen Verena Becker. Wer ist die Ex-RAF-Terroristin heute? von 

Damals, 1977 in Stammheim, hat sie den Richter als »Nazischwein« beschimpft. Bevor das Gericht das Urteil sprach, lebenslang wegen sechsfachen Mordversuchs, schlug sie auf der Anklagebank um sich. Sechs Vollzugsbeamte mussten sie bändigen. Dann urteilte der Vorsitzende, sie habe sich »aus Hass und Selbstsucht zum Herrscher über Leben und Tod aufgeworfen«: Verena Becker, die fanatische RAF-Terroristin.

An diesem Donnerstag wird sie wieder im Hochsicherheitstrakt von Stammheim vor Gericht stehen. Wieder haben Bundesanwälte die Mordanklage geschrieben, wieder geht es um eine Tat aus dem Deutschen Herbst 1977 – den Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback . Das Oberlandesgericht Stuttgart muss beurteilen, ob Verena Becker an dem Anschlag auf den höchsten deutschen Strafverfolger beteiligt war. 33 Jahre nach der Tat wird in Stammheim die »bleierne Zeit« wieder zur Gegenwart. Noch einmal versucht die Justiz, endlich die Wahrheit über den Buback-Mord herauszufinden, um den sich Rätsel und immer neue Gerüchte spinnen, ausgewachsene Verschwörungstheorien. Und noch einmal wird die Bundesrepublik mit der Erinnerung an ihre blutigsten Jahre konfrontiert.

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Verena Becker war sehr jung, gerade 19, und absolut gewaltbereit. Sie habe, erinnert sich ein Mitkämpfer, Autos in die Luft jagen wollen, um Aufsehen zu erregen. Die Menschen darin seien ihr egal gewesen. Sie wurde eine der erbittertsten Kämpfer gegen das »Schweinesystem«, erst bei der Bewegung 2. Juni in Berlin, dann bei der RAF. Nach ihrer Verurteilung brach Verena Becker in der Haft zusammen und sprach mit dem Verfassungsschutz über Interna und Strukturen der Terrorgruppe, wochenlang. Sie erhielt dafür 1989, nach nur zwölf Jahren im Gefängnis, vorzeitig ihre Freiheit zurück und, nach einiger Zeit, wohl auch eine Menge Geld vom Verfassungsschutz.

Der Weg der "schwarzen Braut"

Verena Becker wird im Juli 1952 geboren. Anders als viele ihrer späteren Komplizen stammt sie nicht aus einem bürgerlichen Elternhaus. Sie hat neun Geschwister und verlebt eine karge Kindheit in Westberlin. Nach der Mittleren Reife besucht sie eine Haushaltsschule und arbeitet in einer Fleischfabrik, bis sie arbeitslos wird. Anfang der 70er Jahre zieht die radikale Feministin nachts mit ihrer Freundin Inge Viett durch Westberlin, zertrümmert die Fenster von Sexshops und hinterlässt eine Botschaft: »Die schwarze Braut kommt.« Bei der Bewegung 2. Juni lernt Becker das Bombenbauen. »Plötzlich entdeckte ich hinter dem Mädchengesicht die entschlossene junge Frau«, schreibt Viett später. Für den Mord an einem Bootsbauer geht Verena Becker 1974 in Haft. Ein Jahr später wird sie von Komplizen freigepresst und in den Jemen ausgeflogen. Dort stößt sie zu den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF), die in der südjemenitischen Wüste den Guerillakrieg üben.

Wer ist diese Frau heute? Was weiß sie über den Buback-Mord, was denkt sie jetzt, mehr als 30 Jahre später, darüber? Jeder Versuch, Verena Becker selbst zu befragen, scheitert. »Bitte gehen Sie« – Beckers Schwester verscheucht alle Neugierigen, auch Becker selbst möchte nichts sagen. Ein anderer Exterrorist fragt am Telefon als Erstes: »Was zahlen Sie?« Eine Kumpanin, die Anfang der 70er mit Becker in der Bewegung 2. Juni in Berlin aktiv war, überlegt eine Weile – und entscheidet sich dann doch zu schweigen. Es bleiben nur Puzzleteile: die Erkenntnisse der Ermittler, die Argumente der Verteidigung, die Erzählungen der wenigen Exterroristen, die zu reden bereit sind. Das Bild der Frau, die einst den Codenamen »Paula« trug, wird dabei nicht komplett – aber es entstehen Umrisse.

Die Exterroristin lebt heute, wo Berlin am bürgerlichsten ist

Verena Becker ist heute 58 Jahre alt, sie lebt als Frührentnerin in Berlin, tief im Westen, in Schlachtensee, einer der bürgerlichsten Gegenden der Hauptstadt. Die Kopfsteinpflasterstraße säumen prächtige Altbauten, wer zu Becker will, muss nach hinten durch. Sie wohnt seit 15 Jahren in einem Gartenhaus, unten die Schwester, oben sie. Das Häuschen duckt sich in den Schatten hoher Bäume, als sei es ein Versteck. Ein Rückzugsort ist es auf jeden Fall.

Verena Becker leidet am Sjögren-Syndrom, einer chronischen Rheumaerkrankung. Die Krankheit kommt in Schüben, ihr Immunsystem ist schwach, sie trägt eine dunkle Brille, um ihre Augen zu schützen. Verena Becker hat sich nach der Haft zur Heilpraktikerin ausbilden lassen, aber sie behandelt keine Patienten. Sie lebt seit Jahren von Hartz IV, beschäftigt sich mit Esoterik, bekommt kaum Besuch. Zwei Schwestern, ein paar Bekannte – viel größer ist der Kreis um sie nicht. Sie geht selten aus dem Haus, und wenn, fährt sie oft die zwei Stunden zu einem einsamen Gehöft im Brandenburgischen der Geschwister. Verena Becker hat keine eigene Familie, keine Kinder. Sie hat nur Zeit. Viel Zeit.

Dass Verena Becker jetzt wieder vor Gericht steht, hat mehrere Gründe. Es gibt neue Indizien, die sie belasten, es gibt bislang unbekannte Zeugenaussagen. Und es gibt Michael Buback, den Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts. Mit enormer Beharrlichkeit dringt der Göttinger Professor darauf, dass endlich geklärt wird, wer seinen Vater erschossen hat, damals am Gründonnerstag 1977. Das ist tatsächlich bis heute ungewiss. Fest steht nur, dass keiner der drei Terroristen, die bislang für den Mord an seinem Vater verurteilt worden sind, den Finger am Abzug hatte. War Verena Becker die Schützin?

Michael Buback, der im Verfahren als Nebenkläger auftritt, glaubt fest daran, dass Becker die zierliche Frau ist, die Zeugen damals am Tatort gesehen haben wollen. Und er vermutet, dass die RAF-Terroristin seinerzeit von einflussreichen Leuten in den Sicherheitsbehörden gedeckt worden sei, um ihre Kooperation zu verschleiern. Warum, fragt Michael Buback, setzte sich ausgerechnet Kurt Rebmann, der Nachfolger seines Vaters, so entschieden für Beckers frühe Haftentlassung ein? Gab es eine »schützende Hand« über der Terroristin?

Leserkommentare
  1. Das läßt sich nicht mit einigen Sätzen erklären. Wenige Sätze bieten genug Leuten Anlass zur Widerrede, zu anderen wenigen Sätzen oder zu noch mehr Sätzen.
    So etwas kann nur ein gieriger Journalist sagen, damit er neuen Stoff für Schreibereien hat. Der "deutsche Herbst" von 1977 war von wechselseitiger Hochrüstung geprägt, die Nerven beim Staat lagen blank. Das Morden der Terroristen forderte den Staat heraus. In Putativnotwehr tötete der Staat Menschen (z.B. 3 Unschuldige auf dem Vordersitz eines VW-Bullys). Trotz alledem bestand der Staat die Herausforderung. Die Nachteile (u.a. Einschränkung der Strafprozeßordnung) wirken fort.
    Heutzutage bedarf es kaum eines Anlasses, um die Medien in Hysterie zu versetzen. Keiner hört dem Anderen mehr zu. Und dann glauben Sie allen Ernstes, ein paar Sätze würden genügen, würden helfen? Das ist pure Heuchelei.
    Wer hat denn wann von den Nazitätern welche paar Sätze gefordert?
    Frau Becker hat ihr Leben ohnehin zerstört. "Einige Sätze" werfen wieder neue Fragen auf usw. Proféssor Buback sollte die Vergangenheit ruhen lassen.

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    1977 hat "Jemand" hat auf Buback geschossen und ihn und zwei seiner Begleiter ermordet. Dieser "Jemand" weiss, dass er es getan hat. Aus Kalkül sagt er nicht die Wahrheit. Stellen Sie sich vor, er würde die Wahrheit wichtiger erachten als sein Kalkül. Wie einfach plötzlich alles wäre.
    Ich kann Ihnen daher in keinster Weise zustimmen. Denn ich denke, dass ein paar ehrliche Sätze sehr wohl die ganze Situation viel erträglicher machen könnten und auch die Wahrheit ans Licht bringen würden.
    Die von Ihnen angeprangerte Medienhysterie ist doch vorwiegend dadurch hervorgerufen, dass alle, die etwas sagen, jedes einzelne Wort auf den Effekt, den es auf die Gesellschaft ausüben könnte, abwägt, mit dem Ziel, Profit aus den eigenen Worten zu schlagen. Sprich, es wird nichts gesagt, was nicht dem eigenen finanziellen Wohlbefinden Vorschub leistet. Ob es ehrlich ist, spielt dabei keine Rolle bzw. es ist immer unehrlich, weil dem gewünschten Effekt untergeordnet.
    Insofern ist Ihr Angriff auf den Schreiber des Artikels, umso absurder, da Sie gleichzeitig das anprangern was entsteht, weil keiner den Rat des Autors befolgt.

  2. ........dann hat sie es selbst in der Hand, sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. ...........Sie müsste nur sagen, wie es wirklich war.

    Tja, und wenn sie zugäbe, die Mörderin gewesen zu sein, was droht ihr dann? Nichts? Lebenslänglich?
    Die Konsequenzen eines Geständnisses hätte ein guter Journalist auch beschrieben.

  3. Die RAF ist in Deutschland ein Tabuthema, welches nicht angesprochen werden darf.
    Die RAF stand im Krieg mit der BRD und hat die "Klassenfeinde" hingerichtet und nicht "ermordet".
    Sie waren alle "Freiheitskämpfer" (wie heute Al Qaeda).
    Deshalb gibt es nur einen gerechten Spruch:
    Freiheit für die Freiheitskämpferin Verena Becker.
    Und eine Millionenentschädigung!

    //Sarkasmus off

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    Endich sagt mal jemand die Wahrheit.
    Freiheitskampf! Wo ist der heute?
    Verena sollte den Kampf nicht aufgeben.
    Dieses System treibt das Volk in seine Abhängigkeit und macht es Mundtot.

    • dacapo
    • 01. Oktober 2010 3:52 Uhr

    Herr Buback, der Sohn des Opfers scheint wohl kaum Frieden haben wollen. Er wird ihn auch kaum bekommen können, auch wenn der oder die Täter gefunden würden oder ein Komplott aufgedeckt werden. Dafür hat er sich zu unentwegt damit beschäftigt, er hat sich sein Leben zu schwer gemacht. Frieden kann so nicht erreicht werden.

  4. Endich sagt mal jemand die Wahrheit.
    Freiheitskampf! Wo ist der heute?
    Verena sollte den Kampf nicht aufgeben.
    Dieses System treibt das Volk in seine Abhängigkeit und macht es Mundtot.

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