ZEITmagazin: Frau Mitscherlich, Sie sagten einmal in einem Interview, dass Frauen eine natürliche Disposition zur Unterwerfung hätten...

Margarete Mitscherlich: Was ich damit meinte, ist, dass der Geschlechtsverkehr ein aggressiver Akt des Mannes sein muss. Durch die Notwendigkeit, dass er zeugen muss, ist der Ärmste gezwungen, in den Körper eines anderen Menschen einzudringen. Und die Frau ist gezwungen, an diesem Übergriff Lust zu empfinden, sonst gäbe es keine Kinder auf der Welt. Es muss Einfühlung und Zärtlichkeit dabei sein, aber die Frau will und genießt es auch, dass der Mann aggressiv wird.

ZEITmagazin: Wie war das bei Ihnen selbst?

Mitscherlich: Mein Liebesleben war zunächst geprägt durch die christliche Moral meiner Familie. Man sprach nicht über Sexualität, und meine Eltern waren entsetzt, wenn ich mich in meiner frühen Kindheit plötzlich an Türen rieb oder mich an bestimmten Stellen anfasste. Ich glaube, man hat vielen Mädchen die Lust an der Sexualität vermasselt.

ZEITmagazin: Was hat Sie davor bewahrt, ein normales Frauenleben zu führen?

Mitscherlich: Hier war meine Mutter sicher ein Vorbild für mich. Als Gertrud-Bäumer-Anhängerin war sie immer an der Selbstständigkeit der Frau interessiert. Sie hat trotz Kindern als Lehrerin unterrichtet, und sie fuhr den dicken Wagen, während mein Vater nicht Auto fahren konnte.

ZEITmagazin: Als Erwachsene zeichneten Sie sich durch eine gewisse Radikalität aus. War das schon bei der kleinen Margarete so?

Mitscherlich: Ich war ein trotziges Kind. Man konnte alles bei mir erreichen, wenn man nett war, aber man konnte mich zu nichts zwingen. Wenn ich nicht wollte, kriegte man keinen Bissen in meinen Mund. Ich hatte eine sehr gute Freundin. Wir waren das, was die Engländer tomboy nennen: Wir trugen nur Hosen und kurze Haare, während die anderen Zöpfe hatten. Später, mit acht oder neun, trugen wir auch Röcke, aber möglichst kurze. Und wir liebten es, am Waldrand Purzelbäume zu schlagen und dabei unseren halb nackten Po zu zeigen – nur aus Lust, andere Menschen zu empören.

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ZEITmagazin: 1947 haben Sie Alexander Mitscherlich kennengelernt, der damals noch verheiratet war. Sie sagten einmal, das sei Ihr einziger One-Night-Stand gewesen. Das war zu dieser Zeit wohl sehr unüblich.

Mitscherlich: Nun, ich war 30 und hatte eine langjährige Beziehung mit einem Mann gehabt. Der war ein intelligenter, aber durchaus gestörter Mensch. Das war mehr eine Mitleidsbeziehung. Sexuell hatte ich mit ihm nicht viel Freude. Ich war immer froh, wenn es vorbei war. Die Beziehung ging zu Ende, weil ich mich von ihm trennte – nicht ohne Schuldgefühle, denn er reagierte darauf mit Selbstmorddrohungen. Danach arbeitete ich als Ärztin in Ascona, wo ich Alexander zufällig bei einer Patientin begegnete. Er war ein appetitliches, angenehmes, kluges Wesen und ein sehr attraktiver Mann. Plötzlich hat irgendetwas in mir einen Entschluss gefasst, und wupp...