Diesen Stoff durfte sich dieses Theater natürlich nicht entgehen lassen – und so wollte Wilfried Schulz, der neue Mann am Dresdner Staatsschauspiel, eigentlich schon seine erste Spielzeit mit dem Roman Der Turm eröffnen. Die Uraufführungsrechte hatte er sich bei Suhrkamp gesichert, auch vom Autor kam ein freundliches Ja: Er persönlich, schrieb Uwe Tellkamp an den Intendanten, verstehe vom Theater nichts, dafür sei innerfamiliär seine Frau zuständig – so gebe er die Dramatisierung des Textes gern in fremde Hände, während er selbst sich auf die Filmversion konzentrieren wolle.

Doch damals, im Herbst 2009, kam das große Projekt noch nicht zustande: Schulz fand keinen Regisseur, der es sich zutraute. Alle wussten ja nur zu gut, worauf sie sich einlassen würden. Tellkamps monumentale Geschichte aus einem versunkenen Land, 2008 veröffentlicht und inzwischen über 700.000 Mal verkauft, ist für Dresden ein Schlüsselroman: Er spielt in dieser Stadt, im Villenviertel Weißer Hirsch, er erzählt vom schwierigen Alltag in den Untergangsjahren der DDR, einem Alltag zwischen Rückzug und Anpassung, Innerlichkeit und Resignation. Damit trifft er tief ins Herz und ins Selbstverständnis eines Dresdner Kulturbürgertums, dessen prekärer Stolz es ist, die geschichtlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, Faschismus wie Kommunismus, in den Nischen von Tradition, Familie und Hausmusik intakt überstanden zu haben.

Heimspiel heißt nicht: Erfolgsgarantie – gerade vor Ort kann vieles schiefgehen. Doch nun, nach der Uraufführung, der fast einhelligen Zustimmung bei Publikum wie Kritik, weiß man: Schulz hat doch noch den richtigen Regisseur für den Turm gefunden. Wolfgang Engel, einer der Großen des DDR-Theaters und nach der Wende Intendant in Leipzig, kennt Dresden aus dem Effeff: Von 1980 bis 1989, gerade in den Jahren, von denen Tellkamp berichtet, war er Hausregisseur am Staatsschauspiel. Man spürt in seiner Inszenierung immer Nähe und Abstand zugleich, Ernsthaftigkeit und Zweifel. Nie zieht Engel das bildungsbürgerliche Refugium ins Lächerliche, nie karikiert er es, allenfalls ironisiert er es sanft. Aber ebenso wenig umgibt er die "Türmer" mit der Aura elitärer Sehnsüchte – der Abend erlaubt niemandem, die Dresdner Nostalgie, die von Tellkamp so genannte "süße Krankheit Gestern" auszukosten. Der vorherrschende Grundton ist: Sachlichkeit.

Dafür sorgt schon Olaf Altmanns Bühne. Eine Wand von Balkonen türmt sich auf, verbunden nur durch Leitern und Geländer. Ein Konstrukt, das Distanz und Annäherung, Konfrontation und Isolation ermöglicht. Die einen nehmen feste Positionen ein, andere lavieren gefährlich. Beste Hanglage wie am Weißen Hirschen, ein Auf und Ab für Kraxler zwischen den Welten, Arbeitsterrain für Horch und Guck, der Raum weckt viele Assoziationen. Auf diese starke Bildmetapher vor allem verlässt sich die Regie, ebenso auf die Spielintelligenz der fünfzehn Akteure, und letztlich, in den langen Wortwechseln und Streitgesprächen der fast dreieinhalbstündigen Aufführung, ganz auf den Romantext selbst, den Jens Groß und Armin Petras für die Bühne geschickt montiert haben, ohne seine Komplexität und den schier unendlichen Detaillismus nachstellen zu können und zu wollen. In der Summe verdient der Dresdner Turm großen Respekt – auch wenn, wie stets bei solchen Schwertransporten von einem ins andere Medium, die Frage bleibt: Welchen theatralischen Mehrwert hat die Bühnenadaption dem Text wirklich erbracht?

Doch lässt sich gerade dieser Abend ohnehin nicht nur nach ästhetischen Kriterien vermessen. Man muss ihn als Teil einer Debatte verstehen, von der der Intendant "mit einiger Freude" konstatiert, dass sie jetzt innerhalb der Stadt immer stärker in Gang kommt. Es ist eine Debatte, die sich mit Projektionen, mit Selbst- und Wunschbildern auseinandersetzt, mit diesem für Dresden so typischen Bürgerbewusstsein, das sich, laut Schulz, als "eine Mischung aus modernem Konservatismus und wirtschaftlichem Prosperitätsdenken" darstellt. Schulz, das wird im Gespräch deutlich, misstraut der neuen gesamtdeutschen Dresden-Euphorie, dem Mythos, hier habe ein durch Kunst und Kultur immunisiertes Bürgertum wie in einem Kyffhäuser die Schrecken zweier Diktaturen einfach ausgesessen. Er erinnert an das Ausmaß von Konformismus und Opportunismus, das diesen Weg begleitete; er sieht den sozialen Sprengstoff, der auch im heutigen Dresden "zwischen Villenvorort und Plattenbau" nistet. Schulz sieht das Bürgertum in der Verantwortung, sich "auf der Gleitschiene nach rechts" deutlich abzugrenzen, Dresden nicht nur als Opfer-, sondern auch als Täterstadt zu begreifen und die mentalen Schäden, die der Totalitarismus anrichtete, nicht zu verdrängen, sondern aufzuarbeiten. Und er ist sich sicher: Allein was das Unternehmen Turm in seinem jung-alten, Ost-West-gemischten Ensemble an Diskussionen ausgelöst habe, sei "eine wahnsinnig wichtige Erfahrung".

Schulz gehört zu den nicht eben zahlreichen politisch denkenden Intendanten in Deutschland – auch wenn ihm manche Kritiker gern einen gewissen Spielplan-Populismus vorwerfen. In Wahrheit schließt das eine das andere nicht aus: Schulz hält, auch darin ist er politisch, gar nichts von halb leeren, durch elitäre Exerzitien ausgedünnten Häusern. Dresden ist für ihn, nach neun Jahren "zu leicht gewordener Erfolge" in Hannover, die neue Herausforderung, die er bewusst suchte. Ausgestattet mit einem Fünfjahresvertrag und einer Verlängerungsoption, will der heute 58-Jährige hier herausfinden, wohin der totale Utopieverlust von 89 geführt hat und wie der Begriff von Bürgerlichkeit heute noch mit den Werten der Aufklärung zu füllen ist. Schulz sieht die produktive Auseinandersetzung mit dem Konservatismus in allen Varianten als eine Konstante seiner Biografie: "Es ist der Reiz dieser Arbeit – und es ist meine Wut."

"Angekommen" sei er in Dresden, hat er schon am Ende seiner ersten Spielzeit gesagt – und es klang erleichtert. Geglückt sind Schulz sicher die Verjüngung des Publikums, die Erneuerung des Ensembles und die ästhetische Modernisierung des Repertoires. Ein Nachholbedarf war unverkennbar – viele Spielformen des neueren Regietheaters, mit Ausnahme von Volker Löschs "Bürgerchören", waren in Dresden bisher noch nie vorgestellt worden. "Geht das überhaupt", so hieß es denn auch gleich, " Romeo und Julia mit der Bierdose in der Hand?" Dass es geht, gehen kann, steht inzwischen für große Teile des Dresdner Publikums fest. Manche ältere Zuschauer allerdings kommen nicht mehr.