Bisher war Michael de Ridder die streitbare Ausnahme. Ende Juli hatte der Berliner Mediziner für die ärztliche Beihilfe zum Suizid plädiert. Einem Sterbenden beim Sterben zu helfen, hatte er als »Ausdruck äußerster empathischer Zuwendung des Arztes zu seinem Patienten« verteidigt . Dass ein Arzt diesen Tabubruch wagte, war noch nicht das Besondere – sondern der Umstand, dass de Ridder selbst ein Palliativmediziner ist. Diese Fachrichtung versteht sich traditionell als Gralshüter des Weiterlebens um jeden Preis. Wenn ein Sterbenskranker so sehr leide, dass er von seinem Arzt Hilfe zum Suizid fordere, so sehen es Palliativmediziner, dann sei der Patient nur noch nicht ausreichend mit Schmerzmitteln oder psychologischem Beistand versorgt. Die Statuten der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) verbieten, den Sterbeprozess zu beschleunigen.

Doch wie die jüngste Ausgabe des Fachjournals Palliative Medizin nahelegt, ist de Ridders Position unter seinen Fachkollegen gar nicht so selten. In einer Befragung der Ruhr-Universität Bochum (RUB) gaben manche deutsche Palliativmediziner zu, dass sie ihren Patienten das Sterben erleichtern. Und mehr noch: dass sie es mitunter sogar aktiv verkürzen. Dieser Befund sorgte beim Jahrestreffen der DGP Anfang September in Dresden für einige Aufregung, denn er wirft Fragen auf: Handelt es sich um schwarze Schafe der Zunft, die zurechtgewiesen werden sollten? Oder hat sich im Widerspruch zu der idealistischen Selbstbeschränkung längst eine abweichende Praxis etabliert?

Die Medizinethiker der RUB hatten die rund 1600 DGP-Mitglieder befragt, wie sie es in den vergangenen zwölf Monaten mit sterbenskranken Patienten gehalten haben? Im Gegensatz zu anderen Erhebungen – etwa der Umfrage der Bundesärztekammer in diesem Jahr – ging es diesmal nicht darum, was Ärzte theoretisch tun würden, sondern darum, was sie wirklich getan hatten. Detailliert, mit fast 50 Einzelfragen wurde die palliative Praxis durchleuchtet. Zum Beispiel: Haben Sie Behandlungsmöglichkeiten zurückgehalten? War die Beschleunigung des Sterbens teilweise die Intention Ihres Handelns?

Für 780 Todesfälle gaben die ausgefüllten Fragebögen Auskunft, sie enthielten Verblüffendes. Nicht nur, dass bei drei Vierteln der Fälle in der letzten Lebensphase Symptome gelindert worden waren (dies wird zum Beispiel durch hohe Dosen von Opiaten erreicht) und die betreuenden Ärzte dabei eine mögliche Lebensverkürzung in Kauf genommen hatten: »In zehn Fällen«, heißt es, »wurde der Tod gezielt durch Substanzen herbeigeführt [...]. In 47 Fällen wurden die Patienten nicht über eine mögliche Lebensverkürzung informiert, obgleich sie zum Zeitpunkt der Entscheidung als selbstbestimmungsfähig eingeschätzt wurden.«

Diese Ergebnisse konnten den Palliativmedizinern nicht behagen, widersprechen sie doch ihrem Selbstverständnis. Christof Müller-Busch, bis zum Jahrestreffen noch DGP-Präsident, distanzierte sich. »Da waren eine ganze Reihe von bewusstseinsgestörten Patienten dabei, die nicht kompetent waren«, sagt er über die Nichtaufgeklärten. Auch die Formulierung der Presseerklärung »für einen Teil der betroffenen Patienten (wurde) ein früherer Todeseintritt erwartet« bezeichnet Müller-Busch als »falsch« und verweist auf sprachliche Feinheiten. Es sei um die »potenzielle Lebensverkürzung« gegangen und nicht darum, dass die Ärzte den Tod ihrer Patienten »in Kauf genommen« hätten. Und die zehn Fälle aktiver Sterbehilfe, von denen neun allem Anschein nach – strafbares – Töten auf Verlangen des Patienten waren? »Wenn man mal von 780 Todesfällen ausgeht«, rechnet Müller-Busch vor, »dann sind das 1,3 Prozent.«

Das Erstaunliche: Müller-Busch war selbst einer der Autoren der Studie. Der Palliativmediziner hat offenbar als Wissenschaftler etwas angestoßen, das ihm als Funktionär über den Kopf gewachsen ist.

Der Studienleiter, Jochen Vollmann, zieht denn auch einen ganz anderen Schluss: »Die offiziellen Verlautbarungen zum ärztlichen Standesethos stimmen offenbar nicht mit den moralischen Bewertungen und (den) Handlungen überein.« Dass Patienten nicht aufgeklärt wurden, halte er zwar für einen unentschuldbaren Fehler. Generell aber sei die strikte Ablehnung aktiver Sterbehilfe durch die Palliativmediziner überholt. Angesichts empirischer Ergebnisse, der breiten Debatte und einer neuen, von Wertepluralismus geprägten Ärztegeneration sagt Vollmann voraus: Was heute schon Praxis ist, wird bald auch gesellschaftlich akzeptiert sein. »Innerhalb von zehn Jahren ist das gelaufen – vielleicht sogar noch schneller.«