Hartz-IV Die Frau, die Kanzler kann

Lange war Ursula von der Leyen das liberale Aushängeschild der CDU. Als Hartz-IV-Reformerin macht sie erstmals konservative Politik.

Die kleine Frau am Rednerpult macht sich ganz groß, sie breitet ihre Arme aus und wippt auf ihren Zehenspitzen. Ursula von der Leyen hält eine Festrede im Deutschen Historischen Museum, die Bundesarbeitsministerin vertritt die Kanzlerin.

Hinter ihr stehen dicke Marmorsäulen, vor ihr sitzen fünfhundert Zuhörer, es ist ein Saal für große Gesten. Genau hier hat Angela Merkel, damals noch Oppositionschefin, vor sieben Jahren versucht, mit einer programmatischen Grundsatzrede ihre Partei neu zu verorten. Es ging um Jahrhundertreformen und den Abschied vom Sozialstaat alter Prägung. Diesmal redet von der Leyen, die Frau, die als Bundespräsidentin gehandelt wurde und die seither als kanzlerfähig gilt. Seit dem vergangenen Wochenende steckt auch sie in einer Sozialstaatsdebatte, von der nicht feststeht, ob sie ihr schadet oder nützt.

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364 Euro: Diese Zahl wird sich, wenn es schlecht für von der Leyen läuft, für lange Zeit mit dem Namen von Deutschlands beliebtester Ministerin verbinden – so wie die Praxisgebühr von zehn Euro mit dem Namen Ulla Schmidts verknüpft ist und die Rente ab 67 mit dem von Franz Müntefering. 364 Euro – so viel staatliche Unterstützung plus Wohnungsmiete steht einem Arbeitslosen zu, das ergeben die Berechnungen von Ursula von der Leyens Beamten aus dem Bundesarbeitsministerium. Die Opposition vermutet Trickserei. Auf jeden Fall ist der geplante Zuwachs von fünf Euro für jeden Arbeitslosen so klein, dass er die Sozialverbände weit über das übliche Gemaule hinaus empört. Sicher ist auch, dass die Debatte Ursula von der Leyens Politik verändern wird.

Wer ein Gegenmodell zu Merkel sucht, kann es in von der Leyen finden

Zum ersten Mal kämpft von der Leyen gegen alle Linken für ein Projekt der bürgerlichen Koalition. Sie wird verteidigen müssen, dass die Regierung Steuernachlässe für Hoteliers finanziert, aber keinen nennenswerten Einkommensanstieg für viele Arme. Sie wird Beifall von Menschen erhalten, denen im Frühjahr Guido Westerwelles Warnung vor einer »spätrömischen Dekadenz« gefiel – eine Formulierung, die sie überflüssig und unangemessen fand.

Für ihre früheren Projekte als Familienministerin, den Kita-Ausbau und das Elterngeld, bekam von der Leyen viel Unterstützung von der SPD. Und auch als Arbeitsministerin war sie zunächst schwer angreifbar für SPD und Grüne. Die Gewerkschaften lobten sie für die Einführung von Branchen-Mindestlöhnen. Die Sozialverbände freuten sich über das geplante Bildungspaket für arme Kinder, das kostenloses Mittagessen, Nachhilfe und Musikunterricht bieten soll. Als »Glücksfall« pries Ulrich Schneider, Armenlobbyist vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, die Ministerin noch vor wenigen Wochen. Jetzt sagt er: »Ich bin von Frau von der Leyen sehr enttäuscht.«

In diesem Herbst formieren sich die politischen Lager. Die Unterschiede zwischen Regierung und Opposition sind deutlicher geworden, erst in der Atom- und der Gesundheitspolitik, nun beim Umgang mit den Hartz-IV-Empfängern. Ursula von der Leyens Zahl, 364 Euro, markiert auch einen letzten Abschied von der Großen Koalition.

Und sie macht Unterschiede innerhalb der Regierung sichtbarer – zum Beispiel zwischen von der Leyen und der Kanzlerin. Lange Zeit hieß es, Ursula von der Leyen ähnle Angela Merkel sehr. Mancher nannte sie gar einen Klon. Beide Frauen, die Ärztin von der Leyen und die Physikerin Merkel, sind Naturwissenschaftlerin, pragmatisch, rational, intelligent, populär, geprägt durch späten Einstieg und schnellen Aufstieg in der Partei – und durch vergleichsweise lange Lebenserfahrung jenseits der Politik.

Leser-Kommentare
  1. ...und kaum hatte ich die Überschrift gelesen dacht' ich nur "Um Gottes Willen, DIE hat mir in dem Job gerade noch gefehlt"

    Dann auf der Arbeit erzähl ich die Überschrift einem Kollegen und kaum habe ich "Die Frau, die Kanzler kann" fertiggesagt, kommt "Um Gottes Willen, das fehlt gerade noch..."

    Ich zitiere nur das folgende:
    "Beide Frauen, die Ärztin von der Leyen und die Physikerin Merkel, sind Naturwissenschaftlerin, pragmatisch, rational, intelligent, populär, geprägt durch späten Einstieg und schnellen Aufstieg in der Partei – und durch vergleichsweise lange Lebenserfahrung jenseits der Politik."

    Ja, Frau v.d. Leyen ist populär, man glaubt es kaum, aber die Umfragen sagen es.

    Statt "pragmatisch, rational, intelligent, populär" könnte beide aber auch "machtbessen, amoralisch, kalt berechnend und populistisch" nennen, beide lassen sich von Fakten in ihrer Argumentation nicht beeindrucken, wenn es ihrem Machtkalkül im Wege steht.

    Insofern, schaut man sich die letzten drei, vier Kanzler dr Republik an, dann kann man nur sagen, JA, Frau von der Leyen kann ohne Zweifel Kanzler.

  2. Ich würde sogar Westerwelle von der Leyen vorziehen, bitte nicht.

    • Timo K
    • 03.10.2010 um 19:35 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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    • Timo K
    • 03.10.2010 um 23:26 Uhr

    Lese ich die Kommentare hier, dann war der Beitrag unglaublich sachlich.
    Oder sehen sie hier Frau vdl Liebe entgegenspringen?

    • Timo K
    • 03.10.2010 um 23:26 Uhr

    Lese ich die Kommentare hier, dann war der Beitrag unglaublich sachlich.
    Oder sehen sie hier Frau vdl Liebe entgegenspringen?

  3. 4. Sorry

    Ich sehe bei dem Beitrag hier nur ein Stoppschild, was ist denn da wieder los?

  4. ...geliebt vom Volk und noch viel mehr von den Medien.

    Davon, dass sie z.B. in Kreisen der "Digital Natives" verachtet bis gradezu verhasst ist, kein Wort in diesem Beitrag. Interessant, dass das Wort "Zensursula" kein einziges Mal fällt. Ihr großangelegtes Projekt der Internetzensur, das mit populistischsten Reden, Lügen und Verunglimpfung der Gegner befeuert wurde, wo ist es hin? Es liegt auf Eis, und wird da hoffentlich auch bleiben.

    Das Elterngeld (vulgo: "Akademikerwurfprämie", V.Pispers)? Keine schlechte Sache an sich, nur hat es sein Ziel, die Geburtenrate, (besonders in der Mittelschicht) messbar zu steigern, leider verfehlt.

    Und jetzt die 364 Euro. 5 Euro mehr, eigentlich ein Witz, eine Provokation, größer noch, als wenn es gar keine Erhöhung gegeben hätte.

    Frau v.d.Leyen wird für ihr Aussehen und ihr Auftreten gemocht. Das hat sie mit zu Guttenberg, der auch bisher NICHTS auf die Reihe gebracht hat und dennoch in den Umfragen der beliebteste Politiker ist, gemeinsam.

    Wenn man Leute fragt, warum sie v.d.Leyen so schätzen ist die Antwort meist: "Ich weiß nicht, die macht was. Ich find' die gut".

    Tja...ich nicht.

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    ...das war schonmal ganz ordentlich.

    • fh17
    • 03.10.2010 um 23:11 Uhr

    Die Charakterisierung der Frau v.d.Leyen ist sehr schön;
    machtorientiertes Verhalten und mangelhafte Wahrnehmung
    davon (in der Öffentlichkeit) findet sich allerdings
    (fast ein Standard) überall im poltischen Raum.

    • w.h.k.
    • 04.10.2010 um 7:17 Uhr

    ... als "liberales Aushängeschild" zu bezeichnen, war aber ein schöner Lacher. :-))

    ...das war schonmal ganz ordentlich.

    • fh17
    • 03.10.2010 um 23:11 Uhr

    Die Charakterisierung der Frau v.d.Leyen ist sehr schön;
    machtorientiertes Verhalten und mangelhafte Wahrnehmung
    davon (in der Öffentlichkeit) findet sich allerdings
    (fast ein Standard) überall im poltischen Raum.

    • w.h.k.
    • 04.10.2010 um 7:17 Uhr

    ... als "liberales Aushängeschild" zu bezeichnen, war aber ein schöner Lacher. :-))

    • optun
    • 03.10.2010 um 19:45 Uhr
    6. Murks

    Das kann ich nur begrüßen, denn da kommen wir vom Regen in die Traufe und unser Land ist dann total kaputt. Frau von der Leyen hat bis jetzt bewiesen, dass sie sich total unterordnet und auch nur herumeiert. Ich bin sowieso erstaunt, dass eine ehemälige Ärztin sich zutraut, ein solches Ministerium zu leiten. Ja, ich weiß, Wessis können das und Frau Leyen ist sowieso gut für dieses Amt, hat sie ja eine Menge Kinder und weiß darüber bescheid. Nichts weiß diese Frau, gar nichts! Als Gesundheitsministerin wäre sie zu verwenden gewesen, aber das hat Merkel feige an die FDP abgegeben.
    Nein, die ganze Merkelregierung ist ein einziger Murks.

    Eine Leser-Empfehlung
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    • Timo K
    • 03.10.2010 um 19:53 Uhr

    sollte man auch als solche gearbeitet haben, soweit mir bekannt nach kurzem googlen zu vdl, ist dies niemals der Fall gewesen.
    Im besten Falle ist die Dame als Langzeitstudentin, die es dann gegen Ende zum Abschluss des Studiums gebracht hat, zu bezeichnen.
    Man korrigiere mich und belege dies, falls ich mich irre.

    • Timo K
    • 03.10.2010 um 19:53 Uhr

    sollte man auch als solche gearbeitet haben, soweit mir bekannt nach kurzem googlen zu vdl, ist dies niemals der Fall gewesen.
    Im besten Falle ist die Dame als Langzeitstudentin, die es dann gegen Ende zum Abschluss des Studiums gebracht hat, zu bezeichnen.
    Man korrigiere mich und belege dies, falls ich mich irre.

  5. ... hat Zenursula sich eigentlich die übertriebenen Gesten abgeguckt? Scheinbar glaubt sie ihren eigenen Aussagen nicht, dass sie jedes Wort mit ihrem penetranten eingeübten Herumgefuchtel unterstreichen muß?

    Viel schlimmer sind aber die Inhalte. Sie zeigen, dass diese Frau in einer Welt, fern der Realität normaler Menschen, aufgewachsen ist und, wie im Artikel geschrieben, sich wirklich nicht von Fakten beeinflußen läßt.

    In meinen Augen ist diese Frau in der Tat nicht sonderlich intelligent, sondern einfach Machtgeil.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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