Gehört der Islam zu Deutschland? Das hat der Bundespräsident in seiner Rede zum Jahrestag der deutschen Einheit behauptet. Der Satz hat etwas Schillerndes, Doppeldeutiges. Man kann ihn nämlich deskriptiv verstehen, als neutrale Beschreibung eines simplen Faktums. Man kann ihn aber auch normativ verstehen, als Aufruf zur Erfüllung eines höheren Auftrags. Im einen Fall stellen wir fest: Es gibt in Deutschland den Islam. Im andern: Der Islam ist Bestandteil der deutschen Kultur.

Christian Wulff nun hat ausdrücklich beide Bedeutungen angesprochen. Wenn er sich an die »deutschen Muslime und Musliminnen« wendet und sagt: »Ja, natürlich bin ich Ihr Präsident! Und zwar mit der Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich der Präsident aller Menschen bin, die hier in Deutschland leben«, so ist das ebenso schön gesagt wie selbstverständlich. Er ist der Präsident aller, ob Kind oder Greis, Mann oder Frau, Katholik oder Atheist, Hindu oder Muslim. Wenn er aber sagt: »Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland «, so postuliert er damit einen kulturellen Zusammenhang, und er verwischt auf ungute Weise die Unterschiede. Das würde, wenn er recht hätte, darauf hinauslaufen, dass wir nicht mehr in gewohnter Weise von der christlich-jüdischen Kultur, aus deren langer Tradition wir kommen, sprechen dürften, sondern dass wir in einer christlich-jüdisch-muslimischen Kultur lebten.

Ganz abgesehen davon, dass eine solche Verkoppelung nicht allen Christen und schon gar nicht allen Juden gefallen dürfte – es gibt diese Kultur nicht. Vielleicht wird es sie eines Tages geben. Einstweilen aber empfiehlt es sich, die Besonderheit der beiden Welten wahrzunehmen und anzuerkennen. Wer zum Beispiel die Präambel unseres Grundgesetzes liest, wo es heißt: »Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das Deutsche Volk dieses Grundgesetz gegeben«, der sieht, dass hier zwei polare Gewalten benannt werden, das Deutsche Volk, das im Begriff ist, einen Staat zu gründen, auf der einen und Gott auf der anderen Seite.

Diese Gewaltenteilung geht zurück auf das Alte Testament, in dem die Propheten als Sprecher Gottes den weltlichen jüdischen Herrschern oftmals in den Arm fallen. Sie gipfelt in dem Satz von Jesus: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Sie findet ihre Ausarbeitung bei Augustinus und seiner Lehre von den zwei Reichen. Es war der Augustinermönch Luther, der diesen Gedanken gegen eine Kirche stark machte, die ihn vergessen und die politische Gewalt usurpiert hatte.

Und wer im Grundgesetz weiterliest, der findet zwei Sätze, die unser Selbstverständnis ebenso lapidar wie grandios enthalten: »Die Würde des Menschen ist unantastbar« (Artikel 1.1) und »Die Freiheit der Person ist unverletzlich« (2.2). Sie sind nicht denkbar ohne jenes Verständnis von der uneingeschränkten Verantwortlichkeit der Person, das seine Wurzeln in der Philosophie der Antike hat und schließlich in der Aufklärung zu neuer Entfaltung kam. Daraus entstand die Idee unveräußerlicher Menschenrechte.

Es ist wahr, dass die Christen die christliche Botschaft nicht selten aufs Erbärmlichste verletzt haben, und es stimmt, dass die aufgeklärten Europäer die fürchterlichsten Kriege und Massaker zu verantworten haben. Aber die rabiateste Kritik am Christentum kam von den Christen selber, und die europäische Fähigkeit zur Selbstkritik und zur Aneignung des Fremden ist eine erwähnenswerte Tugend. Selbst die wütendsten Religionsverächter und die heftigsten Kritiker unserer Lebensweise besitzen selbstverständlich das Recht auf Meinungsfreiheit, und niemand darf es ihnen streitig machen. Auch das gehört zur deutschen Kultur.

 

Der Respekt voreinander gebietet es, die Unterschiede gelten zu lassen

Der Islam jedoch kennt diesen Begriff der personalen Freiheit nicht in derselben Weise. Auch die Idee der Gewaltenteilung ist vielen seiner Anhänger fremd, sie machen keinen Unterschied zwischen göttlichem und weltlichem Recht. Wenn aber der notorische Einwand, es gebe »den« Islam schlechterdings nicht, richtig ist, dann kann man nicht sagen, »der« Islam gehöre zu Deutschland. Ist er jedoch falsch, dann kann man nicht von einer Äquidistanz der Religionen zu unserer Rechtskultur sprechen. Es leben in diesem Land nicht wenige Inder und Chinesen. Gleichwohl käme niemand auf die Idee, davon zu reden, der Buddhismus gehöre zu Deutschland, obwohl die Achtung vor ihm verbreitet ist. Die Zahl der Muslime ist ungleich größer, aber es ändert nichts daran, dass die muslimische Kultur nicht in derselben Weise zu Deutschland gehört wie die jüdische oder christliche.

Die Achtung vor dem Islam versteht sich hierzulande leider nicht von selbst, und einer wachsenden Entfremdung oder gar Feindseligkeit entgegenzuwirken war das hochherzige Motiv der Rede des Bundespräsidenten. Aber der Respekt voreinander gebietet es, die Unterschiede gelten zu lassen, und das heißt auch: nicht eine Kultur einverleiben zu wollen, die ihr eigenes Recht und ihre eigene Tradition besitzt.

Christian Wulff hat mit seiner Rede den deutschen Muslimen die Hand dargeboten und »Friede sei mit Euch!« gesagt. Wenn die Muslime ihm antworten: »Salam alaikum!«, dann ist damit mehr gewonnen als mit einer eilfertigen Überdehnung dessen, was Deutschland und seine Kultur im Kern bestimmt – jedenfalls hier und jetzt.

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