DIE ZEIT: Es heißt von der Autorität, dass man sie entweder hat oder nicht hat. Gilt das auch für Lehrer ?

Roland Reichenbach: Autorität hat man nicht. Sie wird einem vielmehr zugesprochen, oder eben nicht. Eine wichtige Quelle der Anerkennung der Lehrperson als Autorität ist ihr Wissensvorsprung. Diesen fachlichen Vorsprung kann sich jeder Lehrer im Studium aneignen. Wer gut turnen oder zeichnen kann, wer eine Sprache nahezu perfekt beherrscht oder umfassende literarische Kenntnisse besitzt, von dem lässt man sich in der Regel etwas sagen. Wer in seinem Fach dagegen häufig Fehler macht oder nur mit den ewig gleichen Routinen unterrichtet, hat es schwerer, als Autorität anerkannt zu werden. Schüler haben dafür ein teilweise ausgeprägtes Sensorium.

ZEIT: Nun ist das Begeisterungspotenzial eines Mathelehrers allerdings auch begrenzt…

Reichenbach: Einige Fächer haben es wohl schwerer, obwohl jeder Lehrer für sein Fach brennen kann. Aber nicht nur das Wissen und die Leidenschaft, dieses zu vermitteln, schaffen Anerkennung, sondern ebenso die Art der Beziehung zu der Klasse. Wenn ich als Schüler erfahre, dass die Lehrerin offenbar tatsächlich will, dass ich Mathematik begreife, obwohl ich mit Zahlen wenig anfangen kann, dann werde ich ihre Autorität leichter anerkennen. Denn ich merke: Diese Lehrerin da vorne ist nicht nur an ihrem Fach interessiert, sondern offenbar an mir und meinem Lernfortschritt in diesem Fach. Dieses Gefühl – ernst genommen zu werden –, ist von fundamentaler Bedeutung.

ZEIT: Dieser Enthusiasmus für den Unterricht überträgt sich aber nur selten auf alle Schüler und hält kaum 45 Minuten lang.

Reichenbach: Trotzdem gelingt Unterricht in den meisten Fällen. Das hat auch mit einer weiteren Quelle der Autorität zu tun: dem sogenannten "Classroom Management". Zur pädagogischen Führung gehören etwa klare Anweisungen, transparente Ziele und damit verbunden ein gut strukturierter Unterricht. Der hilft besonders den schwächeren Schülern, die sich selber nicht so gut organisieren können. Hinzu kommt aber auch der souveräne Umgang mit Störungen. Erfahrene Lehrpersonen erkennen früh mögliche Störherde und greifen angemessen ein. Gewisse Routinen können Lehrer in ihrer Ausbildung üben, andere eignen sie sich erst im Laufe ihres Berufslebens an.

ZEIT: Sie haben bislang nicht ein einziges Mal das Wort Begabung oder Persönlichkeit benutzt.

Reichenbach: Man redet immer dann von der Lehrerpersönlichkeit, wenn man nicht mehr weiter weiß. Alle Versuche von Erziehungswissenschaft und Psychologie, über die Persönlichkeit idealer oder besonders "guter Lehrer" Aussagen zu machen, sind mehr oder weniger gescheitert.

ZEIT: Dabei kennt doch sicher jeder aus seiner Schulzeit wenigstens ein Beispiel für einen guten Lehrer, der zugleich Autoritätsperson war.

Reichenbach: Natürlich gibt es den charismatischen Pädagogen. Er ist aber die Ausnahme. Mehrfach wurde versucht, Vorzeigelehrer auf ihre Charaktereigenschaften hin zu untersuchen. Sie sind fachlich versiert, unter Schülern beliebt, bei ihren Kollegen geachtet. Was man aber nie fand, sind Persönlichkeitszüge, die alle diese Lehrer teilten. Introvertierte Lehrer können ebenso wie extrovertierte, eher ängstliche ebenso wie eher mutige Pädagogen hervorragende Leistungen zeigen. Weder Geschlecht noch Alter oder Fach spielten eine Rolle.

ZEIT: Bedeutet das umgekehrt, jeder Lehrer kann Autorität gewinnen?

Reichenbach: Autorität ist eine Art Vertrauen. Zynische Personen etwa verdienen dieses Vertrauen nicht. Lehrpersonen, denen die Entwicklung der Schüler gleichgültig ist, sollten den Job wechseln. Umgekehrt sollte, wer im Beruf vor allem Lob und viele Erfolgserlebnisse erwartet, auch nicht unbedingt Lehrer werden. Wie vielgestaltig Autorität auftreten kann, zeigt sich übrigens auch im kulturellen Vergleich.

ZEIT: Inwiefern?

Reichenbach: Interessant finde ich die unterschiedlichen Unterrichtsstile in Frankreich und Deutschland. Französische Lehrpersonen, die in Deutschland hospitieren, sind oft entsetzt über das offene und diskussionsfreudige Lernklima hierzulande, welches einen recht hohen Lärmpegel mit sich bringen kann. Deutsche Pädagogen stört dagegen umgekehrt der viel stärker von bloßer Wissensvermittlung und nicht zu hinterfragender Lenkung geprägte Unterricht in Frankreich. Dennoch sind die jungen Franzosen, die die Schule verlassen, ja gar keine Duckmäuser. Und die jungen Deutschen keine undisziplinierten Chaoten. Es gibt also viel Varianz, und die Wirkungen sind nicht so eindeutig, wie man befürchtet – oder sich auch erhofft. Ein stark gelenkter Unterricht hat durchaus seine Vorzüge.

 

ZEIT: Haben es andere Nationen leichter mit der Autorität im Klassenraum?

Reichenbach: In Frankreich oder in den USA geht man mit pädagogischer Autorität unbefangener um als im deutschsprachigen Raum. Man spricht im angelsächsischen Raum ganz unverkrampft vom leadership eines Lehrers.

ZEIT: "Führung", bei diesem Begriff schrecken wir in Deutschland aber zurück.

Reichenbach: Der Missbrauch von Autorität und Gehorsam in der deutschen Vergangenheit scheint bis heute im pädagogischen Denken und in der Unterrichtspraxis nachzuwirken. Das ist verständlich, aber problematisch. Denn praktisch jede pädagogische Tätigkeit ist mit Führungsaufgaben verbunden. Darauf verweist ja schon der Wortteil agoge in "Pädagoge", was "Führen" von Kindern bedeutet. Während etwa der "Dem-agoge" – mit gutem Grund – ganz diffamiert ist, erscheinen die Päd-agogen manchen offenbar nur dann legitimiert, wenn sie ihre Führungsaufgabe verschleiern oder gar ableugnen.

ZEIT: Was unterscheidet einen autoritären Lehrer von einem Lehrer mit Autorität?

Reichenbach: Zugespitzt könnte man es so formulieren: Eine autoritäre Lehrperson besitzt keine Autorität oder hat sie verloren, während eine Lehrperson, der Autorität zuerkannt wird, kein autoritäres Verhalten braucht. Denn der Schüler ist – mal mehr und mal weniger – bereit, sich führen und anleiten zu lassen. Eine so verstandene Autorität erwirbt ein Lehrer nur sehr begrenzt durch Amt oder Alter. Vielmehr muss er sie immer wieder neu gewinnen.

ZEIT: Wie leicht hatten es Lehrer da früher!

Reichenbach: Zumindest hatten sie es in vieler Hinsicht leichter. Beispielsweise gab es einen Bildungskanon, den niemand ernsthaft hinterfragt hat. Es galt die Regel, dass Erwachsene sozusagen immer recht haben. Wer den Lehrer herausforderte, musste mitunter mit vehementen Sanktionen rechnen. Und niemand kam auf die Idee, dass Lernen primär Spaß machen sollte. Diese äußeren Bedingungen der Schule haben die Autorität von Lehrern gestärkt. Heute sind sie – natürlich auch zum Glück – geschwächt. Die Schule hat ihre Aura eingebüßt. Nun müssen Lehrer ihre Autorität weitgehend selbst herstellen. Das fällt nicht allen leicht.

ZEIT: In der öffentlichen Diskussion über die Schule ist es mittlerweile üblich, Disziplin einzufordern. Hat dieser Trend die Lehrerzimmer und Klassenräume erreicht?

Reichenbach: Es ist ein Fortschritt, dass in Deutschland über pädagogische Autorität zu reden kein Tabu mehr ist. Dennoch tun sich viele Lehrer mit dem Wort schwer. Genau wie mit der Disziplin, die eine Voraussetzung ist für Unterricht und Erziehung. Diese Selbstverständlichkeiten werden bis heute eher vertuscht, wenn etwa von "Lernpartnerschaften" oder von der Lehrperson als "Begleiterin von Lernprozessen" die Rede ist. Statt Frontalunterricht propagiert man das sogenannte offene und selbstständige Lernen. Dahinter steckt die Illusion, Lehrer und Schüler würden ein symmetrisches Verhältnis pflegen können.

ZEIT: Wieso Illusion?

Reichenbach: Es ist eine eigenartige Gleichberechtigung, in der die eine Seite maßgeblich bestimmt, was die andere jeweils zu tun oder zu lassen hat. Warum etwa sollte sich ein Schüler aus eigenem Antrieb für die Binomischen Formeln interessieren, für den Ablativus absolutus oder den Zitronensäurezyklus? Egal, wie subtil man Schule gestaltet, sie bleibt auch eine Zwangseinrichtung.

ZEIT: Das würden wohl die wenigsten Lehrer von sich aus so ausdrücken!

Reichenbach: Diese grundlegende Tatsache mit politisch korrektem Vokabular zu verschleiern ist unaufrichtig und bringt nichts. Es gehört aber, wie ein Kollege formulierte, zur "Pathologie" des Pädagogenberufs, dass viele Lehrer nicht lehrerhaft sein wollen.

ZEIT: Diese Haltung kann sich doch an der Hauptschule kaum ein Lehrer leisten.

Reichenbach: Richtig. Sozial privilegierten Schülern mit einem bürgerlichen Habitus fällt es in der Regel leichter, so zu tun, als ob sie die Autorität des Lehrers anerkennen würden. Davon profitieren alle. Sie spielen das Spiel oft gewandter, tun so, als ob sie Physik interessieren würde, auch wenn das Gegenteil der Fall ist. Denn sie wissen: Schlechte Noten verderben mir Zukunftschancen. Ganz anders verhält es sich bei einem Hauptschüler, der nicht ernsthaft daran glauben kann, dass er nach der Schule eine Ausbildungsstelle finden wird. Der nicht das Gefühl hat, dass die Gesellschaft auf ihn wartet. Hier versagt die Macht des Versprechens der Schule auf eine Zukunft. Die pädagogische Autorität wird geschwächt. Das Tauschverhältnis "Anerkennung der Autorität gegen Chancen" funktioniert dann nicht mehr.

ZEIT: Dennoch gibt es Lehrer in schwierigen Schulen, die anerkannt sind und guten Unterricht machen.

Reichenbach: Sie haben meine höchste Achtung. Die Gesellschaft sollte daran interessiert sein, die besten Lehrer in die schwierigsten Schulen zu schicken.

Roland Reichenbach ist Professor für Pädagogik in Basel. Zuvor lehrte er an der Universität Münster. Der 48-Jährige ist verantwortlicher Herausgeber der "Zeitschrift für Pädagogik". Demnächst erscheint sein Buch "Pädagogische Autorität. Facetten eines ambivalenten Phänomens"

Das Gespräch führte Martin Spiewak