Mehr Bilderbuch geht nicht: sanft geschwungene Hügel in zartem Grün mit Büschen, wie von einem Maler hingetupft, knorrige Laubbäume am Weiher, Wiesen, durchbrochen von ockerfarbenem Acker und wogenden Feldern. Das alles sieht wunderhübsch aus, vor allem wenn man weiß, dass dieser Teil der Uckermark nicht nur die Heimat der Bundeskanzlerin ist, sondern auch die der Sumpfschildkröte und des Schwarzstorchs.

Die Sonne scheint an diesem Morgen, und ein goldener Glanz liegt über dem Landstrich. Dazu passen die Zahlen, die der Landwirt Stefan Palme in der Lehrschäferei Kath zum wachsenden Wert des Idylls präsentiert. Vor fünf Jahren hat die Bodenverwertungs- und -verwaltungs Gesellschaft (BVVG), die das Land für den Bund zu Geld macht, in Brandenburg durchschnittlich um die 3000 Euro pro Hektar bekommen. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 8000 Euro.

Der Boden ist begehrt – und das längst nicht nur bei denen, die schon lange von ihm leben.

"Es gibt immer mehr Investoren, die ihr Geld außerlandwirtschaftlich verdient haben und dann hier mit dreistelligen Millionenbeträgen ankommen, um Land aufzukaufen", sagt Palme. Wütend habe ihn das gemacht. "Aber wir haben die Wut genutzt, um uns etwas einfallen zu lassen."

Außer Palme und Mitinitiator Rolf-Friedrich Henke sind noch Bauern und Bäuerinnen von zehn anderen Höfen aus der Gegend zu der Feierstunde in das kleine Holzhaus der Lehrschäferei gekommen. Der Landrat ist da, ein Herr von der Bank und die Damen und Herren von der BVVG sind ebenfalls anwesend. In dem kleinen Holzhäuschen hängen Bilder aus Wolle und Plakate, die über die "Chancen für den Landschaftspfleger Schaf" aufklären. Die Holztische sind mit Blümchenservietten geschmückt, es gibt Leberwurst-, Blutwurst-, Ei- und Käseschnittchen.

Stefan Palme nennt in einem kleinen PowerPoint-Vortrag noch mal die Umstände, die überall auf der Welt die Bodenpreise nach oben treiben: Mehr Menschen, mehr Hunger. Mehr Fleischkonsum, mehr Energieverbrauch, mehr Klimaschäden. Das Ackerland wird knapper und immer teurer.

Eine Bank sammelte 12,7 Millionen Euro bei Anlegern ein

In Afrika sichern sich Großinvestoren aus Indien und China Flächen , weil ihr eigenes Land nicht ausreicht, die Bevölkerung zu ernähren. In Neuseeland und Brasilien sind Großanleger und Spekulanten unterwegs. In der Uckermark haben sich die Bauern ihr Land selbst gesichert.

12,7 Millionen Euro hat ihr Ackerland gekostet

Das ehemalige volkseigene DDR-Land, das die BVVG dort verwaltet, soll Stück für Stück möglichst gewinnbringend verkauft werden. Laufen die Pachtverträge der Bauern aus, müssen sie den Boden daher entweder abgeben – oder selbst ersteigern, falls sie das können. Da werden bei den größeren Höfen schon mal siebenstellige Summen fällig.

Palme und die anderen sind stolz darauf, dass sie kürzlich nun das Land, das sie seit Jahren bewirtschaften, ohne eigenes Kapital in Sicherheit gebracht haben. 2550 Hektar haben sie zusammen vorm Ausverkauf gerettet. Die Fläche, größer als 3571 Fußballfelder, ist nun im Bio-Bodenfonds Schorfheide untergebracht, den die sozial-ökologische GLS Bank eigens für diesen Zweck eingerichtet hat. Landrat Dietmar Schulze gratuliert ihnen: "Die Landwirte können beruhigt in die Zukunft blicken."

Es dauerte nur wenige Monate, bis die Bank die nötigen 12,7 Millionen Euro zusammenhatte. "Unsere Kunden sind sehr offen für das Thema Biolandwirtschaft, da habe ich mir von Anfang an wenig Sorgen gemacht", sagt Uwe Greff, der den Fonds für die GLS Bank aufgelegt hat. Weitere Projekte dieser Art sollen folgen.

Dabei geht es nicht darum, die erwartete Wertsteigerung des Bodens für die Anleger zu realisieren. Das Geld wird unbefristet angelegt, es kann also nicht irgendwann zurückgefordert werden. Die Pachtverträge mit den Bauern laufen erst einmal 18 Jahre, mit Option auf Verlängerung. Dafür bekommen die Inhaber der Genussscheine eine garantierte Pachtrendite von 2,5 Prozent. Die wird mit der Pacht der Bauern bezahlt, die den Boden bewirtschaften.

Wolfgang Horstmann, Sprecher der Geschäftsführung der BVVG, ist an diesem Morgen mindestens so feierlich zumute wie den Landwirten. Er macht ein Gesicht wie jemand, der gerade ein sehr gutes Geschäft gemacht hat. Es sei eine einmalige Gelegenheit gewesen, sagt der Mann mit dem grauen Bürstenschnitt und dem prägnanten Kinnbart. Er spricht allerdings nicht davon, dass durch den Erwerb die Zukunft des wohl größten zusammenhängenden Bioanbaugebiets Europas gesichert werden konnte. 12000 Hektar beackern die zwölf Betriebe zusammen. Aber diese Art von Ökoromantik liegt den BVVG-Leuten fern, selbst wenn es sich hier um ein Gebiet inmitten des Unesco-Biosphärenreservats handelt.

"Wir fühlen uns als Landwirte", sagt der gefürchtete Großinvestor

Vielmehr war es laut Horstmann eine einmalige Gelegenheit, rund 1100 Hektar Naturschutzgebiet – davon mehr als die Hälfte Ackerfläche –, die sonst unentgeltlich an einen Naturschutzverband gefallen wären, gleich mit zu vermarkten. Sie gehören zu den 2550 Hektar dazu, die der Fonds gekauft hat. Das war die Karotte, mit der das Land Brandenburg die BVVG gelockt hatte, das Geschäft abzuschließen. Die Bauern verpflichteten sich im Gegenzug, nach Biostandards zu wirtschaften, was die Mehrheit aber ohnehin schon tat. Das verschaffte der BVVG einen zusätzlichen Millionengewinn. Wer kauft, das kümmert die BVVG letztlich wenig. "Für uns gibt es nicht gutes und schlechtes Kapital", sagt Horstmann. Ein Teil seines Gehalts hängt davon ab, wie gut er seine Ziele erfüllt, zu denen auch ein höherer Umsatz gehört.

Das schlechte Kapital, das manifestiert sich für manchen der Biobauern in der Person von Bruno Steinhoff. Er wurde natürlich nicht zur Feierstunde in die Schäferei eingeladen. Aber man kann ihn anrufen, und er ist zum Gespräch bereit.

Mutterboden ist den Bio-Landwirten eine Herzensangelegenheit

Steinhoff, Anfang siebzig, hat sein Geld mit Tischen, Stühlen und Sofas gemacht. Sein Möbelkonzern ist einer der größten Europas. In seiner zweiten Laufbahn macht er in Agrar, im großen Stil, er baut in Ostdeutschland eine Biogasanlage nach der nächsten. Zwölf sind es schon, einige weitere sind in Planung.

Ein Landwirtschaftsfremder, der die Region verschandelt? Ganz so fremd, wie es zunächst scheint, ist Steinhoff das Geschäft mit der Erde nicht. Er kommt aus Oelde, Westfalen, ist der Zweitgeborene von fünf Jungs. "Mich haben sie vom Hof gejagt, der dritte Bruder sollte den Betrieb übernehmen", sagt Steinhoff. Man merkt ihm an, er will noch mal beweisen, dass er doch ein guter Bauer ist. "Ich fühle mich als normaler Landwirt", sagt er. "Wir bewirtschaften den Boden und sind keine Spekulanten."

Klar ist allerdings, dass Steinhoff mehr Geld hat als die meisten seiner Landwirtschaftskollegen, und viel Geld treibt nun mal die Preise. Mit vollen Händen gäben sie das Geld aber nicht aus, protestiert Steinhoffs Tochter am Telefon. "Die Flächen gerade der BVVG sind teilweise unerschwinglich, da unterliegen wir auch oft beim Bieten", sagt Angela Krüger-Steinhoff. Dass das für manche Kleinbauern viel zu viel sei, glaube sie gerne. In Röddelin stehen Biogasanlagen, ebenso in Felgentreu, samt Silageanlagen, in denen der Mais gärt. Mit der Plane obendrauf erinnern sie an Flugzeughangars, die jemand in die Landschaft gepflanzt hat.

Die Agrarholding der Familie hat bereits einen Betrieb in der Schorfheide aufgekauft. Steinhoff will auch hier Biogasanlagen bauen. Vor gut drei Jahren, so erinnert sich eine Landwirtin des Initiativkreises, seien sie doch ziemlich unter Druck gesetzt worden, an Steinhoff Hof und Land zu verkaufen. "Sogar an Heiligabend riefen seine Leute an." Letztlich habe sie das Konzept aber nicht überzeugt. Dann kamen Stefan Palme und Rolf-Friedrich Henke mit ihrer Idee, dass die GLS Bank doch einen Fonds aufmachen könne, der das Land erwirbt.

Mutterboden, das ist für die beiden Biolandwirte eine Herzensangelegenheit. An jedem Acker, den er bewirtschaftet, gräbt Palme mehrmals im Jahr seine Hände in den Boden und bricht die Erdkrümel mit den Fingern. "Je krümeliger, je besser", sagt er.

Für den Bio-Bodenfonds brauchte es gut drei Jahre, um die Bürokratie zu überwinden, in Gesprächen mit BVVG und Land. "Pionierarbeit ist nicht immer einfach", sagt Palme. Auch untereinander. "Heißt ja nicht umsonst: Wenn man drei Bauern zusammenbekommen will, muss man erst zwei umbringen." Sie haben alle überlebt. In der Uckermark sieht es nicht nur aus wie im Bilderbuch.

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