Brka vom DJ-Kollektiv Disco Not Disco blättert durch seine CD-Mappen, wie ein Connaisseur im Sternerestaurant die Weinkarte studiert. Langsam fährt sein Zeigefinger über die Seiten. Dann zieht er eine Scheibe heraus, fasst sie behutsam am Rand, schiebt sie in den Player, klemmt den Kopfhörer mit der linken Schulter fest, dreht mit der rechten Hand zum richtigen Einstiegspunkt. Gerade läuft eine Elektro-Version von Bruce Spring–steens I’m On Fire, die klingt wie auf Valium. Brkas Finger tasten über die Knöpfe mit den Sound-Effekten. I’m On Fire trudelt in eine Spirale aus Hall und Echo, gerinnt zu akustischem Wackelpudding, den Brka tiefer und tiefer pitcht. Dann erhebt sich daraus das quietschfröhliche Genius Of Love von Tom Tom Club. Vor diesem Mix würden DJs in aller Welt respektvoll die Kappe ziehen.

Der Club, in dem Brka auflegt, ist ein Schiff, das nicht fährt. Es liegt fest vertäut am Ufer der Save und trägt den Namen 20/44. 20 Grad Ost, 44 Grad Nord – das sind die Koordinaten von Belgrad, der serbischen Hauptstadt. Das waren vor nicht allzu langer Zeit auch die Zielangaben für die Bomben der Nato. Erst vor zehn Jahren kehrte mit der Abwahl von Slobodan Milošević der Frieden ein.

Am anderen Ufer, etwas oberhalb der Stelle, wo der Fluss in die Donau mündet, steht auf einem Hochplateau die Festung Kalemegdan – erstmals von den Römern errichtet, im Laufe von 2000 Jahren dreißig Mal zerstört, heute ein stiller, weitläufiger Park. Hell angestrahlt, zeichnen sich ihre Mauern pathetisch vor dem Nachthimmel ab. Daneben spannt sich die Brankov-Brücke übers Wasser. Sie verbindet Titos Plattenbaugrößenwahn in Neu-Belgrad mit der Altstadt, die aussieht wie ein Sinnbild des Balkans: eine unüberschaubare Ansammlung von Gebäuden, an einen Hügel geworfen, übereinander, ineinander, durcheinander.

An dieser Mündung liegen etwa 150 Partyboote, manche mehrstöckig und groß wie Oktoberfestzelte. Ihre Musik: Turbofolk, eine schnelle, koks- und alkoholgetränkte Liaison zwischen Balkanfolklore und Techno-Beats. Turbofolk galt in der Ära Milošević als Sound der Nationalisten.

Für die Gäste im 20/44 ist so etwas »Bauernmusik«. Auf diesem Schiff feiern die Kreativen, die Kunststudenten, die Schriftsteller. Am Bügel von Brkas Kopfhörer flieht der Haaransatz. Egal. Im 20/44 muss niemand den jugendlichen Helden spielen, hier gibt es auch kein aufgedonnertes High-Heel-Getrappel wie in der Strahinjica Bana, jener ebenfalls notorischen Ausgehmeile im Stadtteil Dorol, von den Belgradern auch Silicon Valley genannt. Neben den Feierstätten der »Bauern« erblüht das Kultur- und Nachtleben in immer bunteren Facetten. Der britische Reiseführer Lonely Planet zählt Belgrad schon zu den zehn ultimate party cities der Welt.

Brka legt jetzt Hand an David Sylvians Forbidden Colours, lässt sie verlaufen mit etwas Tiefem und Warmem, das so klingt wie Barry White. Aber es ist nicht Barry White, sondern ein Stück, das nur Trüffelsammler wie er kennen. Auf dem 20/44 drängeln sich nun ein paar Hundert Leute. Reich werden die DJs damit nicht, der Eintritt ist frei. »Wir sind Freaks«, sagt Brkas Freund Toške draußen an der Reling. Disco Not Disco sind im richtigen Leben ein Anwalt, ein Banker und ein Literaturwissenschaftler.

Toške spricht von Berlin. Viele Bewohner des lang isolierten Serbiens fühlen sich dieser Stadt nah. Und wirklich spürt man in den Clubs eine Aufbruchstimmung wie nach dem Mauerfall. Toške hat Berlin noch nie gesehen, erst wegen der Visa-Bestimmungen, dann wegen des Geldes. Aber gehört. Er schwärmt von Jazzanova, dem wegbereitenden DJ-Kollektiv, das den Jazz und die Leichtigkeit brasilianischer Musik auf die Tanzfläche zurückholte. »Jazzanova«, sagt Toške, »waren meine Rolling Stones.«