Was für einen Popanz baut Gabriele Behler (oder die ZEIT?) schon in der Überschrift ihres Beitrags auf, um solche Thesen zu platzieren:

"Lehrer müssen nicht geliebt werden." Wer hat so etwas je gefordert?

"Die Reformpädagogik hat versagt." Durch welche "Studien" ist das belegt? "Sie kann nicht einfach so weitermachen wie bisher". Hat sie das getan? Wie 1920? Oder 1950? Oder 1990?

Keine Frage: politische Äußerungen von manchen Reformpädagoginnen (der 1920er bis 1950er Jahre!) sind aus heutiger Sicht nicht akzeptabel und das wird auch doskutiert. Und: Kritik an Missständen im Schulsystem darf nicht überheblich sein und abwerten, was viele Kolleginnen im Schulalltag unter erschwerten Bedingungen leisten.

Ich habe den Rundumschlag von Gabriele Behler gelesen, als ich drei Tage in einer der von ihr pauschal beschimpften reformpädagogischen Schulen zu Gast war. Ein Landerziehungsheim, in dem Kinder und Jugendliche aus ganz verschiedenen Kulturen und Milieus zusammenleben, viele von ihnen mit bedrückender Lerngeschichte in "ganz normalen Schulen", die Behler so emphatisch verteidigt. Mich hat beeindruckt, wie die Lehrer sich um jeden einzelnen Schüler kümmern - und ich habe mich dafür geschämt, wie diese engagierte tagtägliche Zuwendung von einer ehemaligen deutschen Kultusministerin heruntergemacht wird, als sei die Forderung, den Einzelnen gerecht zu werden, Spinnerei von Leuten, die Schule nur aus der Ferne kennen.

Wer sich über ein angebliches "Zerrbild" der Regelschule unter Reformpädagogen beklagt, wird unglaubwürdig, wenn er ein ebensolches von "der" Reformpädagogik entwirft. Die Primarschulstudie IGLU zeigt, dass die sehr viel stärker reformpädagogisch orientierte Praxis der deutschen Grundschulen im internationalen Vergleich in jeder Hinsicht besser abschneidet als die Sekundarstufe. Differenzierte Leistungsvergleiche reformpädagogisch orientierter (Gesamt-)Schulen am Ende der Sekundarstufe I belegen, dass auch diese in wichtigen Punkten besser abschneiden als Schulen des herkömmlichen Systems, in anderen Punkten ihm kaum nachstehen.

Gabriele Behler übersieht bei ihrem Schwarz-weiß-Gemälde zudem, wie viele der staatlichen Regelschulen sich an reformpädagogischen Ideen und Prinzipien orientieren. Beispielsweise bilden in dem von ihr abgekanzelten Verbund "Blick über den Zaun" Staatsschulen die Mehrheit. Und in diesem Verbund tun die inzwischen über 100 Schulen seit 20 Jahren genau das, was als scheinbar neuartige Forderung propagiert wird: Sie tauschen sich aus und lernen voneinander - übrigens weithin auf eigene Kosten und ohne Unterstützung der von Behler so vehement verteidigten Schulaufsicht und Bildungspolitik.

Dass Kollegien diese Zusatzbelastung auf sich nehmen, zeigt, dass ihnen die Ergebnisse landesweiter Lernstandserhebungen und die Punktwerte der Schulinspektionen nicht reichen, um Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung von Unterricht und Schule zu gewinnen. "Blick über den Zaun" wurde nicht von Erziehungswissenschaftlerinnen erfunden. Kollegen aus ganz Deutschland haben sich zusammengefunden und gemeinsam Leitideen für ihren Unterricht (!) und die Gestaltung des Schullebens erarbeitet: