Wenn Gabriele Behler 1978 auf dem CDU-Kongress »Mut zur Erziehung« ihre Attacke gegen die Reformpädagogik vorgetragen hätte, hätte sie sich über mangelnden Beifall nicht beklagen müssen. Die SPD schmückte damals ihre Parteiprogramme mit reformpädagogischen Ideen, antiautoritär orientierte Einrichtungen traten mit reformpädagogischem Gestus in der Öffentlichkeit auf, die Odenwaldschule unter ihrem Leiter Gerold Becker war einer ihrer Leuchttürme, mit »selbstgerechtem Anspruch« propagierten Linksliberale und radikale Linke alle Formen der libertären Erziehung, und die Staatsschulen wurden als Orte schwarzer Pädagogik an den Pranger gestellt. Diese politische Vereinnahmung lastet bis heute auf der Reformpädagogik und prägt ihr Bild in der Öffentlichkeit. Mit ihrer Wirklichkeit hat dieses Bild wenig zu tun.

Der Leuchtturm Odenwaldschule verblasste in den achtziger Jahren, weil der linksliberale Zeitgeist sich drehte, konservative Werte an Ansehen gewannen und Salem als äußerster Gegensatz zur Odenwaldschule ins Rampenlicht trat. Kurt Hahn hatte Salem im Geiste der Reformpädagogik gegründet. Der Jude Hahn orientierte sich an den Ideen des Antisemiten Hermann Lietz, des Gründers der ersten Landerziehungsheime. Er setzte allerdings andere Akzente. Junge Menschen sollten in der Internatsgemeinschaft wie in einem »Staat im Staate« Verantwortung für sich und andere übernehmen, Erwachsene sollten sich Schülern fördernd und fordernd zuwenden, aber Distanz wahren, pädagogischer Eros kam in seinem Vokabular nicht vor.

Wenn man heute Leuchttürme der Reformpädagogik sucht, dann findet man sie unter den staatlichen Schulen. In dieser Zeitung wurden vor Kurzem die staatliche Montessorischule in Potsdam und ihre Leiterin Ulrike Kegler rühmend erwähnt. »Hilf mir, es selbst zu tun«, so formulierte Maria Montessori den Kern ihrer Botschaft. Lehrer sollen dem einzelnen Kind seinen individuellen Weg gehen helfen, es zur Selbsttätigkeit anregen und ihm dafür eine »vorbereitete Umgebung« schaffen, sie sollen ihm als »Hüter der Ordnung« zu Sorgfalt, Ordnungssinn und Selbstdisziplin verhelfen, damit es das Glück des Gelingens erfahren kann, und sie sollen ihm Erfahrungen mit sich und anderen in einer gestalteten Gemeinschaft ermöglichen. Nicht zuletzt sollen Lehrer Zeit für Kinder haben und die Vermittlung von Wissen nutzen, um sie in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Diese Aufzählung enthält die Kernideen der Reformpädagogik, Ulrike Kegler hat sie in ihrer Schule verwirklicht.

In der Tat erobern reformpädagogische Ideen zunehmend staatliche Schulen. Eine Mehrzahl von Grundschulen praktiziert ganz selbstverständlich reformpädagogisches Ideengut, aber gleichzeitig erzeugen Kultusminister wie Frau Behler Lehranstalten wie das achtjährige Gymnasium, das dem Ideal des Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers nahekommt, der in aller Unschuld formuliert, in der Schule gehe es »in erster Linie darum, Abschlüsse zu erwerben und Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Wir brauchen ein System, das elastisch genug ist, einerseits zum Abitur zu führen, andrerseits den Lehrstellenmarkt zu bedienen.« Dieses Zitat entnehme ich dem gerade erschienenen verdienstvollen Buch von Christian Nürnberger und Petra Gerster mit dem Titel Charakter, zwei nicht reformpädagogisch tätigen Autoren, die für die Rückkehr zur Bildung plädieren. Denn Bildung sollte immer auch Persönlichkeitsbildung sein, mit dieser Botschaft sind die Reformpädagogen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Verschulung des Lernens im Kaiserreich angetreten. Diese Verschulung wurde mit dem G8 neu entdeckt und auf den ganzen Tag ausgedehnt, die Ganztagsschule wurde in ihrer schlechtesten Form, nämlich den ganzen Tag Schule, eingeführt. »Die Schule wird dann allumfassend« – dieser Vorwurf von Frau Behler schlägt auf sie selbst zurück. Die Ganztagsschule brauchen wir zwar dringend in Deutschland, aber entschult. Kinder leiden heute unter einem Mangel an gestalteten Gemeinschaften, Lehrer haben in unseren Halbtagsschulen zu wenig Zeit für die »Charakterbildung«, und eine Rolle im Wilhelm Tell zu spielen gilt nicht als ernst zu nehmende intellektuelle Leistung gegenüber der Belehrung über Wilhelm Tell. Darunter leiden vor allem Kinder aus sozial schwachen Schichten. Heinz Buschkowsky fördert daher als Bezirksbürgermeister von Neukölln den Campus Rütli, einen nach Grundsätzen der Reformpädagogik arbeitenden sozialen Erlebnisraum, in dem wie in einem Dorf Jugendliche den ganzen Tag das vielfältige Leben einer Kommune erleben können, Schule mit inbegriffen. Strenge Ordnung, eingeforderte Schulpflicht, die Forderung nach Respekt und persönliche Zuwendung helfen Kindern aus ungeordneten Verhältnissen, ihren Weg der Bildung zu gehen. Wo immer in Orten wie Neukölln Integration gelingt oder junge Menschen die Stufen der weiterführenden Bildung erklimmen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit reformpädagogische Ideen entdecken.

Noch ein Wort zum Thema Missbrauch, mit dem Frau Behler ihre Attacke eröffnet. »In der Verwechslung von libertärer Überwältigung und Empathie liegt ein Grundproblem reformpädagogischen Handelns.« Ein abenteuerlicher Satz. Er klingt so, als habe sie ihn bei ihrem Gewährsmann Oelkers abgeschrieben, der keine Gelegenheit auslässt, um Halbwahrheiten über die Reformpädagogik zu verbreiten. »Die Wissenschaftsorientierung war ein bedeutender Fortschritt pädagogischen Handelns«, so sagt Frau Behler. Ich möchte hinzufügen, auch des pädagogischen Denkens. Ich finde sie bei beiden nicht, wenn sie auf die Reformpädagogik einschlagen und sie für sexuellen Missbrauch verantwortlich machen. Pädophile sind Triebtäter, die im autoritären und liberalen Kontext handeln, wenn aufmerksame Erwachsene sie nicht daran hindern. Sie bleiben überall eine Bedrohung für Kinder, unabhängig von pädagogischen Auffassungen über Nähe oder Distanz zu Kindern.