Schulstreit Eine abenteuerliche Attacke
Die ehemalige nordrhein-westfälische Kultusministerin Gabriele Behler (SPD) kritisierte in der ZEIT Nr. 39/10 die Reformpädagogik. Sie attestierte ihr den totalitären Anspruch einer Heilslehre und eine ungesunde Nähe zum Kind. Darauf antworten nun zwei bekannte Reformpädagogen
© Alex Grimm/Getty Images

Die Odenwaldschule in Heppenheim: Die Missbrauchsfälle dort brachten die Reformpädagogik in Misskredit
Bernhard Bueb, der Autor dieses Artikels, arbeitete zunächst als Lehrer an der Odenwaldschule und leitete von 1974 bis 2005 das Internat Salem.
Eine weitere Replik auf die Kritik an der Reformpädagogik hat Hans Brügelmann verfasst. Seinen Text finden Sie hier.
Wenn Gabriele Behler 1978 auf dem CDU-Kongress »Mut zur Erziehung« ihre Attacke gegen die Reformpädagogik vorgetragen hätte, hätte sie sich über mangelnden Beifall nicht beklagen müssen. Die SPD schmückte damals ihre Parteiprogramme mit reformpädagogischen Ideen, antiautoritär orientierte Einrichtungen traten mit reformpädagogischem Gestus in der Öffentlichkeit auf, die Odenwaldschule unter ihrem Leiter Gerold Becker war einer ihrer Leuchttürme, mit »selbstgerechtem Anspruch« propagierten Linksliberale und radikale Linke alle Formen der libertären Erziehung, und die Staatsschulen wurden als Orte schwarzer Pädagogik an den Pranger gestellt. Diese politische Vereinnahmung lastet bis heute auf der Reformpädagogik und prägt ihr Bild in der Öffentlichkeit. Mit ihrer Wirklichkeit hat dieses Bild wenig zu tun.
Der Leuchtturm Odenwaldschule verblasste in den achtziger Jahren, weil der linksliberale Zeitgeist sich drehte, konservative Werte an Ansehen gewannen und Salem als äußerster Gegensatz zur Odenwaldschule ins Rampenlicht trat. Kurt Hahn hatte Salem im Geiste der Reformpädagogik gegründet. Der Jude Hahn orientierte sich an den Ideen des Antisemiten Hermann Lietz, des Gründers der ersten Landerziehungsheime. Er setzte allerdings andere Akzente. Junge Menschen sollten in der Internatsgemeinschaft wie in einem »Staat im Staate« Verantwortung für sich und andere übernehmen, Erwachsene sollten sich Schülern fördernd und fordernd zuwenden, aber Distanz wahren, pädagogischer Eros kam in seinem Vokabular nicht vor.
Wenn man heute Leuchttürme der Reformpädagogik sucht, dann findet man sie unter den staatlichen Schulen. In dieser Zeitung wurden vor Kurzem die staatliche Montessorischule in Potsdam und ihre Leiterin Ulrike Kegler rühmend erwähnt. »Hilf mir, es selbst zu tun«, so formulierte Maria Montessori den Kern ihrer Botschaft. Lehrer sollen dem einzelnen Kind seinen individuellen Weg gehen helfen, es zur Selbsttätigkeit anregen und ihm dafür eine »vorbereitete Umgebung« schaffen, sie sollen ihm als »Hüter der Ordnung« zu Sorgfalt, Ordnungssinn und Selbstdisziplin verhelfen, damit es das Glück des Gelingens erfahren kann, und sie sollen ihm Erfahrungen mit sich und anderen in einer gestalteten Gemeinschaft ermöglichen. Nicht zuletzt sollen Lehrer Zeit für Kinder haben und die Vermittlung von Wissen nutzen, um sie in ihrem Selbstwertgefühl zu stärken. Diese Aufzählung enthält die Kernideen der Reformpädagogik, Ulrike Kegler hat sie in ihrer Schule verwirklicht.
In der Tat erobern reformpädagogische Ideen zunehmend staatliche Schulen. Eine Mehrzahl von Grundschulen praktiziert ganz selbstverständlich reformpädagogisches Ideengut, aber gleichzeitig erzeugen Kultusminister wie Frau Behler Lehranstalten wie das achtjährige Gymnasium, das dem Ideal des Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers nahekommt, der in aller Unschuld formuliert, in der Schule gehe es »in erster Linie darum, Abschlüsse zu erwerben und Absolventen für den Arbeitsmarkt zu produzieren. Wir brauchen ein System, das elastisch genug ist, einerseits zum Abitur zu führen, andrerseits den Lehrstellenmarkt zu bedienen.« Dieses Zitat entnehme ich dem gerade erschienenen verdienstvollen Buch von Christian Nürnberger und Petra Gerster mit dem Titel Charakter, zwei nicht reformpädagogisch tätigen Autoren, die für die Rückkehr zur Bildung plädieren. Denn Bildung sollte immer auch Persönlichkeitsbildung sein, mit dieser Botschaft sind die Reformpädagogen bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die Verschulung des Lernens im Kaiserreich angetreten. Diese Verschulung wurde mit dem G8 neu entdeckt und auf den ganzen Tag ausgedehnt, die Ganztagsschule wurde in ihrer schlechtesten Form, nämlich den ganzen Tag Schule, eingeführt. »Die Schule wird dann allumfassend« – dieser Vorwurf von Frau Behler schlägt auf sie selbst zurück. Die Ganztagsschule brauchen wir zwar dringend in Deutschland, aber entschult. Kinder leiden heute unter einem Mangel an gestalteten Gemeinschaften, Lehrer haben in unseren Halbtagsschulen zu wenig Zeit für die »Charakterbildung«, und eine Rolle im Wilhelm Tell zu spielen gilt nicht als ernst zu nehmende intellektuelle Leistung gegenüber der Belehrung über Wilhelm Tell. Darunter leiden vor allem Kinder aus sozial schwachen Schichten. Heinz Buschkowsky fördert daher als Bezirksbürgermeister von Neukölln den Campus Rütli, einen nach Grundsätzen der Reformpädagogik arbeitenden sozialen Erlebnisraum, in dem wie in einem Dorf Jugendliche den ganzen Tag das vielfältige Leben einer Kommune erleben können, Schule mit inbegriffen. Strenge Ordnung, eingeforderte Schulpflicht, die Forderung nach Respekt und persönliche Zuwendung helfen Kindern aus ungeordneten Verhältnissen, ihren Weg der Bildung zu gehen. Wo immer in Orten wie Neukölln Integration gelingt oder junge Menschen die Stufen der weiterführenden Bildung erklimmen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit reformpädagogische Ideen entdecken.
Noch ein Wort zum Thema Missbrauch, mit dem Frau Behler ihre Attacke eröffnet. »In der Verwechslung von libertärer Überwältigung und Empathie liegt ein Grundproblem reformpädagogischen Handelns.« Ein abenteuerlicher Satz. Er klingt so, als habe sie ihn bei ihrem Gewährsmann Oelkers abgeschrieben, der keine Gelegenheit auslässt, um Halbwahrheiten über die Reformpädagogik zu verbreiten. »Die Wissenschaftsorientierung war ein bedeutender Fortschritt pädagogischen Handelns«, so sagt Frau Behler. Ich möchte hinzufügen, auch des pädagogischen Denkens. Ich finde sie bei beiden nicht, wenn sie auf die Reformpädagogik einschlagen und sie für sexuellen Missbrauch verantwortlich machen. Pädophile sind Triebtäter, die im autoritären und liberalen Kontext handeln, wenn aufmerksame Erwachsene sie nicht daran hindern. Sie bleiben überall eine Bedrohung für Kinder, unabhängig von pädagogischen Auffassungen über Nähe oder Distanz zu Kindern.
- Datum 07.10.2010 - 12:34 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.10.2010 Nr. 41
- Kommentare 10
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Das Ziel ist das Gleiche, besseres lernen und menschliches Lernen. Dort wo sich die Kinder sammeln, sammeln sich natürlich auch die Triebtäter. Sexuelle Veranlagung kann man aber erkennen, wenn man will, per Augenscan.
... sich entschließen könnte, das Thema Reformpädagogik auch mal mit einem anderen Aufmacherbild als der ubiquitären Odenwaldschule zu illustrieren, wäre das eventuell ganz erfrischend.
Lehren zur Heilung von etwas sind mit immer willkommen. Lehren zur Erlangung des Heils nicht.
Den Artikel von Kultusministerin Behler hatte ich als Karikatur empfunden. Dahinter steht der tiefe Wunsch, den Frau Behler mit vielen Lehrern/innen im staatlichen Einheitsschulsystem teilt, jegliche Konkurrenz zu unterbinden.
Dass es immer noch junge Menschen gibt, die trotz Einheitsschule ihre Vitalität und Kreativität als erwachsene Menschen behalten haben und entwickeln, auf sich selbst vertrauen, ist ein kleines Wunder.
Reformpädagogik ist ein Oberbegriff für eine sehr große Vielfalt an pädagogischen Konzepten, es reicht unter diesem Begriff bei Wikipedia nachzuschauen. Ich bin mir recht sicher, dass Frau Behler sehr vielen Lehrern/innen an staatlichen Einheitsschulen mit ihrem Artikel aus dem Herzen sprach.
Reformpädagogik wurde auf dem Boden einer "Alten" Pädogik entwickelt. Falls ich diese geändert haben sollte, könnte die Reformpädagigik Gefahr laufen, etwas reformieren zu wollen, was es gar nicht mehr gibt. D. h. sie unterliegt genauso der Diskussion über Veränderungsbedarf wie alle andern Lehren auch.
Wenn sie das nicht will, erwest sie als dogmatisch und potenziell rückständig.
Vielleicht sollte man den Begriff aufgeben und der differenzierten Betrachtung der einzelnen Richtungen Raum geben.
streiten sich um des Kaisers neue Kleider: Sind sie nur unsichtbar oder gar nicht vorhanden?
Nach der Lektüre der beiden Artikel bleibt ein schaler Beigeschmack - das soll Pädagogik sein? Sind das wirklich erwachsene des Denkens willige Menschen?
Sie ertrinken in wirklichkeitsfernen Phantasien
Liebe Autoren wundert Euch nicht, wenn dereinst der Ruf erklingt: "Kinder sind zu wichtig, als das man sie den Pädagogen anvertrauen dürfte." Einen anderen Schluss lässt diese Debatte der Selbstgerechten nicht zu.
Mit
Ich staune bei diesen Spontanäußerungen immer. Schaut euch doch einmal einen Film an, geht in Ausschnitten sogar online.
http://www.youtube.com/wa...
Dann staunt man, was in Schulen gelingt, und gar nicht erst in Finnland oder Schweden. Beeindruckende Schulen gibt es in Deutschland landauf, landab.
Nur ist das so weit weg vom Schulsysten, dass Mensch es nur
"wirklichkeitsferne Phantasie" nennen kann, selbstgerechter Weise.
Mehr kommt leider nicht rüber: Was ist weltfremd? Was kann nicht sein / darf nicht sein?
Ich staune bei diesen Spontanäußerungen immer. Schaut euch doch einmal einen Film an, geht in Ausschnitten sogar online.
http://www.youtube.com/wa...
Dann staunt man, was in Schulen gelingt, und gar nicht erst in Finnland oder Schweden. Beeindruckende Schulen gibt es in Deutschland landauf, landab.
Nur ist das so weit weg vom Schulsysten, dass Mensch es nur
"wirklichkeitsferne Phantasie" nennen kann, selbstgerechter Weise.
Mehr kommt leider nicht rüber: Was ist weltfremd? Was kann nicht sein / darf nicht sein?
Ich staune bei diesen Spontanäußerungen immer. Schaut euch doch einmal einen Film an, geht in Ausschnitten sogar online.
http://www.youtube.com/wa...
Dann staunt man, was in Schulen gelingt, und gar nicht erst in Finnland oder Schweden. Beeindruckende Schulen gibt es in Deutschland landauf, landab.
Nur ist das so weit weg vom Schulsysten, dass Mensch es nur
"wirklichkeitsferne Phantasie" nennen kann, selbstgerechter Weise.
Mehr kommt leider nicht rüber: Was ist weltfremd? Was kann nicht sein / darf nicht sein?
Meine Äußerung war keine Spontanäußerung sondern meine Reaktion auf den obigen Artikel, sowie den vorangegangenen. Sie bezieht sich in erster Linie auf die Autoren dieser Artikel (sowie der weiteren Artikel zum Thema: Reformpädagogik / Odenwaldschule).
Diese Artikel streiten nicht in der Sache, sondern verteidigen die eigene ideologische Position (= des Kaisers neue Kleider). Kinder und Erziehung kommen nur am Rande vor und die Art und Weise der Äußerungen zeigen Exemplarisch wie sich die deutsche Bildungselite seit Jahrzehnten um Realitäten und Verantwortung drückt: Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Vorgehensweise werden die Texte so mit Zitaten andere Personen überladen, das der Standpunkt der Autoren nicht mehr Sichtbar ist, das Argument letztlich durch Anklage der (vermeintlichen) Gegenpartei ersetzt wird. So konstruiert ermöglichen es die Artikel jedes Gegenargument (oder Gegenanklage) in Leere laufen zu lassen da man "ja nur zitiert hat".
Über viele Probleme in unsere heutigen Gesellschaft brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn diejenigen, die unsere Gesellschaft gestalten uns allen vormachen wie Macht ausgeübt, jegliche Verantwortung für die Folgen aber auf passende Gegner abgeschoben wird. Genau so macht man ein Gesellschaft kaputt. Ich bin sie so Leid diese Buebs und Brügelmanns diese beispielhaften Exemplare der Generation Teflon.
Meine Äußerung war keine Spontanäußerung sondern meine Reaktion auf den obigen Artikel, sowie den vorangegangenen. Sie bezieht sich in erster Linie auf die Autoren dieser Artikel (sowie der weiteren Artikel zum Thema: Reformpädagogik / Odenwaldschule).
Diese Artikel streiten nicht in der Sache, sondern verteidigen die eigene ideologische Position (= des Kaisers neue Kleider). Kinder und Erziehung kommen nur am Rande vor und die Art und Weise der Äußerungen zeigen Exemplarisch wie sich die deutsche Bildungselite seit Jahrzehnten um Realitäten und Verantwortung drückt: Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Vorgehensweise werden die Texte so mit Zitaten andere Personen überladen, das der Standpunkt der Autoren nicht mehr Sichtbar ist, das Argument letztlich durch Anklage der (vermeintlichen) Gegenpartei ersetzt wird. So konstruiert ermöglichen es die Artikel jedes Gegenargument (oder Gegenanklage) in Leere laufen zu lassen da man "ja nur zitiert hat".
Über viele Probleme in unsere heutigen Gesellschaft brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn diejenigen, die unsere Gesellschaft gestalten uns allen vormachen wie Macht ausgeübt, jegliche Verantwortung für die Folgen aber auf passende Gegner abgeschoben wird. Genau so macht man ein Gesellschaft kaputt. Ich bin sie so Leid diese Buebs und Brügelmanns diese beispielhaften Exemplare der Generation Teflon.
"Pädophile sind Triebtäter, die im autoritären und liberalen Kontext handeln, wenn aufmerksame Erwachsene sie nicht daran hindern." heißt soviel wie: wenn die Eltern nix sagen, dann können wir die Triebtäter leider nicht daran hindern. Aha!!!! Gut, dass wir jetzt Bescheid wissen. Und wie so viele, so unzählige Kommentatoren, Artikelschreiber, Verteidiger vergisst auch dieser hier, als Direktor von Salem, natürlich, "vergisst" er den engen Zusammenhang von Elitärem Denken und übergriffigem Handeln. Wiedereinmal negiert einer aus der Elite den Zusammenhang von Hierarchie und sexuellen Übergriffen auf die der untersten Sprosse (die Schüler)und wieder einmal wähnt sich hier einer auf der Seite der Guten und vollkommen unantastbar, weil er, ja er und ein paar wenige andere (aus der Elite) angeblich in ganz Deutschland die Schule reformiert haben. Ah ja! Wie sagte doch der Papst bzgl. der zehntausenden sexuellen Übergriffe seiner Priester etc. auf Schutzbefohlene? Es sind ein paar Triebtäter und Schwule gewesen... Und dieser Artikelschreiber behauptet haargenau das Gleiche. Wir warens nicht, es sind die üblichen Verdächtigen... nur dass hier auch noch hinzugefügt wird: wir können da halt gar nix machen! Seltsamerweise summiert sich die Zahl der üblichen Verdächtigen in beiden Vereinen (Kirche und Eliteschule) zu astralen Zahlen... Aber es müssen wohl noch mehrere Generationen von Kindern zerstört werden, bevor diese eingebildeten Herren mit ihren persönlichen Defiziten aufräumen.
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