Die Zahl der Studienanfänger wird möglicherweise noch stärker steigen als erwartet. Eine bislang unveröffentlichte Prognose des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) rechnet bereits für 2013 mit bundesweit bis zu 465.000 Erstsemestern, das wären zehn Prozent beziehungsweise rund 42.000 mehr junge Menschen als im Rekordjahr 2009. Erst danach fiele die Anfängerzahl allmählich ab, würde aber bis 2020 über der Marke von 400.000 liegen.

Die Brisanz der neuen Vorhersage wird deutlich, wenn man sie mit der offiziellen Berechnung der Kultusministerkonferenz (KMK) vergleicht: Sie sieht für das Spitzenjahr 2013 nur 425.000 Erstsemester und bis 2020 einen Rückgang auf 375.000 Studienanfänger vor. »Wenn sich die Bildungspolitik auf die KMK-Zahlen verlässt, werden viele Studienanfänger vor verschlossenen Türen stehen«, warnt der FiBS-Geschäftsführer Dieter Dohmen.

Der Bildungsökonom gründet seine erhöhte Prognose auf eine Reihe aktueller Entwicklungen: Zum einen sei das Angebot an berufsbegleitenden Studiengängen, häufig auch in Teilzeit, stark gewachsen, was den Hochschulen eine ganz neue Studentengruppe – nämlich die der Berufstätigen – erschließt. Zum anderen befindet sich der in Deutschland traditionell relativ kleine Privathochschulsektor derzeit in einer Boomphase: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der dort neu eingeschriebenen Studenten verdoppelt und dürfte weiter rasant steigen – auf allerdings immer noch verhältnismäßig niedrige 30.000.

Noch bedeutender dürften zwei psychologische Effekte auf die Immatrikulationsstatistik durchschlagen: Dadurch, dass Bund und Länder im Rahmen des Hochschulpakts I bereits rund 91.000 zusätzliche Studienplätze geschaffen haben, um die Studentenmassen an den Hochschulen unterzubringen, nimmt die Bereitschaft künftiger Abiturienten, ein Studium zu beginnen, weiter zu – weil sie davon ausgehen, dass auch für sie genügend Studienplätze da sein werden. »Das größere Angebot schafft größere Nachfrage«, sagt Dohmen. Das Gleiche gelte für eine große Gruppe von Nachholern, die jetzt vermehrt an die Unis strömen, nachdem sie vorher erst einmal keinen Studienplatz gefunden haben.

Prognostizierte Zahl der Studienanfänger bis 2020. Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu öffnen[M] G. Alabiso/Visum; ZEIT-Grafik

In der Vergangenheit hat das FiBS mit seinen Studienanfängerprognosen in der Regel besser gelegen als andere Institute, auch erste Meldungen von erneuten Rekordzahlen zum in Kürze startenden Wintersemester scheinen Dieter Dohmen zu bestätigen: So berichtet unter anderem die Universität Hamburg von einem erneuten Zuwachs, der vor allem auf den dieses Jahr durchs System geschleusten doppelten Abiturjahrgang zurückgeht. Ein kräftiges Plus zeichnet sich an der größten hessischen Hochschule, der Frankfurter Goethe-Universität ab, und auch die SPD-Wissenschaftsministerin von Nordrhein-Westfalen, Svenja Schulze erwartet für ihr Bundesland ein erneutes Allzeithoch. Sogar die vom demografischen Wandel besonders betroffenen Ost-Hochschulen nehmen offenbar noch einmal mehr Studenten auf als im Vorjahr: Ihnen gelingt es immer besser, Abiturienten aus den alten Bundesländern zu sich hinüberzulocken.