Der Provokateur profitiert vom Protest. Händereibend stellte der Tessiner Präsident der Schweizerischen Volkspartei, Pierre Rusconi, nach einer Woche seiner rechtspopulistischen PR-Aktion vergangenen Freitag fest, dass ihn sein Rattenplakat im Weltformat nur 30.000 Franken gekostet habe. Jedoch habe das daraus folgende Medieninteresse für eine Verbreitung des Sujets im Wert von gut zwei Millionen Franken gesorgt.

Nachdem der SVPler, der sein Geld als Treuhänder verdient, zuerst gelogen und jede Verbindung zu der Plakataktion abgestritten hatte, stellte er sich zuletzt doch hinter die Kampagne. Diese Taktik, die schlagzeilensüchtigen Medien als Werbeplattform zu missbrauchen, kennt man aus der Deutschschweiz, wo die wählerstärkste Partei des Landes ihren Aufstieg seit Jahren mit brachialer und oft faktenfreier Bildsprache begleitet.

Die interessante Frage aber lautet: Warum echauffiert das Plakat eines bislang völlig unbedeutenden Parteipräsidenten einer in der Südschweiz völlig unbedeutenden Partei dermaßen die Medien und die Bevölkerung? Die Tessiner Regierung und der Schweizer Botschafter in Rom distanzierten sich, und die Tessiner Deputation in Bern bezeichnete die Aktion als »Dummheit«. Und die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons äußerte »ihre größte Besorgnis darüber, wie Hass zwischen Menschen im Tessin, Italien und anderen europäischen Ländern gesät wird« und appellierte an die christlichen Kirchen und Gemeinden, »diese Kampagne – in religiöser Begrifflichkeit – als einen schweren Sündenakt anzusehen«. Ist das nicht ein bisschen viel Empörung für so viel Handgestricktes?

Dargestellt auf dem Plakat, das der aus Kalabrien stammende und in Locarno wohnhafte Werber Michel Ferrise entworfen hat, sind drei Ratten, die sich an Schweizer Käse gütlich tun. Rusconi hat sie mit den Typenbezeichnungen Bogdan, Fabrizio und Giulio versehen. Bogdan trägt eine Maske und ist Rumäne. Den Rumänen wird nachgesagt, im Tessin für Einbrüche und Diebstähle verantwortlich zu sein. Wo auch immer eingebrochen wird, heißt es: »C’erano i rumeni – Die Rumänen waren da.« Eine andere Ratte ist der Plattenleger Fabrizio aus Verbania. Fabrizio spielt auf die im Südkanton allgemeingültige Überzeugung an, die über 40.000 italienischen Grenzgänger, die täglich ins Tessin kommen, würden den Südschweizer Kollegen die Arbeit wegnehmen.

Die dritte Ratte heißt Giulio, er scheint ein Anwalt aus der Lombardei zu sein. Er trägt einen Schild – ein deutlicher Hinweis auf den italienischen Finanzminister Giulio Tremonti, der mit seinem »Steuerschild«, dem scudo fiscale, die steuerfrei in der Schweiz angelegten Vermögen zurückholen und damit den Tessiner Bankenplatz treffen wollte.

Das Tessin, dessen Arbeitslosenrate mit rund fünf Prozent konstant hoch ist und weit über dem Landesdurchschnitt liegt, sorgt sich um seine Zukunft. Es sind diffuse Ängste. Die Niedriglohnkonkurrenz von Grenzgängern wird in der Enge des nach Italien hineinragenden Dreiecks sehr stark wahrgenommen. Die kontinuierlich steigende Zahl der italienischen Arbeitssuchenden, die grenzüberschreitende Ausländerkriminalität sowie die Tatsache, dass die Schweiz vierzig Prozent der Grenzgängersteuern an Italien abliefert und vergangenes Jahr mit dem scudo fiscale einiges an Repressalien zu erdulden hatte, sind zentrale Themen im kollektiven Tessiner Bewusstsein.

Der scudo, die von italienischer Seite medial und politisch reichhaltig orchestrierte Kampagne des Finanzministers Tremonti, traf den ohnehin schon nicht sehr selbstbewussten Südkanton im Nerv. Zwar verlief die ganze Aktion nicht so dramatisch wie befürchtet, doch saß den Tessinern der Schreck in den Knochen, da zuerst befürchtet worden war, dass weitaus mehr Kapital ins Ausland abfließen würde.