Fragt man einen Adligen, ob sein Leben geprägt sei von seiner Herkunft, winkt er gerne ab – besonders wenn er zur jüngeren Generation zählt. Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, er habe Standesdünkel. Nein, der Adelstitel sei für ihn ohne Bedeutung, allenfalls gebe es da einen entfernten, steinalten Großonkel, der noch gelegentlich im Gotha blättere – dem Genealogischen Handbuch des Adels, das festsetzt, wer zum Adel gehört und welchen Rang er einnimmt. Wer sich heute etwas auf seinen Namen einbilde, mache sich nur lächerlich.

Plaudert man allerdings ein wenig weiter, stellt man fest, dass der adlige Gesprächspartner Klischees erfüllt, die man mit einem adligen Lebenslauf verbindet: Er hat häufig ein Internat besucht. Er hat wahrscheinlich schon einmal an einem Ausflug von »Adel auf dem Radl« teilgenommen, bei dem Jungadlige mit dem Rad von Schloss zu Schloss fahren, bei der Instandhaltung helfen und dabei ihren standesgemäßen Lebenspartner finden. Er hat den Militärdienst entweder bei den Gebirgsjägern oder den Panzeraufklärern (dem Nachfolgeregiment der Kavallerie) geleistet. Überdurchschnittlich häufig arbeitet er im Auswärtigen Amt, im Kunsthandel oder in einer Privatbank. Und er hat viele Geschwister.

Natürlich erkennt man den Adligen auch an einer bestimmten Ausdrucksweise: Er geht ostentativ »aufs Klo« – nie »auf die Toilette«, da er nichts mehr fürchtet, denn als spießig zu gelten. Er sagt nie »Guten Appetit«, sondern legt einfach mit dem Essen los. Und wenn er nicht zum Etagenadel gehört (der seine Besitzungen 1945 im Osten verloren hat und seither »auf Etage« wohnt, also nicht mehr im Schloss), dann wird er sagen, ja, ja, seine Eltern hätten auch »so einen Kasten« – was bedeutet, dass es ein Schloss im Familienbesitz gibt. Begegnet man ihm auf einer Party, fällt er sofort auf: Adlige sind ausgezeichnete Tänzer, weil die Tanzschule zu ihrer frühen Sozialisierung gehört und sie nicht aus der Übung kommen – Bälle und Festlichkeiten füllen die Wochenenden.

Spricht man den Adligen auf all das an und sagt: »Das ist doch typisch mit dem Internat«, schüttelt er den Kopf und sagt, das habe nichts mit seiner Herkunft zu tun, er sei nur ein echtes Problemkind gewesen, das es am normalen Gymnasium nicht geschafft habe.

Selbstverständlich hat jeder Mensch das Recht, sich als Individuum und nicht als Verkörperung seines Standes zu sehen. Für den außenstehenden Beobachter sieht es aber anders aus. Das gemeine Volk hat ja schon immer neugierig geschaut, was der Adel so treibt, aber der lebte entweder hinter Schlossmauern versteckt oder – ähnlich fern – in den Spalten der Klatschpresse. Doch seit der Freiherr Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg aus den zinnenbewehrten Kulissen ins grelle Licht der politischen Öffentlichkeit getreten ist und seine Beliebtheitswerte geradezu durch die Decke gehen, fragen wir uns irritiert, ob es vielleicht die adlige Herkunft des Verteidigungsministers ist, die unsere bürgerlichen Herzen höher schlagen lässt. Haben wir uns etwa über die Bedeutung des Adels in Deutschland nur ungenügend Rechenschaft abgelegt? Gelangt der alte Stand zu neuer Macht? Tritt da gerade eine neue Generation junger Adliger einen Marsch durch die Institutionen an? Und: Lassen wir uns von Guttenbergs Adelsprädikat nur blenden – oder bringt der Mann aus seiner Herkunftswelt Werte mit, nach der eine Zeit, die sich selbst als instabil empfindet, giert?

Juristisch wurde der Adel in Deutschland und Österreich mit dem Ende der Monarchien 1918 abgeschafft. In Österreich wurde das Tragen von Adelstiteln verboten, in Deutschland darf man sie als Namensbestandteil weiterführen. Mehr nicht. Seither besitzt der Adel – dem in Deutschland schätzungsweise 100.000 Menschen angehören – weder politische Privilegien, noch übernimmt er eine bestimmte gesellschaftliche Funktion.

Doch wer sich auf eine Reise in diese fremde Welt macht, Schlösser betritt, die keine Museen sind, sondern Wohnsitze, stellt fest: Dafür, dass es den Adel eigentlich nicht mehr gibt, hat er sich gut gehalten. Keine andere Schicht ist so homogen, pflegt bestimmte Traditionen und – das ist soziologisch entscheidend – reproduziert sich immer noch zu einem erheblichen Teil aus sich selbst. Kurzum: Der Adel, weit davon entfernt, ein historisches Relikt zu sein, ist als Klasse von ungebrochener Vitalität und Selbstidentität.

Erich Prinz von Lobkowicz, Jahrgang 1955, ist ein stattlicher Mann: Seine Körpergröße versteckt er nicht, eingezogene Schultern wird man bei ihm nicht sehen – ganz so, als sei er tief im Innern der Ansicht, seine Körpergröße sei alles andere als ein biologischer Zufall. Er lebt auf Schloss Maxlrain in Oberbayern, in der Nähe des Chiemsees. Wenn es sonst in der Gesellschaft unsichtbare Schwellen gibt, stehen wir beim Besuch vor einer sichtbaren: Das große zentrale Tor, das durch einen Rosengarten zum Schloss führt, ist verschlossen. Eine Klingel gibt es nicht. Wir laufen einmal – ein mittlerer Spaziergang – um das Schloss herum, bis sich seitlich in der Mauer ein Zugang auftut. Wir klopfen vergeblich an mehrere Türen, bis uns endlich ein Hausangestellter aufgabelt und bittet, ihm zu folgen.

An den Wänden hängen Porträts der Vorfahren, aber heute schauen sie auf Scheinwerfer und Filmkameras. Dazwischen schlunzige Mädchen, die in Walkie-Talkies sprechen. Ein Schloss instand zu halten ist eine teure Sache. Deshalb vermietet Prinz von Lobkowicz sein Haus immer mal wieder an Filmteams. Maxlrain ist ein einzigartiges Renaissanceschloss mit schwindelerregendem Schrägdach, umgeben von einer gepflegten Parkanlage. Im ersten Stock empfängt uns der Schlossherr. »Ich schaue mir die Drehbücher vorher an«, sagt der Prinz, »wenn da Sexszenen drinstehen, kommen wir nicht ins Geschäft.« Die Lobkowicz sind eine katholische Familie. Und wenn man eine erste Idee von der Persönlichkeit des Hausherrn gewinnen will, muss man sich ihn als jemanden vorstellen, der einen solchen Satz sagen kann, ohne dabei im Entferntesten verklemmt oder bigott zu erscheinen. Prinz Lobkowicz verbittet sich Sexszenen so, wie ein anderer keine Pommes Frites anrührt, die in abgestandenem Fett frittiert wurden.