Film "The Road"Und die Erde war wüst und leer

Apokalypse in allen Kinos: Noch nie gab es so viele Endzeitfilme. Was John Hillcoats "The Road" über unsere Ängste sagt. von 

Der Vater (Viggo Mortensen) hat nur ein Ziel: Mit seinem Sohn lebend die Küste zu erreichen

Der Vater (Viggo Mortensen) hat nur ein Ziel: Mit seinem Sohn lebend die Küste zu erreichen  |  © Senator Filmverleih

Die Welt nach dem Ende der Welt hat keinen Himmel mehr, und das Unkraut, durch das die zwei letzten Menschen waten, zerfällt um sie herum zu Staub. Unter aschgrauen Wolken wandern sie durch eine Ödnis voll toter Bäume und zerborstener Autobrücken. Der Asphalt der Straßen ist eine schwärende Wunde. An Strommasten hängen zerfetzte Kabel. Ewig schon sind Vater und Sohn unterwegs, so müde vom Hunger, zermürbt von Kälte, dass sie manchmal wünschten, ihre Herzen wären aus Stein. Und immer die Angst, doch noch andere Überlebende zu treffen, die vielleicht auf der Jagd nach Menschenfleisch sind. Was ist das Schlimmste am Weltuntergang? Ihn zu überleben? Nein. Ihn nicht allein zu überleben.

Denn die Apokalypse, das ist der Mensch selbst. So lautet die Botschaft von John Hillcoats Film The Road – Die Straße , nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy. Er handelt von dem verzweifelten Versuch eines Vaters, sein Kind vor Kannibalen zu beschützen und sich in der Wolfszeit etwas wie Würde zu bewahren. Hillcoats Endzeitdrama ist nun schon das fünfte innerhalb eines knappen Jahres. So viel Weltuntergang war nie. Früher ließen uns die Kinoregisseure noch Luft holen zwischen Armageddon und The Day After Tomorrow. Aber jetzt setzen sie uns unter Dauerfeuer: Erst kam die Sintflut (2012), dann der totale Krieg der Welten (Avatar), der Luftangriff der Erzengel (Legion), der blutspritzende Wettlauf um das letzte Exemplar der Bibel (The Book of Eli) und schließlich die Reise der lebenden Toten durchs Kannibalenreich.

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Wovor haben wir solche Angst? Langsam wird es Zeit, zu fragen, welchem Lebensgefühl die apokalyptischen Bilder entspringen und auf welche kollektiven Sehnsüchte die wenigen tröstlichen Pointen zielen. Immerhin handelt es sich hier um Offenbarungsfilme für ein Millionenpublikum. Warum sehen wir die Zukunft so schwarz? Glauben wir neuerdings wieder an einen strafenden Gott und sein Jüngstes Gericht?

An Erlösung glauben wir jedenfalls nicht. Denn im Endzeitkino der Gegenwart gibt es keine Erretteten, nur Verdammte. Und jede Zuflucht erweist sich als Täuschung. Einmal finden Vater und Sohn auf ihrem Streifzug durch verlassene Häuser eins, das halbwegs heil ist. Sie stöbern in der Küche nach Essbarem, entdecken die Kellerklappe und brechen sie auf. Doch die Vorräte, die sie dort unten finden, sind entsetzlich: Wimmernd stürzen nackte Menschen aus dem Dunkel, wo sie als lebendes Futter eingesperrt waren.

Nach dem Jüngsten Gericht sollte das Reich Gottes kommen. Fällt aber aus

Hier ist nicht nur die Hölle, sondern der innerste Kreis der Hoffnungslosigkeit. Die unsichtbare Inschrift am Höllentor lautet wie schon in Dantes Inferno: »Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze. Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!« Mühsam nur entkommen unsere Helden den Krallen der verzweifelten Opfer und schlagen die Kellerklappe zu. Dann fliehen sie, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Nach christlicher Vorstellung bestand die Apokalypse aus zwei Teilen. Erst Vernichtung, dann Erlösung. Erst Gerichtstag, dann Reich Gottes. Leider fehlt in den modernen Unheilsprophetien der zweite Teil. Das Verheißene wird von der Endzeit verschluckt. Es gibt keine Zeit nach der Zeit. Einige zwar haben den Jüngsten Tag überstanden, doch das nützt ihnen nichts, denn er bricht immer von Neuem an. Warum? Weil die Menschen vom Glauben an sich selbst abgefallen sind. »Wenn Gott uns Menschlichkeit geschenkt hat«, heißt es in The Road, »haben wir sie längst verloren.«

Tatsächlich kommt man mit Mitleid oder ähnlich altmodischen Tugenden in der letzten Welt nicht weiter. Eine andere Szene. Da treffen Vater und Sohn einen Greis, der noch erschöpfter ist als sie. Um seine Füße sind Lumpen gewickelt, in sein verwittertes Gesicht haben sich die Furchen jahrelanger Schlaflosigkeit gegraben. So sieht einer aus, der nie mehr Obdach findet. Aber er ist mehr als ein Obdachloser, nämlich moralischer Prüfstein für alle Vorbeikommenden. Können wir ihm helfen?, fragt das Kind. – Nein!, antwortet der Vater. – Können wir wirklich nicht? – Nein. Er wird sterben. Wir können, was wir haben, nicht mit ihm teilen, sonst sterben wir auch.

Leserkommentare
  1. Seit dem 11.9.2001 sind Moslems die Bösen. Die Welt dreht sich. Die naiven Märchen der 90er Jahre haben sich nicht erfüllt. Die Massenmedien sind voll von Erinnerungen an das Früher, das Alte - auch Ihr Helmut Schmidt!

    Ein Gang durch Media Markt verrät: Nicht nur Filme adaptieren Apokalypsen, vor allem weitaus erfolgereichere Computerspiele scheinen fast ausschließlich apokalyptische Themen abzuschöpfen.

    Vermutlich wächst hier eine junge Gesellschaft heran, die sich in technoiden, phantasieschwülstigen und hobbykritischen Jenseits zurecht findet, anstatt in der Gegenwart nach Antworten zu suchen.

    "The Road" habe ich bereits vor Monaten gesehen - und muss sagen, dass ich an einigen Stellen erschüttert war. Verglichen mit "Book of Eli", den ich witzigerweise parallel dazu sehen musste, ein zwar ähnliches Szenario, aber eine ganz unterschiedliche normative Spirale, die zur Anwendung kommt.

  2. "Anschließend erscheint uns das biblische Versprechen, dass der Kampf der Guten gegen die Bösen zugunsten der Guten entschieden werden wird, als noch frommeres Ammenmärchen."
    Wenn man den Artikel liest denkt man der christliche Glaube sein ein mystisches Überbleibsel vergangener Zeiten. Etwas an den nur noch Idioten glauben. Ganz wie Eli:
    "Eli, der Hüter der allerletzten Bibel und Besitzer eines antiken iPods, gilt als Irrer, denn er rettet fremde Menschen vor marodierenden Banden."
    Hollywood und co haben das Bild über die Endzeit, wie sie in der Bibel steht kräftig verzert.
    Ich frage mich wer am Ende der Irre war!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt ja immer zwei Arten die Bibel zu lesen, die wortwörtliche und die nachdenkliche. Keiner käme auf die Idee Lyrik so zu lesen, jeder weiss das man bei Lyrik - nicht nur moderner Chiffre - die Metaebene erschließen muss. Nur bei der Bibel geht es selten tiefer als volkskirchliche Halbwahrheiten. Die Bibel ist ein unfassbar vielschichtiges Buch über die Menschen als solche - historisch ja auch eine Sammlung von Schriften. So besagt die Ursünde ja lediglich dass die "Sünde", also unsere schlechten Seiten, nicht nur zu uns gehören sondern uns als menschen ebenso definieren wie unsere Tugenden. Und wir uns dafür auch gar nicht grämen brauchen, sondern wir uns dessen bewusst sein müssen um damit bewusst umzugehen - denn trotzdem habn wir immer noch die Entscheidung frei. "Alternativlos" ist ein Begriff den nur deutsche Bundespolitiker kennen, Alternativlosigkeit gibt es nicht. Man muss halt jeweils mit den Konsequenzen leben. Wir schaffen uns selbst die Apokalypse, durch unsere Bequemlichkeit und Ignoranz (ich spreche von unserer gesamten Spezies, manche Erdteile sind nur "erfolgreicher" darin als andere) und sind aber erschreckt wenn wir die Konsequenzen erleben müssen. Worin liegt die Verheißung der Bibel, des Christentumes? Jesus Christus starb bereits für all unsere Sünden am Kreuze, als nackte Gotteskinder und gottes Ebenbild kehren wir also dereinst in das Paradies zurück - zurück! Das ist die philosophische Umschreibung für: der Mensch steht sich vorallem selbst im Weg

  3. 3. ~ 1101

    Tut mir leid, aber ich halte den ganzen Artikel einfach für Unsinn. Das beginnt schon mit der willkürlichen Einsortierung von Filmen in eine Endzeit-Kategorie (übrigens auch bei den früheren Katastrophen-Streifen, die ebenso nicht einheitlich sind), geht über die Deutung von Szenen bis hin zu einem mutmaßten, tieferen Sinn, den der Durchschnittskinogänger dort sehen würde.

    Hier geht es vor allem ums Geldverdienen. Und das bedeutet Action in einem Szenario, das das eines vorherigen Film überbieten soll. Also kam etwa bei den Katastrophen erst der Hochhausbrand, dann der Vulkanausbrach, schließlich die Erde und, weil das nicht genügte, auch noch die Sonne. Endzeit bietet sich hier besonders an, weil es ziemlich viel Abstruses erlaubt und Kosten niedrig hält. Eher lassen sich diese Filme mit früheren SF-Filmen wie Metaluna IV oder Horror wie Das Omen vergleichen. Botschaft? Allenfalls als weiterer Gruseleffekt.

    Dazu sind diese Streifen allesamt inhaltlich primitiv und fern jeder Realität. Aber wenn eine Lehre vermittelt wird, dann gerade das Entgegengesetzte: Sei gut in unserem Sinne, dann wirst du gerettet. Nicht Moral, sondern purer Erfolg ist der Maßstab. Das ist sogar gefährlich, denn der Alte am Straßenrand ist derjenige, den man zurück zu lassen hat, ohne Mitleid, weil alles andere ein "böser" Fehler wäre und den eigenen Tod bedeuten würde.

    Hollywood à la Bush-Sippe. Genau so intellektuell und moralisch.

    • Gafra
    • 07. Oktober 2010 11:41 Uhr

    auch an unseren täglichen Umgang mit Tieren denken.
    Nein, WIR gehen nicht um, wir lassen umgehen und wir verschließen die Augen vor milliardenfachem Tod und Qualen, den wir diesen zufügen alleine für unsere Gier.
    http://albert-schweitzer-...
    http://www.project-syndic...
    http://www.tagesschau.de/...
    http://www.vgt.ch/news_bi...
    Und da wir ja so sensibel sind, dürfen uns solche Bilder auch nicht zugemutet werden, obgleich das, was sie zeigen in unserem Auftrag geschieht.

  4. Es gibt ja immer zwei Arten die Bibel zu lesen, die wortwörtliche und die nachdenkliche. Keiner käme auf die Idee Lyrik so zu lesen, jeder weiss das man bei Lyrik - nicht nur moderner Chiffre - die Metaebene erschließen muss. Nur bei der Bibel geht es selten tiefer als volkskirchliche Halbwahrheiten. Die Bibel ist ein unfassbar vielschichtiges Buch über die Menschen als solche - historisch ja auch eine Sammlung von Schriften. So besagt die Ursünde ja lediglich dass die "Sünde", also unsere schlechten Seiten, nicht nur zu uns gehören sondern uns als menschen ebenso definieren wie unsere Tugenden. Und wir uns dafür auch gar nicht grämen brauchen, sondern wir uns dessen bewusst sein müssen um damit bewusst umzugehen - denn trotzdem habn wir immer noch die Entscheidung frei. "Alternativlos" ist ein Begriff den nur deutsche Bundespolitiker kennen, Alternativlosigkeit gibt es nicht. Man muss halt jeweils mit den Konsequenzen leben. Wir schaffen uns selbst die Apokalypse, durch unsere Bequemlichkeit und Ignoranz (ich spreche von unserer gesamten Spezies, manche Erdteile sind nur "erfolgreicher" darin als andere) und sind aber erschreckt wenn wir die Konsequenzen erleben müssen. Worin liegt die Verheißung der Bibel, des Christentumes? Jesus Christus starb bereits für all unsere Sünden am Kreuze, als nackte Gotteskinder und gottes Ebenbild kehren wir also dereinst in das Paradies zurück - zurück! Das ist die philosophische Umschreibung für: der Mensch steht sich vorallem selbst im Weg

    Antwort auf "Ammenmärchen"
    • BISI
    • 07. Oktober 2010 13:59 Uhr

    Was spricht den gegen ERfolg Ist dramatisieren Lüge? Wenn Filme verschönert oder dramatisiert werden, intensiviert es sie. Ich finde es kommt auch darauf an, wie man verschönert oder dramatisiert. Filme sind immer ein Spagat zwischen, der Welt der Industrie und dem Showgeschäft, Spaß und sozialer Verantwortung, Intelligenz und Dummheit, lokalem und globalem, Poesie und Pornografie, Wörtern und Bildern. Ein Film ist stets ein komplexer Prozess mit vielen Widersprüchen die es aufzulösen gilt.

    Im Grunde ist Filme produzieren genau das Selbe, wie jemanden aufzureißen oder zu verführen. Es gibt zwei Möglichkeiten, entweder sage ich mir ich möchte in einer Kneipe ein Mädchen aufreißen, weil ich sie einfach nur vögeln will – das ist hässlich und erbärmlich – oder man hofft, dass sich eine echte Liebesgeschichte entwickeln könnte. Das sind zwei verschiedene Sichtweisen. Genau so ist es, wenn du in ein Restaurant gehst und der Kellner sagt, „Guten Tag, wie geht’s ihnen?“, dann liebt er entweder seine Arbeit oder versucht sich einzuschmeicheln oder dir etwas anzudrehen.

    Vermutlich liebt er seine Arbeit die darin besteht sich einzuschmeicheln. Schon mal daran gedacht?

    Der Commonsense ist die Rosabrille, d.h. ich möchte nicht mit der Realität konfrontiert werden und will nicht in einen Spiegel schauen, sondern ich honoriere es, wenn die Geschehnisse in den Streifen idealisiert werden und zum Träumen inspirieren.

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  • Schlagworte Film | Apokalypse | Avatar | Bibel | Cormac McCarthy | Denzel Washington
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