Die Welt nach dem Ende der Welt hat keinen Himmel mehr, und das Unkraut, durch das die zwei letzten Menschen waten, zerfällt um sie herum zu Staub. Unter aschgrauen Wolken wandern sie durch eine Ödnis voll toter Bäume und zerborstener Autobrücken. Der Asphalt der Straßen ist eine schwärende Wunde. An Strommasten hängen zerfetzte Kabel. Ewig schon sind Vater und Sohn unterwegs, so müde vom Hunger, zermürbt von Kälte, dass sie manchmal wünschten, ihre Herzen wären aus Stein. Und immer die Angst, doch noch andere Überlebende zu treffen, die vielleicht auf der Jagd nach Menschenfleisch sind. Was ist das Schlimmste am Weltuntergang? Ihn zu überleben? Nein. Ihn nicht allein zu überleben.

Denn die Apokalypse, das ist der Mensch selbst. So lautet die Botschaft von John Hillcoats Film The Road – Die Straße , nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy. Er handelt von dem verzweifelten Versuch eines Vaters, sein Kind vor Kannibalen zu beschützen und sich in der Wolfszeit etwas wie Würde zu bewahren. Hillcoats Endzeitdrama ist nun schon das fünfte innerhalb eines knappen Jahres. So viel Weltuntergang war nie. Früher ließen uns die Kinoregisseure noch Luft holen zwischen Armageddon und The Day After Tomorrow. Aber jetzt setzen sie uns unter Dauerfeuer: Erst kam die Sintflut (2012), dann der totale Krieg der Welten (Avatar), der Luftangriff der Erzengel (Legion), der blutspritzende Wettlauf um das letzte Exemplar der Bibel (The Book of Eli) und schließlich die Reise der lebenden Toten durchs Kannibalenreich.

Wovor haben wir solche Angst? Langsam wird es Zeit, zu fragen, welchem Lebensgefühl die apokalyptischen Bilder entspringen und auf welche kollektiven Sehnsüchte die wenigen tröstlichen Pointen zielen. Immerhin handelt es sich hier um Offenbarungsfilme für ein Millionenpublikum. Warum sehen wir die Zukunft so schwarz? Glauben wir neuerdings wieder an einen strafenden Gott und sein Jüngstes Gericht?

An Erlösung glauben wir jedenfalls nicht. Denn im Endzeitkino der Gegenwart gibt es keine Erretteten, nur Verdammte. Und jede Zuflucht erweist sich als Täuschung. Einmal finden Vater und Sohn auf ihrem Streifzug durch verlassene Häuser eins, das halbwegs heil ist. Sie stöbern in der Küche nach Essbarem, entdecken die Kellerklappe und brechen sie auf. Doch die Vorräte, die sie dort unten finden, sind entsetzlich: Wimmernd stürzen nackte Menschen aus dem Dunkel, wo sie als lebendes Futter eingesperrt waren.

Nach dem Jüngsten Gericht sollte das Reich Gottes kommen. Fällt aber aus

Hier ist nicht nur die Hölle, sondern der innerste Kreis der Hoffnungslosigkeit. Die unsichtbare Inschrift am Höllentor lautet wie schon in Dantes Inferno: »Durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze. Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!« Mühsam nur entkommen unsere Helden den Krallen der verzweifelten Opfer und schlagen die Kellerklappe zu. Dann fliehen sie, als wäre der Teufel hinter ihnen her.

Nach christlicher Vorstellung bestand die Apokalypse aus zwei Teilen. Erst Vernichtung, dann Erlösung. Erst Gerichtstag, dann Reich Gottes. Leider fehlt in den modernen Unheilsprophetien der zweite Teil. Das Verheißene wird von der Endzeit verschluckt. Es gibt keine Zeit nach der Zeit. Einige zwar haben den Jüngsten Tag überstanden, doch das nützt ihnen nichts, denn er bricht immer von Neuem an. Warum? Weil die Menschen vom Glauben an sich selbst abgefallen sind. »Wenn Gott uns Menschlichkeit geschenkt hat«, heißt es in The Road, »haben wir sie längst verloren.«

Tatsächlich kommt man mit Mitleid oder ähnlich altmodischen Tugenden in der letzten Welt nicht weiter. Eine andere Szene. Da treffen Vater und Sohn einen Greis, der noch erschöpfter ist als sie. Um seine Füße sind Lumpen gewickelt, in sein verwittertes Gesicht haben sich die Furchen jahrelanger Schlaflosigkeit gegraben. So sieht einer aus, der nie mehr Obdach findet. Aber er ist mehr als ein Obdachloser, nämlich moralischer Prüfstein für alle Vorbeikommenden. Können wir ihm helfen?, fragt das Kind. – Nein!, antwortet der Vater. – Können wir wirklich nicht? – Nein. Er wird sterben. Wir können, was wir haben, nicht mit ihm teilen, sonst sterben wir auch.