Geert Wilders in Berlin Analyse statt Antifa
Wer Geert Wilders als Nazi oder Scharlatan abtut, macht es ihm zu leicht.
Der Erfolg des Rechtspopulismus in Europa hat viele Gründe. Einer davon ist die Kombination von Entrüstung und Ahnungslosigkeit aufseiten seiner Gegner. Die paar Dutzend, die gegen Geert Wilders Berliner Auftritt am vergangenen Samstag mobilmachten, trugen stilisierte Hitler-Bilder. Antifa-Folklore statt Analyse.
Wilders ist aber kein Nazi. Drinnen, im Saal des Hotel Berlin, leuchtete der Wahlspruch der neuen Partei (»Die Freiheit«), deren Geburtshelfer er sein möchte, auch in hebräischen Buchstaben( »Wir lieben die Freiheit!«). Bewusst wird die Grenze zur alten Rechten gezogen. Wilders Israelfreundschaft erfüllt zwei Funktionen. Erstens sagt sie: Ich bin zwar sehr blond, aber keine Bestie. Zweitens hat Israel in seiner antimuslimischen Geschichtstheorie eine wichtige Rolle als Frontstaat des Westens gegen die Welle des Islams, die Europa zu überrollen droht.
Geert Wilders Rechtspopulismus ist für Konservative eine größere Herausforderung als für die Linke. Karl-Theodor zu Guttenberg scheint das erkannt zu haben. Doch auch der CSU-Politiker macht es sich leicht, wenn er Wilders abtut als einen »jener Scharlatane, die dieser Tage herumturnen«.
Man muss sich die Mühe machen, jener Berliner Rede genau zuzuhören, der 700 Zuhörer im Hotel Berlin zujubelten. Denn wer dem zugleich abgedrehten und konsequenten Gedankengang von Wilders folgt, der versteht, welcher neue Radikalismus der Mitte sich zusammenbraut.
Gleich zu Beginn baut der freundliche Demagoge die Grundlage seines Arguments auf: Deutschland brauche »eine politische Bewegung, die die deutsche Identität verteidigt und sich der Islamisierung Deutschlands entgegenstellt«. Angela Merkel hingegen erkläre die Islamisierung Deutschlands für unvermeidlich«. Sie habe, so Wilders, die Bürger aufgerufen, sich auf »Veränderungen durch Einwanderung einzustellen«.
Damit ist mit wenigen Sätzen die Kampfzone skizziert: »Deutsche Identität« steht gegen »Islamisierung«, und Einwanderung ist gleich »Islamisierung«. Die deutsche Regierung nimmt Einwanderung hin, ergo: Merkel ist eine nützliche Idiotin der Islamisierung.
Dann begründet Wilders, warum der Islam eine politische Ideologie sei, die nur Ahnungslose für eine Religion halten könnten. Er beruft sich auf Islamkritiker ebenso wie auf radikale Islamisten. Zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden, wie es die Bundesregierung mit ihrer Islamkonferenz macht, ist danach sinnlos: Der Islam sei der dritte Totalitarismus nach Kommunismus und Nationalsozialismus. Die heutigen Führer des Westens seien unfähig, die Gefahr zu erkennen. Das Establishment – Politik, Medien, Kirchen, Universitäten – setze die Freiheit aufs Spiel, indem es den Islam anderen Religionen gleichstelle. Das ist »Appeasement« des Islams, und also ist auch das gesamte Establishment ein Instrument der »Islamisierung«. Widerstand dagegen wird zur Pflicht.
Der Islam ist beileibe nicht nur durch Terrorismus gefährlich (obwohl dieser nach Wilders keine Pervertierung, sondern sein Wesen ist). Seine Ausbreitung, sagt er, geschehe historisch entweder durch militärische Eroberung – oder »durch die Waffe der Hidschra, der Einwanderung (…). Mohammed eroberte Medina durch Einwanderung. Hidschra ist auch das, dem wir uns heute gegenübersehen. Die Islamisierung Europas schreitet kontinuierlich voran.« Man muss sich die Radikalität dieses Gedankens und seiner logischen Konsequenzen klarmachen: Muslimische Einwanderer sind Eroberer, Migration ist eine Waffe im Kampf des Islams um Herrschaft.
Wenn man diese Weltsicht teilt, müssen viele Maßnahmen legitim erscheinen, gegen die sich mancher vielleicht noch sträubt. Wilders möchte die Deutschen von ihren Schuldkomplexen befreien, damit sie ungehemmt »dem Kampf für ihre eigene Identität« nachgehen können. Er zeichnet eine apokalyptische Situation, die jedes Mittel gerechtfertigt erscheinen lässt. Ein Verbot des Korans, wie von Wilders gefordert, kann dann eigentlich nur ein Anfang sein. Moscheen und Kopftücher in unseren Städten zu akzeptieren ist Defätismus, eine Versündigung an der Freiheit. Wer Wilders Gedanken nachvollzieht, kann konsequenterweise Muslime nicht einmal dulden wollen.
Ein Scharlatan? Wilders sieht sich als Prophet des Endkampfs »für unsere Identität«. Er ist groß im Angstmachen, aber auch als Erlöser – von Schuldgefühlen und bürgerlichen Bedenken. Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Geschäft. Es läuft recht gut. Auch mitten in Berlin.
- Datum 09.10.2010 - 10:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.10.2010 Nr. 41
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






würde ich weitgehend zustimmen - wobei es zu einige Ihrer Folgerungen auch Alternativen gäbe.
Sie schreiben z.B: "Wer Wilders Gedanken nachvollzieht, kann konsequenterweise Muslime nicht einmal dulden wollen."
Hier könnte z.B. ein "Islam light" oder Maßnahmen, die auf Dauer wieder zu einer Reduzierung des Islams führen würden (z.B. Aufklärunterricht sowie Verbot von Koranschulen und Stop von Einwanderung...) ebenso eine alternative Konsequenz darstellen. Dies würde auch - Wilders Gedanken folgend - das Problem lösen.
Was im Artikel allerdings fehlt, ist die Frage, OB Wilders denn Recht hat. Ich denke, er HAT Recht. Ich würde aber auch erwarten, dass jemand, der mir widerspricht, aufzeigen kann, wo und warum er Wilders Argumente für falsch hält.
Entfernt. Bitte äußern Sie sich zum Thema des Artikels und wenden Sie sich bei Fragen zur Moderation bitte an community@zeit.de. Die Redaktion/cs
Entfernt. Bitte äußern Sie sich zum Thema des Artikels und wenden Sie sich bei Fragen zur Moderation bitte an community@zeit.de. Die Redaktion/cs
Ich habe mich gerade der Mühe unterzogen, die Rede von Wilders (noch einmal) im Wortlaut zu lesen - ich konnte an keiner Stelle den Eindruck gewinnen, er habe Merkel zur "nützlichen Idiotin der Islamisierung" degradiert, wie Sie sich auszudrücken belieben - er hat sie kritisiert, das ja. Ich frage mich angesichts dieser Art Berichterstattung allmählich, wer hier eigentlich populistisch ist... Und noch was: Sie schreiben: "Man muss sich die Radikalität dieses Gedankens und seiner logischen Konsequenzen klarmachen: Muslimische Einwanderer sind Eroberer, Migration ist eine Waffe im Kampf des Islams um Herrschaft" Genau das kann sie auch sein. Lesen Sie den Koran, dauert zwar ein bisschen, lohnt sich aber. Dazu ein Zitat von Vural Öger, Vertrauter von Aygül Özkan: "Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben. Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 20 Millionen liegen. Das, was Kamuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen verwirklichen." Und noch eines von Recep Tayyip Erdoğan:"Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten".Ich weiß schon, das wird Sie auch nicht dazu bringen, sich die Sache wenigstens mal von einem anderen Blickwinkel aus anzusehen. Aber nicht alle denken wie Sie.
Entfernt. Bitte äußern Sie sich zum Thema des Artikels und wenden Sie sich bei Fragen zur Moderation bitte an community@zeit.de. Die Redaktion/cs
Zitat: "Die Entfremdung des Volkes von der Politik ist sein Geschäft. Es läuft recht gut. Auch mitten in Berlin" - Genau so ist es. Ohne dieses Phänomen bräuchte niemand einen Geert Wilders oder eine Pia Kjærsgaard. Allerdings hat die Sache einen kausalen Drehwurm - nicht das Volk hat sich der Politik entfremdet - sondern umgekehrt.
Die europäische, politische Auftritt des offensichtlich internationalen Wilders ist allemal produktiver als der inhumane Terrorismus islamischer Extremisten und ebenso inhumane militärische bzw. freiheitsberaubende Antworten des Westens. Journalisten sollte die aktuelle Entwicklung Veranlassung sein, tiefere Ursachen hinter aktuellen Entwicklungen auszumachen und fatale Entwicklungen zu entlarven. Herr Lau hat ja einen Beitrag gemacht und wird dies sicher auch künftig tun.
Durch - so es dabei bleibt - die Abgrenzung zu Gegnern von Freiheit, Homosexuellen und Juden fordern Wilders und seine Partei den Islam der Gegenwart heraus. Fakt ist, hegemonial islamisch geprägte Länder - reich oder arm - sind durchweg nicht in der Lage, Menschenrechte gemäß der Allgemeinen Erklärung von 1948 zu garantieren. Selbst der EU-Kandidat Türkei macht immer wieder durch negative Schlagzeilen auf sich aufmerksam.
Wilders geht aber zu weit. Die meisten Muslime in Deutschland sind moderat und verfassungskonform. Ohne sie könnten Staat und Wirtschaft nicht mehr funktionieren. Ein Koran-Verbot würde zu einer rapiden Abwanderung aus Deutschland führen.
Europäische Muslime könnten Beiträge für Menschenrechte leisten. Entsetzlich und völlig inakzeptabel sind Aussagen im Koran, die Strafen wie Steinigung und Händeabhacken fordern, oder lebenslange Haft für freiwillig vereinbarten außerehelichen Geschlechtsverkehr. Inakzeptabel auch das praktizierte Wechselrecht (einseitig zum Islam). Reformen bitte!
Aha, ein "Rechtpopulist"/"Demagoge" dem Hunderte von "Appeasement" Politiker und Journalisten gegenüberstehen.
Ich kann das Gerede vom "Rechten Rand" und dem angeblichen "Rassismus aus der Mitte" sowas von nicht mehr hören. Eine Mehrheit der Bevölkerung hat diese Art der Bevormundung gründlich satt. Der "Rand" ist mittlerweile ziemlich breit, liebe Leute. Das zur Kenntnis zu nehmen, anstatt die Menschen als "rechts" und "rassistisch" zu verunglimpfen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Der jahrelange Versuch,den Leuten klarzumachen, daß der Kaiser sehr wohl neue Kleider hat, ist als gescheitert anzusehen.
Auch wenn das Aufmalen stilisierter Hitler-Bärtchen kindisch (und damit verharmlosend) wirkt und nicht die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Thesen rechtspopulistischer Demagogen vom Schlage eines Geert Wilders ersetzt: Ist der Vergleich mit dem Rechtsextremismus denn völlig falsch? Auch wenn einige Freund-/Feindbilder in leicht durchschaubarer Absicht vertauscht werden (Homosexuelle, Juden), so bleiben doch die Mechanismen von Stigmatisierung und Ausgrenzung die Gleichen. Die jüngste Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen spricht hier von der "Logik des Ressentiments": Erst werden Migranten von gesellschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten systematisch ausgeschlossen, um ihnen dann die Folgen einer verfehlten Integrationspolitik anzulasten. Man könnte es auch so ausdrücken: Alter Wein in neuen Schläuchen.
Bitte sagen Sie, um was geht es Ihnen eigentlich? Sie haben die Rede analysiert, darin steht, das G.Wilders kein Rechtsradikaler ist, dass GW die Menschen vor totalitärem Islam schützen will etc. Was wollen Sie?, wollen Sie uns nicht schützen? Wollen Sie nicht die Gleichberechtigung von Mann und Frau? Wenn man Ihren Beitrag liest, ist man sich da nicht sicher. Ich wundere mich immer wieder , wie Journalisten, Menschen, die von Islamisten bedroht werden und so mutig sind, dagegen anzugehen, als Rechtspopulisten beschimpft werden. [...]
Anm: Bitte formulieren Sie Ihre Kritik weniger als Unterstellung, sondern möglichst sachlich und argumentativ begründet. Vielen Dank. Die Redaktion/km
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren