© Jonas Unger

Gérard Depardieu hockt schon auf seinem Quad. »Steig auf!«, sagt er; hinter ihm ist noch ein winziges Fleckchen Platz. Vollgas! Die halsbrecherische Fahrt beginnt. Ist keine Kurve in Sicht, dreht er sich um und brüllt begeistert: »Dahinten, die Pappeln! Drei verschiedene Grüns!« – »Die alte Kirche!« – »Schon wieder ein Kreuz!«

Das Anjou ist eine Region nördlich der Loire. Depardieu nimmt seinen Gast auf eine Tour durch seine Weinberge mit. Wer ihn an diesem Ort besucht, langweilt den Schauspieler besser nicht mit Fragen nach dem Kino. Dies ist nicht Paris. Im Anjou wird gelebt! Und Wein gemacht. Darüber, ja, darüber spricht Depardieu gern. Über den Wein und das Leben. Und beim Reden soll es nicht bleiben, heute wird gegessen und getrunken!

Ein Trupp Jugendlicher erkennt den Mann auf dem Geländefahrzeug und winkt. Der schwenkt den Hut. Noch mehr Kirchen, noch mehr Kreuze. Mit weit ausholender Geste beschreibt er das Panorama. Mensch und Natur haben Baum- und Buschreihen locker über die Bodenwellen verstreut. Das Land ist flach genug, um windig zu sein; die zerfetzten Wolken ziehen schnell, die vom Meer hergewehte Luft ist feucht, vielleicht rührt von ihr das Schimmern über der Landschaft.

Hinein in die Weinlagen, mit Karacho. »Die dicken Rebstämme da sind hundert Jahre alt! Alles braun, das ist Roundup!« So heißt das Herbizid, das hier gesprüht wird. Allerdings nicht auf Depardieus Flächen. Jähe Bremsung vor besonders gepflegten Rebzeilen. Der untere Bereich der Pflanzen, dort, wo die spätsommerprallen Trauben hängen, ist in Handarbeit von Blättern befreit worden, damit kurz vor der Lese noch Sonne auf die Beeren strahlt. Depardieu zupft eine ab, »probier mal, der Merlot ist fast reif«. Bevor er die Parzelle kaufte, hatte er von ihrer Erde gegessen: »Du schmeckst alles, die Feuchtigkeit, den Kalk, das Fehlen von Eisen und Kalium.«

Wie kann das sein, dass jemand, der auf der ganzen Welt ohne Unterlass schauspielert und Meisterklassen leitet und Restaurants eröffnet und Preise übergibt und Landgüter kauft und Hotels plant – dass also jemand wie Depardieu noch Hand an die eigenen Weine legt? »Das musst du dir so vorstellen«, sagt Philippe Polleau, sein Betriebsleiter, der mit dem Pick-up hinterdrein gefahren ist: »Morgens kommt ein Anruf aus Paris, kurz darauf landet Gérard mit dem Hubschrauber, setzt sich aufs Quad, brettert durch die Rebzeilen, nimmt Fassproben und sagt dann: Für den Chardonnay müsst ihr die 400-Liter-Fässer nehmen, die bringen genau das richtige Maß an Holz ein – und startet wieder. In der Zeit der Lese ruft er täglich mehrmals an.«

Anstrengender Chef, oder? »Absolut. Als wir jungen Pinot noir gepflanzt hatten und meinten, der braucht noch ein paar Jahre, bis man Wein daraus machen kann, kam Gérard wieder einmal angerauscht, kaute auf den Beeren herum und sagte: Mach mir zwei Barriques Rotwein. Danach hat er sechs Monate lang deswegen angerufen, immer wieder. Mann, hat das genervt. Und dann wurden daraus 300 wundervolle Flaschen. So geht das immer mit ihm.« Woher der Mann das Weinwissen hat? Von Freunden, wie alles. Depardieu will »nicht Biowein, sondern guten Wein« machen; er verzichtet auf Zwangsernährung des Bodens und Intensivmedizin für die Reben, weil er eine eigenwillig körperliche Beziehung zur Natur hat.

Er ist auch schon mal direkt von einer Preisverleihung in Cannes hergeflogen, noch im Frack, hat sich nicht umgezogen, sondern gleich im Weinberg mitgearbeitet. »Ich kenne ihn, seit ich zehn Jahre alt bin«, sagt der 38jährige Philippe, »er ist mein zweiter Vater. Vor zwanzig Jahren sah er einmal, wie ich einen ziemlich teuren Bordeaux öffnete. Er nahm mir die Flasche weg und kippte den Wein in den Ausguss: ›Das verdirbt dir nur den Geschmack.‹ Zehn Jahre später brachte er den gleichen Wein selbst mit, wir probierten gemeinsam, und ich begriff.« Nein, welcher Wein es war, das sagt Philippe nicht.