Gérard Depardieu Was wollt ihr trinken?Seite 5/5

Jetzt ein blickdichter Roter aus der regionalen Rebsorte Grolleau: »Ein vin de soif, ein Durstwein. Für neun Uhr morgens.« Fragende Gesichter. »Also wenn man schon um sechs Uhr aufgestanden ist und hart gearbeitet hat. Jean Carmets Lieblingswein.« Jean Carmet, Darsteller rustikaler Typen, war einer seiner raren Freunde aus dem Kinomilieu. Aus der Hand Depardieus erhielt er 1994 einen César für sein Lebenswerk. Er starb noch im gleichen Jahr. Und da Tigné ein kleines Dorf ist, konnte Depardieu erwirken, dass noch 1994 die Schlossstraße in »rue Jean Carmet« umbenannt wurde; »meine Adresse ist rue Jean Carmet Nummer eins«, sagt Depardieu mit Stolz.

Nun zur Abwechslung ein 1989er Premier Cru aus der Bourgogne. »Der ist so alt wie mein Bauch«, sagt Depardieu. Über den reißt er gleich noch einen Witz: »Wenn die Brioche zu groß wird, sieht man die Baguette nicht mehr.« Der Erzeuger des Burgunders habe einmal Geld gebraucht, um sein Gut zu retten. »Ich hab es ihm gegeben und als Zinsen regelmäßige Weinlieferungen vereinbart.«

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Auch die folgende Flasche könnte beinahe ein Burgunder sein, aber sie ist ein Cabernet franc aus der eigenen Domäne, Jahrgang 1991. Der Duft nach Leder erinnert Depardieu an den 1951 gedrehten Film Ledernase von Yves Allégret. Die Geschichte eines verstümmelten Soldaten, der eine Maske aus Leder trägt und eine Frau nach der anderen erobert. Bis auf jene, in die er sich unsterblich verliebt. Alles endet damit, dass der Soldat seiner großen Liebe das Gesicht zeigt, aber ihr Mitleid nicht erträgt ... schnell wechselt Depardieu das Thema. Wir sind wieder beim Cabernet franc. Die Rebsorte eignet sich für komplexe Weine, nicht für trendige Wuchtbrummen. Sie findet sich in den Cuvées einiger großer Bordeaux, im Château Haut-Brion zum Beispiel. Das ist bezeichnenderweise der Lieblingswein Depardieus: der harmonischste aller Bordeaux. Kein Obelixwein.

Gut, dass vom 1991er eine Magnum auf dem Tisch steht. Seine Tannine wirken körnig, straff ist er, elegant. »Vollständig spontan vergoren«, bemerkt Philippe, also ohne Zugabe von fremden Hefen, Nährsalzen oder Spezialbakterien. Auch Enzympulver und andere Präparate zur Aromasteuerung haben Hausverbot auf Tigné. »Wegen solcher Weine«, sagt Depardieu, »wollte ich ein Gut im Anjou.« Als er Tigné 1988 kaufte, hatte es nur 25 Hektar, mittlerweile sind es hundert.

Die schönste Zeit ist für ihn diejenige, in der die Cuvées zusammengeschnitten werden. »Am liebsten morgens. Wenn alles schläft. Du stehst um vier Uhr auf, gehst zu den Fässern und probierst, dann gehst du wieder schlafen. Und das mehrere Tage lang. Du musst mit deinem Selbst der verschiedenen Tage probieren. Immer wieder, das dauert lange, und irgendwann macht es klack! Das ist wie mit schwierigen Texten. Ich muss über sie schlafen. Nicht denken. Wie beim Kochen, wie im Sport, wie auf der Bühne. Die Wahrheit ist in der Performance, in der Aktion.«

Und dann sagt er noch: »Du bist nur gut, wenn du Dinge machst, die dir selbst ähnlich sind.« Das Geheimnis seiner Filme. Und seiner Weine.

 
Leser-Kommentare
  1. Man sollte den Vornamen schon richtig schreiben, der accent muss auf dem e sein, also Gérard und nicht Gerárd. Betonung durch Akzent wird im Spanischen gemacht und nicht im Französischen.

    Vielen Dank für Ihren Hinweis, Sie haben natürlich recht. Wir haben das schnellstens korrigiert. Freundliche Grüße, /Die Redaktion pt.

  2. Mit ordentlich Abstand zum alltäglichen Schwachsinn kann man gute Artikel schreiben. Glückwunsch, Monsieur Gero.

  3. Mit Depardieu einen Weinschoppen machen, das würde ich auch gerne mal....

  4. „Seine Tierliebe ist verschlingend. Als wir, nachdem er in Hamburg seinen Wein vorgestellt hat, im Hafen-Klub Vierländer Ente essen, gibt er seiner Lust mit lautem Entenquaken Ausdruck. »Du musst den Tieren mit Respekt begegnen«, sagt er. »Ich hab viel geangelt in meiner Jugend, du siehst die Fische umherschwimmen, plötzlich zuckt die Angel, du ziehst den Fisch heraus, und dann«, er zieht aufgeregt den Atem ein, »dann kommt der Moment: Da guckt dich ein Wesen aus einer anderen Welt an. Eine Begegnung. Es sind immer die Begegnungen, die faszinieren.«“

    Depardieus Filme fand und finde ich gut. Ein echter Typ, der auch als Winzer möglicherweise eine gute Figur abgibt.

    Dennoch wird mir, der ich aus Respekt vor tierischen Leben, selbiges nicht zu verzehren vermag, bei den o.a. vergleichsweise primitiv anmutenden Äußerungen ganz anders.

  5. Ein Angebot zur Weinprobe würde ich jederzeit annehmen... Großartikel Artikel!

    • smojoe
    • 08.10.2010 um 10:41 Uhr

    Beim Lesen kam es mir vor als hätte ich gleichzeitig einige seiner Filme gesehen.

    • malius
    • 08.10.2010 um 11:47 Uhr

    Kurze Frage: ist 'Der Fremde' wirklich von Charles Baudelaire? hatte bei G**gle gesucht aber in seinen werken nichts gefunden. Über Antworten würde ich mich freuen, evt. auch in welchem Band ich es finden könnte...danke, malius

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    Redaktion

    "Spleen de Paris - Pariser Spleen" (zweisprachiger Band)

    Redaktion

    "Spleen de Paris - Pariser Spleen" (zweisprachiger Band)

  6. Redaktion
    Antwort auf "Frage..."
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    • malius
    • 08.10.2010 um 14:01 Uhr

    Danke sehr! Hatte natürlich nicht nach der französischen Version gesucht!

    Was ich noch vergessen hatte: Ein sehr schön geschriebener Artikel!

    • malius
    • 08.10.2010 um 14:01 Uhr

    Danke sehr! Hatte natürlich nicht nach der französischen Version gesucht!

    Was ich noch vergessen hatte: Ein sehr schön geschriebener Artikel!

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