Debatte um VertriebeneDas bestgehütete Geheimnis

Ein Gespräch mit dem Historiker Hans Henning Hahn über den Mythos Vertreibung, Erika Steinbachs Museum und die Parallelgesellschaft der Landsmannschaften. von 

DIE ZEIT: Es ist ein wunderlicher Widerspruch: Während die Flüchtlinge und Vertriebenen völlig in der deutschen Gesellschaft aufgegangen sind, erscheinen uns die Vertriebenenverbände fremder denn je. Wie kommt das?

Hans Henning Hahn: Das ist in der Tat ein Phänomen. Die Verbände entstammen der unmittelbaren Nachkriegszeit. Seither geben sie sich, ohne demokratische Legitimation, als die Repräsentanten unschuldiger Opfer brutaler Gewalt aus. Sie haben ihren politischen Stil, diese ganze Rhetorik aus den fünfziger Jahren bis heute konserviert, wie in einer Zeitblase.

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ZEIT: Derweil ist die deutsche Gesellschaft mit ihren vielfältigen Vergangenheitsdebatten über sie hinweggegangen?

Hahn: Ja. Zu all diesen Debatten war von den Verbänden nie viel zu hören oder wenn, dann nur immer dasselbe. Sie scheinen in einer Art Parallelgesellschaft gefangen. Allerdings: Einige von ihnen haben inzwischen begonnen, sich zu reformieren – wie die einstige Deutsch-Baltische Landsmannschaft, die sich heute Deutsch-Baltische Gesellschaft nennt. Dort hören wir erfreulich andere, ungewohnte Stimmen.

ZEIT: In den fünfziger Jahren waren die Verbände zum Teil braune Netzwerke. Hat das damals niemanden gekümmert?

Hahn: Natürlich wurde das immer wieder kritisiert, in den Medien, nicht zuletzt von zahlreichen Vertriebenen selbst. Offensichtlich sind diese Netzwerke aber damals von der Politik nicht als Skandalon empfunden worden, schließlich saßen überall Exnazis. Außerdem war nur ein sehr kleiner Teil der Heimatlosen organisiert. Die überwiegende Mehrheit hatte mit den Verbänden nichts am Hut. Gerade die NS-Vergangenheit führender Funktionäre war ja für viele der Grund, diesen Verbänden fernzubleiben. Deshalb ist es auch Quatsch, alle Vertriebenen oder gar noch ihre Nachkommen pauschal als »Ewiggestrige« abzutun oder als »verkappte Nazis« zu denunzieren.

ZEIT: In diesem Jahr wird die »Charta der Heimatvertriebenen« von 1950 gefeiert. Zugleich gibt es massive Kritik. Was stört die Kritiker?

Hahn: Zwei Punkte: erstens die darin enthaltenen Behauptung, die Vertriebenen seien die vom Leid jener Zeit – also der Kriegs- und Nachkriegszeit – am schwersten Betroffenen. Zweitens der viel gelobte »Verzicht auf Rache und Vergeltung« – als würde man auf etwas verzichten, was einem zustehe. Solche Formulierungen verraten die damalige moralische Desorientierung der Charta-Autoren. Auch unter ihnen befanden sich zahlreiche ehemalige Nazis, und das mag den Mangel an Einsicht erklären in das, was geschehen war. Unerklärlich aber ist, wie man diese Formeln und Formulierungen heute noch feiern kann.

ZEIT: In dem Buch, das Sie mit Ihrer Frau geschrieben haben, sprechen Sie vom »Mythos Vertreibung«. Was meinen Sie damit?

Hahn: Hinter dem Begriff »Vertreibung« stehen sehr unterschiedliche Umsiedlungserfahrungen von Deutschen aus den Jahren zwischen 1939 und 1949. Nicht alle diese Menschen wurden vertrieben, ja nicht einmal die gängige Redewendung »Flucht und Vertreibung« reicht aus, um der Vielfalt der Erfahrungen gerecht zu werden.

ZEIT: Sie spielen auf die Umsiedlungen an, die schon zur Zeit des »Dritten Reichs« stattfanden?

Hahn: Ja, zum Beispiel. Statt zu differenzieren und zu präzisieren, sprach man pauschal von Vertreibung. So trat an die Stelle einer historisch genauen Beschäftigung mit der Geschichte der Betroffenen ein Kanon gefestigter Redewendungen, der seit Jahrzehnten wiederholt wird. Solch einen rhetorischen Kanon nennt man Mythos. Deshalb unterscheiden wir in unserem Buch zwischen dem Reden über die konkreten Ereignisse, die von 1939 bis 1949 rund elf Millionen Deutsche heimatlos machten und ins heutige Deutschland brachten, und dem »Mythos Vertreibung«. Wir wollen die Aufmerksamkeit auf das historische Geschehen selbst lenken.

Leserkommentare
  1. Bisher konnte ich in dieser Angelegenheit eigentlich nur eine Konflitlinie erkennen. Jene, die sagen "alle selber Schuld" und eben die anderen, die schnell an den Rande der Relativierung der Nazi-Verbrechen geraten.
    Ich hoffe, dass diese Fronten etwas aufgebrochen werden.

  2. Ein Skandal, dass die Vertriebenen immer noch nicht entschädigt wurden - eher kriminalisiert. Wie Adenauer schon sagte, von den 13.000.000 bis 17.000.000 kamen nur 7.500.000 in "Restdeutschland" an.

    Diese OPFER zu TÄTERN zu deklarieren ist ein schreckliches Verbrechen. Es tut mir unendlich leid, dass die BRD nicht dazu imstande ist, sich für Opfer auf der eigenen Seite stark zu machen.

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    • optun
    • 10. Oktober 2010 21:09 Uhr

    Was sind denn die 50 Millionen, die durch den deutschen faschistischen Wahnsinn ums Leben gekommen sind. Sie konnten Ihr Leben retten, ist das nichts?
    Ich habe Schily vor einem Vertriebenenverband reden hören. Als er die Verbrechen der Nazis beannte, wurde er ausgejolt. Daran sehen Sie, woher der Wind weht.

    schützt gelegentlich vor Unkenntnis - vgl. "Lastenausgleichsgesetz". Dass manche Menschen Quatsch verbreiten ist demgegenüber schon eher ein Skandal.

  3. Man sollte auch ein Museum bauen oder besser gleich zwei, denn es gibt zwei politisch historische Wahrheiten.

    Wir Ossis haben unsere Besatzungsmacht los, wir hätten sie in Sachsen auch nicht gehabt wenn uns die Amerikaner nicht verschachert hätten.

  4. Die Menschen, die heute 80 Jahre alt sind und mit 15 Jahren aus den ehemaligen Ostgebieten des deutschen Reiches nazistischer Prägung vertrieben worden sind, sterben allmählich aus, aber sie haben diese Zeit immer noch in bester Erinnerung und ebenso das Gedächtnis über ihre ehemalige Heimat. Wer heute 70 Jahre alt ist, war gerade 5 Jahre alt, als flüchten musste und hat sicherlich nur noch rudimentäre Erinnerung an diese schreckliche Zeit, auch wenn sein Unterbewusstsein nachhaltig traumatisiert wurde. Noch Jüngere haben eher die Zeit als Flüchtlingskinder, als Rucksackdeutsche zwischen 1945 bis Ende der 60er Jahre in schlechtester Erinnerung. Diese unselige Zeit als ungewollte Fremde im eigenen Land ausgegrenzt und verachtet worden zu sein, ist sicherlich schwerwiegender als all die nostalgisch romantisierte Heimatduselei, die seit Jahrzehnten vom BdV reaktionär und anachronistisch zelebriert wird.
    Viele der heute 60 bis 50 Jährigen, deren Eltern Vertriebenendeutsche waren, wissen ein garstig Lied von fast rassistischer Ausprägung davon zu singen. Diese Vertriebenenthematik sollte eindringlicher untersucht und verarbeitet werden, anstatt sich in irrationalen Gefühlsträumereien und latenten Rachegelüsten zu verlieren. Die Generation der Vertriebenenkinder leidet mehr unter dieser Zeit als unter dem Verlust der Heimat. Die Inszenierungen des BdV schützen ein rechtskonservatives Sammelbecken ewig Gestriger, die als Teil von CDU/CSU als Stimmvieh gehätschelt werden.

    W. Neisser

    2 Leserempfehlungen
  5. Die Vertreibung war keine von wohlmeinenden Befreiern ermöglichte idyllische "Wanderung nach Westen". Wer wissen will, wie human dieser "Bevölkerungstransfer" vor sich ging, kann sich darüber besser informieren.
    Die mit dem nackten Leben davongekommenen,zwei Millionen schafften dies nicht,kamen in einem total zerstörten, besetzten und demoralisierten Rest-Deutschland an. Flüchtlinge waren nicht willkommen. Hunderttausende Deutsche wurden wie Sklaven in der Sowjetunion,in Polen,und Jugoslawien gehalten. Die in der Sowjetzone gelandeten Vertriebenen konnten an keinem Wirtschaftswunder teilnehmen. Diejenigen, die in die westlichen Zonen kamen, leisteten ihren Beitrag zum Wirtschaftswunder. Daß die von fremden Mächten besetzten Gebiete auch Teil ihres Vaterlandes waren, berührt die Verharmloser der Vertreibung überhaupt nicht. Die Vertriebenen hatten zweierlei zu erleiden. Den Schmerz über den Verlust ihrer Söhne und ihrer Heimat. Die Vertriebenen hatten nicht mehr und nicht weniger Schuld auf sich geladen, als diejenigen Deutschen, denen Vertreibung erspart blieb.
    Es wird Zeit, auch an die an ihnen begangenen Verbrechen zu erinnern.

    • optun
    • 10. Oktober 2010 21:09 Uhr

    Was sind denn die 50 Millionen, die durch den deutschen faschistischen Wahnsinn ums Leben gekommen sind. Sie konnten Ihr Leben retten, ist das nichts?
    Ich habe Schily vor einem Vertriebenenverband reden hören. Als er die Verbrechen der Nazis beannte, wurde er ausgejolt. Daran sehen Sie, woher der Wind weht.

    Antwort auf "Es ist ein Skandal."
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    Erst einmal: 50.000.000 starben durch den Zweiten Weltkrieg - und nicht allein durch den deutschen Faschismus, da haben viele Kräfte mit gewirkt. Zu einem Krieg gehört immer mehr als eine Partei.

    Desweiteren rechtfertigt ein Verbrechen doch nicht das andere! Sie relativieren hier die Einzigartigkeit der Vertreibung der Deutschen, welche es in diesem Umfang und in dieser Grausamkeit vorher nie gegeben hat - gefolgt von den größten Massenvergewaltigungen der Geschichte (die Russen haben knapp 15.000.000 Kinder und Frauen von 12 bis 60 Jahren vergewaltigt, von denen sich knapp ~15% das Leben nahmen, oder durch die Brutalität der Vergewaltigung starben).

  6. "einen Apfel, denn wir sind ja alle Vertriebene aus dem Paradies!"

    Finden Sie das auch noch Witzig?

    Drei Viertel meines deutschstämmigen Volkes (Russlanddeutsche) sind infolge der Deportation von Seiten der Soviets gestorben. Meine Eltern wurden ihr ganzes Leben lang als Faschisten und Nazis beschimpft. Meine Großmutter hat jetzt vor kurzem wegen einem Leberschaden, (zurückzuführen auf die Zwangsarbeit), das zeitliche gesegnet.
    Dennoch fühle ich keinen Hass, da Rachegelüste für mich was für Dummköpfe sind.

    Was ich aber nicht ausstehen kann sind herunterspielende Kommentare, über die Leiden der Vertriebenen. Vor allem wenn Sie vielleicht sogar noch von einem Deutschen mit Nazi-Vorfahren geschrieben werden.

    Antwort auf
  7. schützt gelegentlich vor Unkenntnis - vgl. "Lastenausgleichsgesetz". Dass manche Menschen Quatsch verbreiten ist demgegenüber schon eher ein Skandal.

    Antwort auf "Es ist ein Skandal."

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