Oliver Stone im September in New York © Jason Kempin/Getty Images

DIE ZEIT: 1987 prägte Michael Douglas als Börsenspekulant in Ihrem Film Wall Street den Satz: »Gier ist gut«. Was bedeutet für Sie Gier?

Oliver Stone: Ein Mangel an Bescheidenheit. Wir müssen essen, aber wenn wir uns den Bauch vollschlagen, dann ist das Gier. Wir brauchen Geld, aber wenn wir Dollars anhäufen, dann sind wir gierig. Wenn wir etwas zu sehr wollen, dann ist das Gier. Gier heißt letztlich übersteigertes Begehren.

ZEIT: Sind Sie gierig?

Stone: Jeder ist gierig, auf seine Art. Braucht man einen Privatjet, wenn man es nicht erträgt, mit anderen Menschen zu reisen? Ist das Gier?

ZEIT: Brauchen Sie einen Privatjet?

Stone: Nein. In den USA gibt es einen enormen Abgrund zwischen den Leuten, die sehr viel Geld verdienen und zum Beispiel mit Privatjets fliegen, und denen, die fast überhaupt nichts haben. In den letzten vierzig Jahren hatte die amerikanische Arbeiterklasse keinen finanziellen Zuwachs. Zieht man die Inflation ab, dann verdient ein amerikanischer Arbeiter das Gleiche, was er 1973 verdient hat. Vom Wachstum unseres Bruttosozialprodukts profitierten nur Banker, Aktienbesitzer und der Staat durch Steuererhebungen. Und die Banken wurden dabei zu aufgeblähten Monstren. Das ist eine Deformation. Und auch eine Form der Gier.

ZEIT: In Ihrem neuen Film Wall Street: Geld schläft nicht ist der von Michael Douglas gespielte Gordon Gekko allerdings nicht mehr so ungebrochen gierig wie im ersten Wall Street- Film vor 23 Jahren.

Stone: Er wird aus dem Gefängnis entlassen und muss sich in der Finanzwelt wieder von ganz unten nach oben arbeiten. Dafür verrät er seine Tochter und ihren idealistischen jungen Freund. Aber am Schluss wird ihm klar, dass menschliche Werte wichtiger sind als Geld.

ZEIT: Ist das Reden über menschliche Werte nicht auch ein bisschen hohl? Wahrscheinlich würden auch die Finanzhaie, die die Welt in die Krise gestürzt haben, behaupten, dass ideelle Werte wichtiger als finanzielle sind.

Stone: Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass Wall-Street-Leute nur darüber reden, wie viel Geld sie in diesem Quartal verdient haben. Die großen Konzerne machen PR-Aktionen, mit denen sie behaupten, für humane Werte einzutreten. In Wahrheit geben sie einen Scheiß darauf und kümmern sich nicht die Bohne um das Gemeinwohl. In einem Urteil hat der US-Supreme-Court kürzlich Konzernen dieselben Rechte zugestanden wie einem menschlichen Wesen. Das ist empörend! Dabei geht es allein um eine Beschränkung der Haftbarkeit. Die Konzerne haben dieses Land ausgezogen, es seiner wahren Werte beraubt.

ZEIT: Was sind diese Werte?

Stone: Liebe, Gemeinschaftssinn. Die Familienwerte, auf die sich Gordon Gekko am Ende von Wall Street 2 besinnt.

ZEIT: Aber doch nur, weil er fürchtet, im Alter allein zu sein. Bestehen die wahren Werte, von denen Sie reden, nicht vielmehr in einer Verantwortung für den anderen? In Entscheidungen, die man nicht nur zum eigenen Nutzen fällt?

Stone: Genau. Dann sind wir aber gleich bei einer anderen Form von Veränderung. Einer gesellschaftlichen Veränderung, so wie Hugo Chávez sie in Venezuela betreibt. Er ist davon überzeugt, dass der Reichtum und die Ressourcen eines Landes seinem Volk gehören sollten.