Irakkrieg Ein Soldat wird zum Mörder

Unteroffizier John Hatley riskierte im Irak sein Leben und sah Kameraden sterben. Eines Nachts rächte er sich: In Bagdad erschoss er vier Zivilisten. Für seine Familie in Texas ist er immer noch ein Held

First Sergeant John Hatley in einer Kaserne im Irak

First Sergeant John Hatley in einer Kaserne im Irak

Am Abend vor ihrer Abreise schaufelt Kim Hatley Pizzastücke auf Pappteller und trägt sie an den Esstisch in der Küche, damit alle Gäste satt werden. Sie hat den ganzen Tag nichts gegessen, hat nur Kaffee getrunken und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Seit ihr Mann John fort ist, schläft sie kaum noch, sie lebt nur noch für John. Wie immer reden alle über ihn, aber niemand fragt, wie es ihr eigentlich geht.

»Ach, John lässt sich nicht runterziehen«, sagt dessen Vater, ein weißhaariger Mann, er hat gerade mit dem Sohn telefoniert. Um John dreht sich hier immer alles, nicht erst, seit er im Gefängnis ist. Eine der Schwestern widerspricht: »Er zeigt nur nicht, wie er sich fühlt.« – »Aber er macht schon wieder Pläne!«, beharrt der Vater. »Er will später mal ein Haus bauen, und wisst ihr, was er noch sagt? Er sei jetzt an dem sichersten Ort, an dem er in den letzten 20 Jahren gewesen ist.« Alle lachen, als wollten sie sich gegenseitig versichern, dass sie eine gewöhnliche amerikanische Familie sind, nicht die Familie eines Mörders.

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Der Vater spricht das Tischgebet, er ist 69 Jahre alt und Zimmermann. Er denkt nur an den guten John, der anderen immer nur helfen wollte, so haben sie ihn erzogen hier in Groesbeck, Texas, zwei Autostunden von Dallas entfernt, weit genug weg von großstädtischen Verlockungen. John, der ein Vorbild sein wollte, in diesem Geist wurde er Soldat, First Sergeant John Edmund Hatley, 42 Jahre alt, ein Kerl mit kantigem irischem Gesicht und blondem Haar, 1,90 Meter groß, Muskeln wie ein Bär. Das Beste, was die Hatleys zu geben hatten, mit diesem John kann doch nichts Böses in die Welt gekommen sein.

Vier tote Iraker, Schüsse ins Genick.

»Er ist ein Held«, sagt Kim. Alle nicken, aber Kim klingt, als versuche sie einen stillen Zweifel zu bezwingen. Außer ihr scheint hier niemand von Johns Gräueltaten auch nur ein bisschen berührt zu sein. Ein Militärgericht hat ihn 2009 zu lebenslanger Haft verurteilt, doch die Familie findet, John habe nur seinen Job gemacht. Die Generäle haben seine Strafe auf 40 Jahre Haft reduziert, vielleicht kommt er schon früher auf Bewährung raus. Das ist Kims Hoffnung.

Sie setzt sich endlich. Sie wirkt ausgelaugt, als erfordere es ihre ganze Kraft, ihren Teil zu der lärmenden Fröhlichkeit beizusteuern, die alle hier wie einen Schutzschild herumtragen. Am nächsten Tag wird sie John im Militärgefängnis in Kansas besuchen, eine Tagesreise von Groesbeck entfernt. Als sie John den Prozess machten, ist Kim als Einzige dabei gewesen. Sie weiß, was an jenem Märztag 2007 in Bagdad geschah und was darüber in den Gerichtsakten steht.

Der Unteroffizier John Hatley ist an diesem Tag wie immer mit einem Dutzend seiner Leute im westlichen Rashid auf Patrouille, einem der gefährlichsten Teile der seit vier Jahren besetzten irakischen Hauptstadt. Hatley ist als First Sergeant der Ranghöchste eines kleinen Stützpunkts, in dem er sich mit seinen Männern seit einem halben Jahr verschanzt hat. Um die Bevölkerung besser zu beschützen, hat er die Zahl der Patrouillen verdoppelt. Die Lage hat sich seitdem gebessert, doch Aufständische attackieren die Soldaten immer wieder aus dem Hinterhalt oder zünden in der Straße vergrabene Bomben.

Auch an diesem Tag wird Hatley beschossen. In einem Wohngebäude stellt er vier Männer, sie sitzen auf dem Fußboden. Sie haben keine Waffen bei sich, aber in der Nähe finden die Soldaten Maschinengewehre, Nachtsichtgeräte und Taschen voller Munition. Situationen wie diese erleben die US-Truppen ständig: Ihre Gegner wissen, dass die Soldaten Beweise brauchen, um sie einzusperren, also verstecken sie nach einer Attacke die Waffen. Die Soldaten müssen belegen, dass sie beschossen wurden und von wem. Daher haben sie chemische Tests bei sich, die Schmauchspuren an den Händen sichtbar werden lassen, ein transportables Labor. Sie nehmen Fotos des Tatorts auf und halten Zeugenaussagen fest. Die Richtlinien, die diese Prozedur regeln, sind erst vor zwei Jahren verschärft worden. Die meisten mutmaßlichen Aufständischen, die von US-Soldaten aufgegriffen werden, kommen bald wieder frei. Eine Militärstatistik belegt, dass in den Jahren 2004 bis 2008 von 80.000 Festgenommenen nur 7000 länger in Haft blieben. Bis heute sind Irakveteranen wütend über diese Regelung. Sie sagen, sie kämpften immer wieder gegen denselben, längst unschädlich gemachten Feind.

Hatley lässt den vier Irakern die Augen verbinden und die Hände auf den Rücken fesseln, dann schafft er sie in ein Panzerfahrzeug. Er nimmt ein paar Soldaten beiseite. Should we take care of them?, sollen wir uns um sie kümmern? Sie verstehen ihn richtig, er will die Männer umbringen. Vielleicht klingt diese Frage auch wie ein Befehl. Hatley ist ein angesehener First Sergeant, einer der wichtigsten Männer der Kompanie. Ein hoher Unteroffizier, das Bindeglied zwischen den Offizieren und den einfachen Soldaten. Und Hatley ist beliebt, für viele ein Vorbild. Zwei Unteroffiziere sagen: Okay. Die anderen schweigen. Niemand widerspricht.

Leser-Kommentare
  1. „Ein legitimierter Mörder wurde zum kriminellen Mörder“, an der Überschrift ließe sich sicher noch etwas herumbasteln. Mir fällt gerade keine andere ein.
    Über 80 Iraker hat John Hatley umgebracht. Vier gefangene, wehrlose Iraker hat er später erschossen. Für diese vier wurde er verurteilt. Für die 80 anderen hätte er sicherlich eine Auszeichnung bekommen, wäre da nicht dieser kleine „Zwischenfall“.
    Menschen, die im zivilen Leben 10, 20 oder 30 Menschen umbringen, werden von uns als Soziopathen bezeichnet, als Wahnsinnige. Ein normaler Soldat kann 80 und mehr Menschen umbringen, danach wird er mit offenen Armen zu Hause willkommen geheißen: „Good Job!“ Ein US-Präsident kann als oberster Führer für den Tod von hundertausenden Menschen verantwortlich sein. Er wird seine Pension bekommen und niemand wird ihn von offizieller Seite aus als geisteskrank bezeichnen. Wir müssen, denke ich, Kriege als das wahrnehmen und analysieren, was sie sind: Als emotionale Störungen, als Wahnvorstellungen. Wir müssen uns klar werden, dass emotional gestörte Menschen nicht alle „grüne Männchen“ sehen, sondern sich ganz normal geben können. Nur tief emotional gespaltene Menschen sind zu den Taten fähig, die wir in Kriegen beobachten. Ich empfehle Interessierten eine Beschäftigung mit Thesen des Forschungsbereiches „Psychohistorie“ nach Lloyd deMause, um die psychologischen Hintergründe von Kriegen besser verstehen zu können.

    • Harzer
    • 11.10.2010 um 11:22 Uhr

    Wie werden unsere John Hartleys sein ?

  2. Hatten die erschossenen Personen denn Schmauchspuren? Wenn ja, dann sehe ich es auch nicht wirklich als Mord an. Wenn nein, dann ist es ganz klar Mord gewesen.

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    • tom310
    • 11.10.2010 um 11:50 Uhr

    Und ob die Aussagen der Beteiligten das wirklich erhellen können, darf bezweifelt werden. Ich nehme mal an, dass Hatley einige Indizien hatte, er hat solche Situationen ja oft genug erlebt. Das Problem ist, dass seine Reaktion verständlich sein mag, sie ist trotzdem falsch. Todesstrafe und Selbstjustiz widersprechen den Menschenrechten (IMHO).

    • K.S.
    • 11.10.2010 um 15:27 Uhr

    Natürlich wäre das Mord gewesen, ob die betreffende Person nun Schmauchspuren hatte oder nicht.

    Ansonsten sehr guter ausführlicher Artikel, danke dafür. :-)

    • tom310
    • 11.10.2010 um 11:50 Uhr

    Und ob die Aussagen der Beteiligten das wirklich erhellen können, darf bezweifelt werden. Ich nehme mal an, dass Hatley einige Indizien hatte, er hat solche Situationen ja oft genug erlebt. Das Problem ist, dass seine Reaktion verständlich sein mag, sie ist trotzdem falsch. Todesstrafe und Selbstjustiz widersprechen den Menschenrechten (IMHO).

    • K.S.
    • 11.10.2010 um 15:27 Uhr

    Natürlich wäre das Mord gewesen, ob die betreffende Person nun Schmauchspuren hatte oder nicht.

    Ansonsten sehr guter ausführlicher Artikel, danke dafür. :-)

    • tom310
    • 11.10.2010 um 11:42 Uhr

    Nun haben wir gerade gelernt, dass die Menschenrechte elemtarer Bestandteil von Freiheit und Demokratie sind. Wer nur Demokratie exportiert, aber die Menschenrechte nicht achtet, der sammelt nur wenige Pluspunkte.
    Das die Gegner von John Hatley jeden gefallen Soldaten feiern, macht die Sache nicht leichter. Es zeigt sich mal wieder, dass nicht der Mensch am System scheitert, sondern das System am Menschen. Die real existierende Demokratie mag besser sein als der real existierende Kommunismus, eine Demokratie im Sinne ihrer idealen Definition ist es noch lange nicht.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Die beiden wichtigsten Faktoren, die zu den "Ereignissen" führten:

    1) In den weniger zivilisierten Regionen der USA wird das Prinzip Rache hochgehalten und als Rechtfertigung staatlichen Mordens gepflegt.
    Ein Mord ist eine Todesstrafe, der die kleine Formalie einer Unterschrift des Richters fehlt. No big deal!

    2) In Konflikten löst sich der Individualismus auf, und es gibt nur noch Nationen (Völker, Stämme, Familien...). Es gibt keine Personen mehr, sondern Stückzahlen.
    Jeder, der irgendwie zu den "Feinden" dazugehört, steht stellvertretend für den Feind schlechthin.
    Selbst in aufgeklärten Kreisen ist das nicht anders, wenn z.B. die zivilen deutschen Opfer von Bombenangriffen oder Vertreibung pauschal als gerechtfertigt angesehen werden, weil ja "Deutschland" den Krieg angefangen habe.
    Das ist die Logik, mit der sich jedes Massaker an "Feinden" rechtfertigen läßt.

    Kein Wunder, daß die Familien des beschriebenen Mörders nicht verstehen, was plötzlich falsch gewesen sein soll.

    Eine Leser-Empfehlung
    • tom310
    • 11.10.2010 um 11:50 Uhr

    Und ob die Aussagen der Beteiligten das wirklich erhellen können, darf bezweifelt werden. Ich nehme mal an, dass Hatley einige Indizien hatte, er hat solche Situationen ja oft genug erlebt. Das Problem ist, dass seine Reaktion verständlich sein mag, sie ist trotzdem falsch. Todesstrafe und Selbstjustiz widersprechen den Menschenrechten (IMHO).

    Antwort auf "Schwierig"
  4. Sehr guter Artikel, danke dafür.

  5. Die Frage ist: Wollte man an John Hatley nur ein Exempel statuieren, um die Situation unter den frustrierten Soldaten in den Griff zu bekommen oder sogar der Weltengemeinschaft eine Art funktionierendes Rechtssystem in der Armee vorzugaukeln?

    Betrachtet man das große Ganze, handelt es sich hier um eine Lappalie. Tagtäglich sterben Zivilisten in einem sinnlosen Krieg, der so nie ein Ende nehmen wird.

    Nur weil diesmal eindeutig nachweisbar war, dass eine Hinrichtung auf Basis von Selbstjustiz stattgefunden hat, musste man wohl notgedrungen handeln.

    Anders läuft es z.B. bei der Luftwaffe. Diese tötet fast täglich mittlerweile mittels Drohnen Menschen, denen auch nichts nachgewiesen wird bevor sie exekutiert werden. Das Totesurteil braucht schon lange keine Legitimation mehr. Nichtmal wenn es sich um deutsche Staatsbürger handelt. Irfgentwein Geheimdienst verteilt Etiketten, die einen als Terrorist auszeichnen und einen ganz ohne Verfahren zum Abschuss freigeben.

    Der Fall Hatley ist lächerlich und kann nie darüber hinwegtäuschen, dass der Krieg im Irak

    1. Völkerrechtswidrig ist

    2. die Situation der Menschen deutlich verschlechtert hat (verglichen mit dem Leben unter Saddam)

    3. nicht zu gewinnen ist

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    • Afa81
    • 11.10.2010 um 17:21 Uhr

    Ich finde den Krieg auch nicht toll. Aber ein Mitarbeiter von mir ist unter Saddam geflohen und er wird ihnen zu Punkt 2 "Die Situation der Menschen deutlich verschlechtert hat (verglichen mit dem Leben unter Saddam)" etwas anderes erzählen. Worauf beruht Ihre Erkenntnis dazu?

    • Afa81
    • 11.10.2010 um 17:21 Uhr

    Ich finde den Krieg auch nicht toll. Aber ein Mitarbeiter von mir ist unter Saddam geflohen und er wird ihnen zu Punkt 2 "Die Situation der Menschen deutlich verschlechtert hat (verglichen mit dem Leben unter Saddam)" etwas anderes erzählen. Worauf beruht Ihre Erkenntnis dazu?

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