Compapinki ist ein stiller Mann. Es kommt nicht oft vor, dass Fremde ihn inmitten der bolivianischen Anden besuchen. Sein Hof ist nur zu Fuß zu erreichen.

Compapinki, der Name bedeutet »Gevatter Flöte«. Der 40-Jährige wird so genannt, weil er schmal ist und sich sehr gerade hält. Eigentlich heißt er Ignacio Condori. Zu Ehren seiner Besucher trägt der Bauer eine farbenprächtige Wollmütze, gewebt aus den unterschiedlichsten Rottönen, und eine rote Jacke, die mit traditionellen Mustern bestickt ist.

Die Provinz Tapacarí in Bolivien: Klicken Sie auf die Karte, um mehr zu sehen!© ZEIT-Grafik

An diesem Tag hockt Compapinki regungslos am Rand einer Zisterne und schaut auf den dunklen Wasserspiegel. Erst auf eine Frage hin erklärt er, wie der Bau funktioniert: Im Speicher, gemauert aus Feldsteinen, sammle sich Grundwasser aus den umliegenden Hängen, das dann durch Rohrleitungen auf die Felder seines Dorfes gelange. Compapinki spricht lieber Quechua, im Spanischen fühlt er sich nicht sicher. »Elf Bewässerungssysteme habe ich schon gebaut«, sagt er stolz. »Jetzt weiß ich, wie es geht. Bald werde ich das zwölfte bauen, für meine Gärten.«

Hinter ihm liegen die kargen Hänge des bolivianischen Hochgebirges. Aber in Compapinkis Dorf Tumuyu, das nur wenige Hundert Meter von der Zisterne entfernt liegt, grünt Gemüse, blühen Apfelbäumchen, gedeihen Mais und Kartoffeln. »Früher wuchs hier fast nichts. Es sah aus wie dort drüben«, sagt er und zeigt auf die von Erosion zerfressenen Hänge. Was seine Familie erntete, reichte kaum zur Selbstversorgung.

Der Klimawandel gefährdet die Überlebensgrundlage von 6,5 Millionen Bolivianern

Dann tauchten Fremde im Nachbardorf auf: Die Agraringenieure Germán Vargas, Ricardo Crespo und Serafin Vidal halfen den Bauern dort, bessere Ernten zu erzielen. Compapinki wollte sie auch in sein Dorf holen, aber anfangs traute er sich nicht, sie anzusprechen. Stattdessen folgte er ihnen auf Schritt und Tritt, wann immer sie in der Nähe waren – ein ganzes Jahr lang. Dann kam man ins Gespräch. »Es war schwer, in Kontakt zu treten«, sagt Compapinki.

Es hat sich gelohnt. Die Felder sind fruchtbarer als zuvor. Mehr noch: Die Arbeit der Ingenieure hilft dem Bauern auch, dem Klimawandel zu trotzen. Seit Jahren schon wird das Klima in der Region härter, in einem Maß, dass es die Grundlagen der Landwirtschaft bedroht. So ist es im ganzen Andenraum. Einstein Tejada, Klimaexperte der Welternährungsorganisation FAO, schätzt, dass 6,5 Millionen Bolivianer – die komplette Landbevölkerung – unter den Folgen der Erderwärmung leiden. Diese bedroht eben nicht nur die Lebensgrundlagen der Küstenbewohner weltweit, sondern auch die der Menschen im Hochgebirge, ob im Himalaya oder in den Anden.

Einfach waren die klimatischen Bedingungen in der Region Tapacarí, in der Compapinki lebt, nie: Seit Jahrhunderten brennt tagsüber die Sonne auf die Berge, nachts wird es empfindlich kühl. Wasser ist knapp, vielerorts hat der Wind den mageren Boden fortgeblasen. Offiziellen Statistiken zufolge gelten rund 98 Prozent der knapp 30000 Einwohner von Tapacarí als arm. Mit den üblichen Indikatoren lässt sich das kaum erfassen, denn was die Subsistenzbauern ernten, wird nicht am Markt gehandelt und ist folglich nicht in Geldbeträgen messbar. In Tapacarí bedeutet Armut, dass es am Nötigsten mangelt: an Wohnraum, Wasser, Strom, einer grundlegenden Gesundheitsversorgung oder einer Schule.