Dass die Mode in Deutschland so zäh nur Fuß fasste, liegt, wie öfter angemerkt wurde, an einem furchtbaren Missverständnis. Kleidung wurde hierzulande nicht als ästhetisches Signal im öffentlichen Raum begriffen, sondern galt als weltanschauliches Bekenntnis: Eine Frau, die sich die Achselhöhlen nicht rasierte, wurde als emanzipiert, ein Mann, der die Krawatte aus seinem Kleiderschrank verbannte, als unspießig angesehen. Nun scheinen die schlimmsten Entgleisungen der Antimode, die in den achtziger Jahren ihren traurigen Höhepunkt erreicht hatte, als Anzugträger auf offener Straße angepöbelt wurden, bewältigt. Hier und da zeigen sich Männer etwa wieder mit einem Jackett bekleidet, wenngleich der Jeans abzuschwören, die an sich nur sehr jungen Menschen steht, sich kaum jemand traut. Auch hat man die rechte Verwendungsweise bestimmter Kleidungsstücke noch nicht verinnerlicht.

Bewusst geworden ist mir dieser Umstand, als ich kürzlich eine Französin traf und die Französin mich fragte, weshalb alle Männer in Deutschland, ganz anders als in Frankreich, unter dem Hemd nicht etwa ein Unterhemd tragen, sondern ein T-Shirt, was dem Hals etwas unangenehm Zugeschnürtes verleiht. Das sei kurios!, rief die Französin aus. Ob ich ihr, da ihr die Landessitten noch etwas unvertraut seien, erklären könnte, was es mit dieser, ihres Wissens in keinem Land der Welt üblichen, Abneigung gegen das Männerunterhemd auf sich habe?

Auch mir war die Abneigung der Deutschen gegen das Unterhemd vertraut, da ich aber zu diesem Zeitpunkt noch keine ausführliche Erklärung dafür hatte und selbst immer, außer im Hochsommer, ein Unterhemd trage, verwies ich nur mitfühlend, was ja nicht falsch war, auf die modische Unbedarftheit der Deutschen. Doch ging mir der entsetzte Gesichtsausdruck der Französin nicht mehr aus dem Kopf. Und nun erblickte ich in jedem Zug, jeder Besprechung, auf der Straße, in Geschäften, am Hals der Politiker im Fernsehen das T-Shirt unter dem Männerhemd, das ich vormals großherzig übersehen hatte.

Ein Unterhemd unterscheidet sich von einem T-Shirt dadurch, dass es keine Ärmel hat. Es hat einen weiten Ausschnitt und dünne Träger über den Schultern, damit es unter dem Hemd unsichtbar bleibt. Das Hemd, nicht das Unterhemd (das zur Gattung der Unterwäsche gehört, mithin also besser unsichtbar bleibt), soll zur Geltung gelangen. Vermutlich aber, da das Unterhemd von den Arbeitern in sommerlichen Baugruben ohne Hemd getragen wurde oder im Schrebergarten beim Grillen oder pommesfettverschmiert auf dem Fernsehsofa gesichtet wurde, man das Unterhemd also verschwitztem Malochertum zurechnete, litt es unter einem zweifelhaften Ruf, und man trug ausschließlich T-Shirts, auch unter dem Hemd. Das Unterhemd, so die verbreitete Meinung unter deutschen Männern, ist der bierbäuchigen Unterschicht vorbehalten wie der Jogginganzug. Nun ist es kurios, gerade durch das T-Shirt die Abwesenheit des Unterhemdes zu unterstreichen und es damit regelrecht in Erinnerung zu rufen, wo es doch im Wesen des Unterhemdes liegt, ohnehin unsichtbar zu sein. Das Unterhemd verlangte ja nie nach Aufmerksamkeit. Kurios ist überdies, dass ausgerechnet das Unterhemd, das durch seine Unsichtbarkeit zu den zweckdienlichsten Kleidungsstücken überhaupt gehört, ausgerechnet hierzulande, wo man auf Zweckdienliches und Bequemes seit je viel Wert legt (Turn- und Gesundheitsschuhe, Regenjacke, Jeans), verbannt wurde.