Integration Mein Abend mit Sarrazin
Warum eine Münchner Diskussion im Desaster endete. Ein Erklärungsversuch
Das Münchner Literaturhaus hat Thilo Sarrazin vergangene Woche zur Vorstellung seines Buches Deutschland schafft sich ab eingeladen, wollte ihm das Podium aber nicht allein überlassen. Mit Gabor Steingart (Handelsblatt) und meiner Person als Soziologe wurden zwei Gesprächspartner dazugeladen. Das sah nach besten Voraussetzungen aus, um unaufgeregt diskutieren zu können – Diskussionspartner, die exakt dies vorhatten, sowie ein bürgerliches, gebildetes Publikum. Was wollte man mehr?
Allein, die Erwartungen erfüllten sich nicht, der Abend geriet völlig aus den Fugen. Nachdem Sarrazin sich als Opfer der veröffentlichten Meinung stilisiert hatte, begann das distinguierte Publikum von circa 800 Personen zu toben und zu johlen, als kritische Einwände diskutiert wurden. Einen Hauch von Sportpalast wollte die SZ gespürt haben. Das ist zwar übertrieben, aber das Bedenkliche bestand doch darin, dass auch das Publikum nicht an einer Abwägung von Argumenten interessiert war, sondern ausschließlich daran, sich Ressentiments und allzu einfache Erklärungen bestätigen zu lassen.
Sarrazins Thesen bedürfen durchaus einer angemessenen Diskussion – sowohl die zum Teil berechtigten Fragen an die Adresse einer bisweilen gescheiterten und mutlosen Migrationspolitik als auch die offenkundigen Fehler und Kurzschlüsse seiner Ausführungen. Nicht zu vergessen die perfiden eugenischen Argumente, die Sarrazin im Nachhinein kleinredet, vor denen sein Buch aber nur so strotzt. Und hier bedarf es einer selbstbewussten Auseinandersetzung – einer solchen, die sich weder an der Dämonisierung noch an der Verharmlosung der deutschen Migrationsrealität beteiligt. Doch all das war nicht möglich, weil das Publikum keine Argumente hören wollte. Was wollte es denn hören? Es war zunächst der schnoddrige und inhumane, geradezu verächtliche Ton, den Sarrazin immer wieder anschlägt. Es war die Möglichkeit, das Ressentiment in eine Form zu bringen, die wie Sorge klingt. Es war das, was wir aus der Diskussion um Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit bestens kennen: die Unsichtbarkeit komplexer gesellschaftlicher Probleme an Gruppen festzumachen, die man leicht sichtbar machen kann. Immigranten sind dafür geradezu wie gemacht. Sie machen analog sichtbar, was sonst nur digital erklärbar scheint.
Die Welt ist in der Tat komplizierter geworden – offensichtlich auch für diejenigen, die in feinem Tuch Literaturhausveranstaltungen aufsuchen. Konkurrenten um knappe Ressourcen und Lebenschancen haben es immer weniger mit kollektiven, klar identifizierbaren Gegenübern zu tun. Der Konkurrent wird ein abstrakter und unsichtbarer Konkurrent – unsichtbar unter anderem deswegen, weil die Menschen nur noch in Ausschnitten ihrer Persönlichkeiten miteinander konkurrieren, nicht mehr als Exemplare von eindeutigen Gruppen, Klassen und Milieus. Der Konkurrent um Ausbildung, Arbeit, Wohnung, soziale Sicherheit, sogar um intime Zuneigung und soziale Anerkennung ist letztlich nur noch eine statistisch wahrnehmbare Größe, ein Konglomerat ähnlicher Merkmale. Konkurrenten werden gewissermaßen digitalisiert – sie treten nicht mehr als »analoge« pralle Formen auf, nicht mehr als soziale Gruppen, sondern als statistische Gruppen. Damit werden auch Verantwortliche und Schuldige immer weniger adressierbar und identifizierbar. Der Konkurrent wird unsichtbar.
Man sollte das nicht vorschnell beklagen, denn die moderne Gesellschaft nutzt die Fremdheit ihrer Mitglieder als Ressource, die allein pluralistische und liberale Gemeinwesen ermöglicht. Ich nenne dies das »bürgerliche Privileg der Fremdheit« – »bürgerlich«, weil es die Fähigkeit der Selbstdistanzierung voraussetzt. Diese Ressource scheint dort knapp zu werden, wo es auf schnelle Benennbarkeit ankommt – und dafür bieten sich »sichtbare« Migranten besonders gut an, die auf jenes Privileg der Fremdheit und Unsichtbarkeit keinen Zugriff haben. Dann gelingt es auch einem bürgerlichen Publikum nicht mehr, zwischen segregierten Migrantenenklaven mit ihren fatalen Folgen und der allgemeinen Migrationsrealität zu unterscheiden. In den Blick würde dann nämlich geraten, dass es auch in manchen deutschen, autochthonen Lebenslagen Integrationsprobleme gibt. Aber das alles musste unsichtbar bleiben – es wäre zu bedrohlich und zu schwierig zu denken. Das Publikum träumte lieber Kleinbürgers Traum, eine schwierige Welt einfach erklären zu können. Dass selbst die wohlsituierte »Mitte der Gesellschaft« so leicht affizierbar ist, ist die eigentlich besorgniserregende Botschaft dieses Abends. Das Publikum brachte ein sacrificium intellectus, ein Opfer des Intellekts, um den Traum einer reinen Ordnung träumen zu können. Der Kater nach dem Erwachen wird umso stärker sein.
Der Autor ist Professor für Soziologie an der LMU München. Zuletzt erschien »Mit dem Taxi durch die Gesellschaft« (Murmann) u. »Der soziologische Diskurs der Moderne« (Suhrkamp)
- Datum 10.10.2010 - 11:11 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 07.10.2010 Nr. 41
- Kommentare 199
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Eine an den Haaren herbeigezogene Analyse des verunglückten Verlaufs--voll von "was ich schon immer mal sagen wollte". Relevanter gewesen wäre die Frage nach den Gründen nach dem auch sonst beobachtbaren Verlust von "civility" im gesellschaftlichen Umgang.
...bei einem Professor iranischer Abstammung. Der wollte doch nur vorführen, wie perfekt er sich "integriert" hat
...bei einem Professor iranischer Abstammung. Der wollte doch nur vorführen, wie perfekt er sich "integriert" hat
der "Hauptstadt der Bewegung" so verhält, wie dann erst der Plebs? Ja, Deutschland schafft sich selbst ab, aber das hat auch noch andere Gründe ... und ja: Dann ist das ist auch gut so!
Dieser Gutmensch war wahrscheinlich noch nie in sozialen Brennpunkten,wie z.B. in Duisburg Marxloh. In seinen Kreisen sind sicher nur wenige oder gar keine "normalen" Migranten vorhanden.
Durch Klugschwäzterei ist jahrelang jede Chance zur Integration verspielt worden.
Aber solche Menschen leben in Traumwelten.
So wie die Gutmenschen mit ihrem kleinreden von Problemen häufig ihren Unwillen in Brennpunkte zu investiere mit ihren Träumereinen begründet haben, so ist ein großreden von Problemen, verbunden mit der Träumerei das die Migranten der Kern des Problems sein das, Ausdruck der gleichen Grundpositionen: Schwätzen statt Willen wirklich was zu veränderen.
Dem ganze Aufwand, der in die Intregartionsdiskussion gesteckt wird folgt nichts. Die Mittel für Frühförderung in Kindergärten umd Grundschulen werde real immer weniger, weil Traumszenarien unserer Politiker (Krippenplätze, usw. ) mit wenig Aufwand umzusetzten sind. Sprachförderung wird auf niedrigsten Level druchgeführt.
Diese ganze Debate hat nur einen gefördert, Herrn Sarrazin selbst
Nahezu sämtliche Kriege sind aus der Überzeugung heraus entstanden, dass andere Menschen wertloser, geringer oder auch bösartiger sind.
Wer Gutmenschen verurteilt, stellt sich auf die Seite derjenigen, die das einzige Problem von Gutmenschen sind, nämlich die Hassmenschen, die überall eine Bedrohung sehen, die sie zerschmettern wollen, doch diese Einstellung hat uns lediglich jahrtausende an Gewalt und Krieg gebracht.
So wie die Gutmenschen mit ihrem kleinreden von Problemen häufig ihren Unwillen in Brennpunkte zu investiere mit ihren Träumereinen begründet haben, so ist ein großreden von Problemen, verbunden mit der Träumerei das die Migranten der Kern des Problems sein das, Ausdruck der gleichen Grundpositionen: Schwätzen statt Willen wirklich was zu veränderen.
Dem ganze Aufwand, der in die Intregartionsdiskussion gesteckt wird folgt nichts. Die Mittel für Frühförderung in Kindergärten umd Grundschulen werde real immer weniger, weil Traumszenarien unserer Politiker (Krippenplätze, usw. ) mit wenig Aufwand umzusetzten sind. Sprachförderung wird auf niedrigsten Level druchgeführt.
Diese ganze Debate hat nur einen gefördert, Herrn Sarrazin selbst
Nahezu sämtliche Kriege sind aus der Überzeugung heraus entstanden, dass andere Menschen wertloser, geringer oder auch bösartiger sind.
Wer Gutmenschen verurteilt, stellt sich auf die Seite derjenigen, die das einzige Problem von Gutmenschen sind, nämlich die Hassmenschen, die überall eine Bedrohung sehen, die sie zerschmettern wollen, doch diese Einstellung hat uns lediglich jahrtausende an Gewalt und Krieg gebracht.
Die Integrationsdebatte ist längst zu einem rein virtuellen Schlagabtausch zwischen der "bürgerlichen Mitte", die unter Anleitung ihres neuen Idols wieder "Kleinbürgers Traum" träumt auf der einen und den "gutmenschelnden" Advokaten der p.c.auf der anderen Seite verkommen.
Vor allem die "bürgerliche Mitte" hat sich so tief in ihre fiktive Nische hineingeredet, dass die gesellschaftliche Realität, um die es eigentlich geht, überhaupt keine Rolle mehr spielt.
Was denn mit vier Millionen hier lebenden Muslimen zu geschehen habe, die nach neueren Ekenntnissen "nicht dazugehören": Das würde ich gerne mal von einem der Islamkritiker hören.
Die scheinbar eindeutige Sprache der Statistik ist hier nichts anderes als das Anzeichen der Entfremdung von einer Wirklichkeit, angesichts deren Komplexität man sich auf den trügerisch sicheren Grund simpler Numerik zurückzieht. Einen gordischen Knoten löst man eben nicht ohne Gewalt.
Und ein wenig mehr Aufrichtigkeit, wenn es um das Bekennen zu eigenen Aussagen geht, würde dem Klarsprecher Sarrazin nicht schlecht anstehen. Wer soziale Filiation biowissenschaftlich reguliert sehen möchte, ist nicht zwangsläufig böse, und ein Nazi muss er auch nicht sein, aber, und da mag Herr Sarrazin sich drehen und winden wie er möchte, ein Eugeniker ist er mit Sicherheit.
"Was denn mit vier Millionen hier lebenden Muslimen zu geschehen habe, die nach neueren Ekenntnissen 'nicht dazugehören'"
Genau wegen solchen polemischen Fantasieaussagen und dümmlichen Unterstellungen, höhrt keiner mehr den Gutmenschen zu.
Wäre genau so als würde man von Sarrazinkritikern behaupten, dass sie _jede_ Straftat eines Immigranten schulterzuckend dulden.
"Was denn mit vier Millionen hier lebenden Muslimen zu geschehen habe, die nach neueren Ekenntnissen 'nicht dazugehören'"
Genau wegen solchen polemischen Fantasieaussagen und dümmlichen Unterstellungen, höhrt keiner mehr den Gutmenschen zu.
Wäre genau so als würde man von Sarrazinkritikern behaupten, dass sie _jede_ Straftat eines Immigranten schulterzuckend dulden.
Zitat Nassehi: "Sarrazins Thesen bedürfen durchaus einer angemessenen Diskussion."
So weit, so gut, wenn sich Nassehis Voreingenommenheit und sein Verständnis von "angemessen" ein paar Sätze zuvor nur nicht indirekt durch den Satz mittgeteilt hätten:
"Sarrazin [hat] sich als Opfer der veröffentlichten Meinung stilisiert".
Der Soziologe hat offenbar Nachholbedarf an Informationen darüber, wie die "öffentliche Meinung" mit Sarrazin umgegangen ist. Sogar die NEW YORK TIMES sprach von öffentlicher Lynchjustiz gegen einen Einzelnen.
Und auch Methodenlehre und Statistik gehören (im Gegensatz zur bekannten Soziologenvorliebe für reichlichen Fremdwörtergebrauch als vermeintliches Zeichen von Wissenschaftlichkeit) offenbar nicht zum Schwerpunkt von Herrn Nassehi.
Allein die Anwendung des Ausdrucks "perfide eugenische Argumente" ist noch kein Beweis dafür, dass sein Benutzer Sarrazins Buch gründlich gelesen und auch tatsächlich so verstanden hat, wie es der Autor meinte.
Alles in allem stellt N.s Text deshhalb nicht nur eine, wie Mitkommentator #1 zu Recht sagt, "an den Haaren herbeigezogene Analyse des verunglückten Veraufs" dar.
Er ist auch eine überholte polemische Deutung der Sarrazinschen Analysen, die weder in Form noch Inhalt der Sache gerecht werden.
gelesen haben sollten, einfügen. Wir leben schliesslich im Zeitalter des Internets :-)
gelesen haben sollten, einfügen. Wir leben schliesslich im Zeitalter des Internets :-)
"Natio". Gesprochen: Nazi,oh! Wie originell!
Armin Nassehi, der Autor der obigen Erlebnisschilderung, Professor für Soziologie, kann sich nicht dazu durchringen, den wichtigsten Grund des Scheiterns der gegenständlichen Veranstaltung auch nur zu erwähnen. Wäre doch sonst der politisch korrekte Tenor seines Auftragswerkes verloren gegangen:
Mit Transparenten und anderen einschlägigen Stilmitteln hatten "Mitglieder" der fiktiven Sarrazin-Partei "Natio" während der Veranstaltung so demonstriert, wie es ihrem systemtreuen Bild vom grobschlächtigen Nazi entsprach.
Der Kampf gegen das Böse sanktioniert schließlich jedes Unrecht.
Hinter der "Natio" steckten aber eigens entsandte Redakteure des Bayerischen Rundfunks.
Da sie keine Demonstration angemeldet hatten, nützte ihnen auch der Hinweis darauf, dass sie agents provokateurs seien, letztlich nur dazu, dass Herr Nassehi hier seine Empörung über der Deutschen Unbildung Ausdruck verleihen konnte.
Womit ja wieder alles in Butter wäre.
"Was denn mit vier Millionen hier lebenden Muslimen zu geschehen habe, die nach neueren Ekenntnissen 'nicht dazugehören'"
Genau wegen solchen polemischen Fantasieaussagen und dümmlichen Unterstellungen, höhrt keiner mehr den Gutmenschen zu.
Wäre genau so als würde man von Sarrazinkritikern behaupten, dass sie _jede_ Straftat eines Immigranten schulterzuckend dulden.
Nun ja, die Reaktion auf die entsprechende unschuldige Formulierung des Bundespräsidenten ließ mir diese Fragestellung als berechtigt erscheinen.
Aber da schon von "polemischen Fantasieaussagen und dümmlichen Unterstellungen" die Rede ist:
Wie kommen Sie einfach dazu, mich ohne weiteres Ihrem persönlichen Feindbild "Gutmensch" zu subsumieren?
Woher wissen denn Sie, dass ich meine Kommentare nicht in einer kleinen gemütlichen Zelle in Guantanamo Bay verfasse?
Vorurteile?
Danke für die Bestätigung der Richtigkeit meiner Einschätzung hinsichtlich des rein virtuellen Charakters dieser "Diskussion".
Nun ja, die Reaktion auf die entsprechende unschuldige Formulierung des Bundespräsidenten ließ mir diese Fragestellung als berechtigt erscheinen.
Aber da schon von "polemischen Fantasieaussagen und dümmlichen Unterstellungen" die Rede ist:
Wie kommen Sie einfach dazu, mich ohne weiteres Ihrem persönlichen Feindbild "Gutmensch" zu subsumieren?
Woher wissen denn Sie, dass ich meine Kommentare nicht in einer kleinen gemütlichen Zelle in Guantanamo Bay verfasse?
Vorurteile?
Danke für die Bestätigung der Richtigkeit meiner Einschätzung hinsichtlich des rein virtuellen Charakters dieser "Diskussion".
So wie es Herr Nassehi beschreibt, hatte das zahlende Publikum offensichtlich andere Erwartungen an diese Veranstaltung als eine offene Diskussion. Welche Erwartungen hatte es dann?
Erwartete man nicht vielmehr eine geistige Läuterung und Erhebung durch die gemeinsame Huldigung des großen Werkes und des großen Meisters, des Märtyrers, der die Wahrheiten ausspricht, die niemand vor ihm auszusprechen wagte?
Bei quasi religiösen Erweckungsritualen wird kritischer Geist als störend empfunden.
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