Als Lesley Brown zustimmte, durch eine künstliche Befruchtung schwanger zu werden, hatte man ihr etwas verschwiegen. Nämlich dass die Technik bis dahin noch nie funktioniert hatte. Ganz bewusst hatten Robert G. Edwards und sein Mitstreiter, der Gynäkologe Patrick Steptoe, ihrer Patientin diese Tatsache vorenthalten. Später sagte sie: Selbst wenn sie es gewusst hätte – den Schritt hätte sie dennoch gewagt. Denn es war nach neun Jahren vergeblicher Versuche ihre einzige Chance, ein Kind zu bekommen.

Nach heutigem Maßstab war es also ein heikles Experiment, doch es führte zum Erfolg, und nach 32 Jahren wird es nun mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung veredelt. Der 85-jährige englische Biochemiker Robert Edwards (Steptoe starb 1988) erhält den diesjährigen Medizinnobelpreis. Das schwedische Komitee ehrt damit einen Mann, den weder jahrelange Rückschläge noch ethische Bedenken von seinem Ziel abhalten konnten – einem Ziel, das die Welt für immer verändern sollte. Zugleich adelt es das biologische Bedürfnis nach eigenem Nachwuchs.

Radikaler Forscherehrgeiz und unbedingter Fortpflanzungswille – das sind zwei unterschiedliche Wege, um unsterblich zu werden. Sie haben die moderne Reproduktionsmedizin hervorgebracht. Nun erhält sie ihre späte und verdiente Anerkennung. Weltweit verdanken Millionen von Kindern Edwards’ Pioniertat ihr Leben, ebenso viele Elternpaare ihr Lebensglück. Im Juli 1978 brachte Lesley Brown als erste Frau ein Kind auf die Welt, dass außerhalb des Mutterleibs gezeugt worden war. Die kleine Louise, das erste "Retortenbaby" , belegte: Kinderlosigkeit ist kein unabänderliches Schicksal mehr.

Bereits 1960 hatte Edwards sich zum ersten Mal gefragt, so schrieb er später, ob es möglich wäre, menschliche Eizellen außerhalb des Körpers im Reagenzglas ("in vitro") zu befruchten, um die "Embryonen dann wieder in den Leib einer Frau einzupflanzen". Bei Tieren hatte das geklappt, beim Menschen erwies es sich als ungleich komplizierter. Damit aus Spermium und Eizelle ein lebensfähiger menschlicher Fötus wird, müssen Drüsen, Fortpflanzungsorgane und Gehirn vielfach verwoben zusammenspielen.

18 Jahre sollte es dauern, bis Edwards das Nötigste verstand. Dazu bedurfte es nicht nur jener Kaninchen, deren Bauchhöhlen Edwards unter anderem dazu benutzte, menschliche Eizellen aus dem Krankenhaus ins Labor zu transportieren. Auch an Frauen experimentierte er: Unzählige Embryonen wurden verbraucht; Dutzende Versuche anderer Frauen, schwanger zu werden, misslangen vor Lesley Browns Mutterglück. Um Eizellen zu Testzwecken zu befruchten, nahm Edwards gar sein eigenes Sperma.

Öffentliche Forschungsgelder dagegen erhielten Edwards und Steptoe niemals für ihr Projekt ( ZEIT Nr. 31/10 ). Aus heutiger Sicht wirkt das rückwärtsgewandt und ideologisch verbohrt, so wie die gesamte Kritik an der künstlichen Befruchtung. Damals ließ sich aber noch nicht ausschließen, dass die In-vitro-Fertilisation (IVF) (siehe Kasten) dem Embryo schaden würde und künftige Kinder Missbildungen aufweisen könnten. Auf die üblichen Tests, etwa an Affen, hatte Edwards auch deshalb verzichtet, weil andere Forschergruppen ihm auf den Fersen waren. Als beim Fötus einer seiner schwangeren Patientinnen ein Down-Syndrom entdeckt wurde, ließ er die Schwangerschaft beenden.

Lange war die Verheißung gedämpft, noch viele Jahre litt die Fortpflanzungsmedizin unter skandalös niedrigen Erfolgsraten. Trotzdem ließen sich binnen kürzester Zeit Tausende Frauen auf die Warteliste setzen. Auch in Deutschland, wo 1982 das erste IVF-Kind (ein Junge aus Oberfranken) geboren wurde. "Die Frauen wollen schwanger werden", erklärt der damalige Arzt der Erlanger Frauenklinik Siegfried Trotnow. "Dafür lassen sie sich rädern und vierteilen."

Unfreiwillige Kinderlosigkeit treibt viele Paare an die Grenzen der seelischen Belastbarkeit. Laut US-Studien verursacht das Wissen um eigene Infertilität einen Stress, der vergleichbar ist mit dem Verlust des Partners oder dem Tod eines Kindes. Heute gibt es Hoffnung, auch wenn im Schnitt nur jede vierte IVF-Behandlung gelingt.