Robbie Williams Der TolleSeite 4/4

ZEITmagazin: Wann waren Sie zuletzt davon genervt, Robbie Williams zu sein?

Williams: Gestern um die Mittagszeit. Da saß ich mit Ayda an einem Hafen. Nur wir zwei in der Sonne, es war ruhig, sehr schön und romantisch. Ein entspannter, intimer Moment von der Art, die mir nur selten vergönnt ist: fünf kostbare Minuten, die wir zwei allein hatten. Dann kam eine Frau aus einem Bürogebäude angelaufen, baute sich vor uns auf und wollte sich mit mir und Ayda fotografieren lassen. Aber wir sind doch auch nur ein Paar, das viel zu wenig Zeit miteinander hat. Und was wollen die Leute mit einem Foto von Ayda? Ich habe dann angeboten, mich mit dieser Frau allein fotografieren zu lassen, und ihr noch ein Autogramm gegeben. Damit war sie zufrieden und ging, aber der Moment war kaputt. Ich werde nie verstehen, was viele Leute so wild auf das Privatleben ihnen unbekannter Menschen macht.

ZEITmagazin: Das Bedürfnis mag irrational sein, aber es zu befriedigen gehört nun mal zum Job des Popidols.

Williams: Vielleicht ist das so, das muss wohl im Kleingedruckten des Popstar-Vertrages stehen. Die drei Tage davor haben wir jedenfalls zu Hause gesessen, Fernsehen geschaut und eine tolle Zeit gehabt. Ich werde wohl besser nie mehr vor die Tür gehen.

ZEITmagazin: Ihre ehemaligen Songwriting-Partner Guy Chambers oder Stephen Duffy betonen immer, wie viel Robbie Williams zu seinen Hits beiträgt. Fühlen Sie sich eigentlich als Künstler und Musiker unterschätzt?

Williams: Ja, das tue ich, sehr sogar. Es wird allgemein angenommen, dass ich mit der Entstehung meiner Musik nur am Rande zu tun habe, und das macht mich wirklich sehr traurig. Ich fühle mich unterschätzt, weil zu viele Menschen glauben, dass ich nur Lieder singe, die mir sehr viel begabtere Autoren auf den Leib schreiben. Passen Sie auf: (greift das neben ihm liegende Robbie-Williams-Album »Intensive Care« und geht mit dem Finger genervt die Liste der Lieder durch) Ghosts habe ich geschrieben, Tripping ist auch von mir, Make Me Pure: Melodie und Text von mir, Spread Your Wings habe ich am Klavier geschrieben, Advertising Space:Melodie und Text von mir, Please Don’t Die: auf der Gitarre geschrieben. Diese Aufzählung könnte ich lange fortsetzen.

ZEITmagazin: Warum traut man Ihnen das Schreiben von Liedern nicht zu?

Williams: Das mag daran liegen, dass ich auf der Bühne nie mit einem Instrument zu sehen bin, woraus gern mal abgeleitet wird, dass ich von Musik keinen Schimmer habe oder von der Technik, Songs zu schreiben. Was soll ich tun? Das nächste Mal, wenn ich eine Platte mache, eine Kamera im Studio installieren, damit die Welt staunend zuschaut, wie ich einen Song schreibe? Zum Glück weiß meine Bank, wie kostbar ich bin.

ZEITmagazin: »Angels«, der Song, der Ihre Solokarriere in Fahrt brachte und den Sie mit Guy Chambers schrieben, wurde in England zum besten Lied der vergangenen 25 Jahre gewählt. Tröstet das?

Williams: Solche Preise ändern nichts. Für viele Menschen werde ich trotzdem immer der Clown aus dieser Boyband bleiben. Vor langer Zeit hat eine Mehrheit eben entschieden, dass jemand wie ich keine Lieder schreiben kann.

ZEITmagazin: »Angels« ist in England auch der meistgespielte Song bei Beerdigungen. Soll er eines Tages auch bei Ihrem Finale laufen?

Williams: Nein, bloß nicht. Für diese Gelegenheit habe ich ein Requiem geschrieben. Ganz allein, ohne Hilfe. Ich bin zwar ein Kind, aber nicht auf den Kopf gefallen.

 
Leser-Kommentare
  1. Danke für das Interview.

  2. Ich habe schon lange nicht mehr so ein interessantes und vor allem menschliches Interview gelesen. Ein großes Dankeschön an den Interviewer und Mr. Williams, denn zu so einem schönen Gespräch gehören immer Zwei.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Man muss ihn wirklich mögen. Habe seine Biographie gelesen und auch die Songtexte thematisieren immer wieder die Widersprüchlichkeiten und Schwierigkeiten des (Künstler-)lebens.
    Ein interessantes Interview. Danke!

  4. Schön zu sehen, dass neben dem unsäglichen Herrn von Uslar (siehe 99 Fragen an Phil Collins) auch noch Interviewer im Pop-Bereich gibt, die ihr Handwerk verstehen.

  5. mit einem RW, der wohl tatsächlich weniger auf den Kopf gefallen ist als ich bisher dachte.

    • Puella
    • 07.10.2010 um 21:58 Uhr

    Robbie ist doch keine 80. Diesen Teil fand ich verwirrend. Ansonsten ein schönes Inteview, auch wenn Robbie stellenweise fast resigniert klingt.

  6. Robbie Williams bzw. Take That sind mit die größten Pop-Idole der Neunziger Jahre. Aus diesem Interview spricht auch so ein bisschen Nostalgie. Hier noch mehr Erinnerungen, an diese Zeit, die einem so weit weg vorkommt, obwohl das eigentlich nicht stimmt:
    http://bit.ly/9NAq2n

    • A-Town
    • 08.10.2010 um 16:56 Uhr
    8. Klasse

    So sollten Interviews sein, da freue ich mich wirklich es gelesen zu haben.
    Sehr gute Fragen und ein gutes Zusammenspiel des Fragestellers und Williams.

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