Siebeck Allah sei Dank!
Unser Kolumnist Wolfram Siebeck lernt in den nächsten Wochen die türkische Küche Berlins kennen
© Silvio Knezevic

Lektion eins: Quark vom Büffelrahm mit Thymianhonig schmeckt unvergesslich
Da lebt man Haus an Haus mit Millionen Muslimen und hat nur mitbekommen, dass ihre Wasserpfeife Nargileh heißt (Karl May) und sie integrationsunwillig sein sollen (Sarrazin). Von den Eskimos ist zu hören, dass sie dem Gast nicht nur eine doppelte Portion Lebertran anbieten, sondern auch die Gemahlin. Aber was passiert bei den Nachbarn, wenn der Gong zum Mittagessen ruft?
Wer im eigenen Land fremde Esssitten studieren will, muss nach Berlin. Dort nahm ich mir Restaurants vor, die von unseren türkischen Nachbarn bekocht und frequentiert werden. Um die besten zu finden, verließ ich mich auf den Rat jener Mitbürger, die zwischen den Kulturen balancieren wie Tänzer auf dem Seil, also auf Heinz Buschkowsky, den Bezirksbürgermeister von Neukölln, die Autorin Melda Akbas und den Grünen-Abgeordneten Özcan Mutlu.
Ich fragte außerdem den Taxifahrer. Er fuhr mich nach Schöneberg, wo in jedem zweiten Haus eine orientalische Kneipe um Gäste wirbt. Zum Beispiel das Balkaymak. Diese Kneipe hat große Fenster, eine ständig offene Tür und somit eine gastliche Anmutung. Die Gäste trugen weder Fes noch Pluderhosen, was mich nicht wunderte, denn es handelte sich um hungrige Berliner ohne Migrationshintergrund, die mit den riesigen Portionen auf ihren Tellern problemlos fertigwurden. Damit wäre ein Geheimnis der türkischen Küche gelüftet: die schiere Menge. Das zweite ist der lächerlich geringe Preis, der dafür verlangt wird. Dieser verbietet es geradezu, die türkische Küche in Berlin mit gewohnten kulinarischen Maßstäben zu beurteilen.
© Silvio Knezevic

Für seine neue Serie reist Wolfram Siebeck (links im Bild) nach Berlin, um dort die türkische Gastronomie zu erkunden. Kulinarische Empfehlungen bekam er unter anderem von Heinz Buschkowsky, dem legendären Bezirksbürgermeister von Neukölln (rechts)
Unserem ortskundigen Begleiter wehte die kalte Zugluft ein Salatblatt vom Teller. Meine Suppe schlug aber keine Wellen. Sie hieß »Türkische Weißbohnensuppe mit Pastrma an Reis und Salat« und schmeckte auch so. Ungewöhnlich war der halb gare Zustand der Bohnenkerne, was aber durch das aromastiftende Rinderdörrfleisch namens Pastrma ausgeglichen wurde.
Wein gab es keinen, also tranken wir Ingwertee. Die Hauptgerichte ähnelten sich auf verblüffende Weise. Es gab eine »mit Pistazien gefüllte Hähnchenbrustrolle an hausgemachter Pistazien-Hollandaise« (Sultan Sarmas), »mit Hähnchenbrust und Pistazien gefüllte Teigrollen« (Bandrma) sowie »Hähnchenbruststreifen im Pistazienmantel«, immer mit der gleichen Sauce, an Salat und gewürztem Reis. Das Fleisch fiel durch eine feine Trockenheit auf. Alles wurde mit überirdischer Freundlichkeit gereicht und erläutert.
Merkwürdig war nur das Fehlen des Thymianhonigs, der so wichtig ist für die Spezialität des Balkaymak, die gleichnamige Süßspeise. Allah sei Dank war plötzlich doch Honig da, und ich delektierte mich an einem Dessert, das nichts anderes war als Quark vom Büffelrahm und unvergesslich!
***
BALKAYMAK
Potsdamer Straße 147, 10783 Berlin
Tel. 030/45081138
- Datum 08.10.2010 - 11:02 Uhr
- Serie Siebeck
- Quelle ZEITmagazin, 07.10.2010 Nr. 41
- Kommentare 11
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Wunderbar! ...dachte ich fuer einen kurzen Moment. Siebeck reist nach Berlin um dort die türkische Gastronomie zu erkunden. Super! Das koennte ja wirklich eine interessant Reihe werden. Hintergruende ueber die tuerkische Kueche, die Zutaten, die persoenliche Geschichte der Einwanderer nach Deutschland...
Aber es braucht nicht lange... Bevor ich jedoch meinen inneren Gernot Hassknecht entfessele, richte ich lieber die resignierende Frage and die ZEIT Redaktion: Wie lange noch Monsieur Siebeck? Der Mann, der sich gerne selbst in einen weissen Anzug mit einem Rotweinglas feiert...
Ja ok - es ist ist ja nur eine Kolumne. Verstehe schon. Aber leider wuerde gerade dieses Thema mehr als eine sueffisante selbstgefaellige Kolumne hergeben. Wann also kommt die ZEIT im 21 Jahrhundert an?
Ich kenne Herrn Siebeck nicht persönlich, aber ich habe mich jedesmal, wenn ich seine Kolumne lese, gefragt "Was zum Geier schreibt er da für einen **** !?"
Ich lese seine Kolumne immer wieder, weil ich selber in der Gastronomie arbeite, und dies mit Leidenschaft.
Nach jeder enttäuschenden Kolumne hoffe ich, dass diese, neue, doch wenigstens lesbar, korrekt, informativ sei.
Schliesslich ist der Mann bekannt, respektiert.
Und jedesmal frage ich mich auf's neue: "Wofür nur !?".
Sein Fazit in dieser Kolumne ist -so habe ich das verstanden, oder liege ich falsch ?- was das für ein tolles Restaurant war.
Obwohl es halbgare Bohnen gab !?
Jedes andere Restaurant hätte er verdammt für halbgares Essen.
Die "immer gleiche Sosse" ist auch kein negativer Punkt, diesmal?
Und die "feine Trockenheit" des Fleisches ?!
Es ist Dörrfleisch, ok, aber was ist denn "feine Trockenheit"? Ich arbeite seit 13 Jahren in der gehobenen Gastronomie, diese Vokabel ist mir neu.
Aber gut, er macht -was immer er macht- schon viel, viel länger.
Warum lassen sie Herrn Siebeck immer wieder die Leser auf's Neue enttäuschen ?
Sein Versuch eine Pro-Position in der laufenden Integrationpolemik zu beziehen sei ihm zugute gehalten, aber doch bitte nicht so plumb.
Für so einen Beistand müssen sich die Türken -wirklich unverschuldet- doch schämen.
damals in Adana, als meine Schwägerin diese dünnen Teigfladen auf einem Blechdeckel briet und sie mit Butter, Schafskäse und Schalottenstreifen zu dünnen Rollen wälzte. Ich kann mich nicht erinnern, je etwas Tolleres gegessen zu haben. Da hätte er nichts zu meckern gehabt.
Jedenfalls kann ich kein wirklich lobendes Wort zu einer der Speisen erkennen, allenfalls das "unvergessliche" Dessert könnte man als Lob ansehen. Aber es ist ja alles so wahnsinnig billig und daher darf man nicht die üblichen Maßstäbe anlegen.... Warum eigentlich nicht? Wenn es nicht schmeckt, braucht man auch nicht hingehen oder richtet sich die Kolumne an den Prekäriatsberliner, der sich alles reinschieben muss was irgendwie satt macht, weil er mit 345 Euro auskommen muss?
Warum diese Einschraenkung ?
Berlin hat viele tolle Restaurants, Perser, Tuerken, Griechen,Spanier etc.
Anmerken möchte ich als Berliner Sehr-Häufiger-Restaurant-Besucher, dass man nie Türken (oder andere "Berliner Immigranten", oder wie die netten Leute momentan heißen mögen) an den Nachbartischen sieht. Weder in "bürgerlichen"- noch in Touristen-Gegenden. Mein Eindruck, seit Jahrzehnten: Türken (etc.) gehen wohl nie in Restaurants zum Essen. Wieso das so ist, ist mir ein Rätsel. Ich muss mal einen fragen.
und beschweren sich libanesisch.
Da wird schon mal höflich ein Salat ausdiskutiert.
Ich glaube, die Tuerken essen lieber Zuhause im Kreise der Familie. In anderen Laendern ist das aehnlich, daher findet man in Kairo oder Mexico City sehr wenige Restaurants.
Neulich beim Perser im Berlin waren aber sehr viel Perser vertreten.
und beschweren sich libanesisch.
Da wird schon mal höflich ein Salat ausdiskutiert.
Ich glaube, die Tuerken essen lieber Zuhause im Kreise der Familie. In anderen Laendern ist das aehnlich, daher findet man in Kairo oder Mexico City sehr wenige Restaurants.
Neulich beim Perser im Berlin waren aber sehr viel Perser vertreten.
und beschweren sich libanesisch.
Da wird schon mal höflich ein Salat ausdiskutiert.
Ich glaube, die Tuerken essen lieber Zuhause im Kreise der Familie. In anderen Laendern ist das aehnlich, daher findet man in Kairo oder Mexico City sehr wenige Restaurants.
Neulich beim Perser im Berlin waren aber sehr viel Perser vertreten.
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