Sonne scheint hier nicht hin. Im Schatten, den drei spiegelverglaste Wolkenkratzer in die Gebäudeschluchten des Geschäftsviertels La Défense im Westen von Paris werfen, frösteln rund zwei Dutzend Raucher bei einer hastigen Zigarette. Junge Männer in dunklen Anzügen, mit gedeckten Krawatten und einem Ernst im Gesicht, der kaum zu ihrem Alter passen will. Männer, die sofort an Jérôme Kerviel denken lassen. Wie sie stand auch er oft zu Füßen der in den Himmel ragenden Türme mit dem schwarz-roten Balkenemblem der französischen Großbank Société Générale. Bis er im Januar 2008 mit der unerhörten Nachricht Schlagzeilen machte, dass er seinen Arbeitgeber durch eigenmächtige Fehlspekulationen um die sagenhafte Summe von beinahe fünf Milliarden Euro gebracht hatte. Am Dienstag verurteilte ihn ein Pariser Strafgericht dafür zu fünf Jahren Haft, zwei davon auf Bewährung. Doch einen Schlussstrich kann die Bank noch lange nicht unter die Affäre ziehen.

Rückblick auf den 24. Januar 2008. Was die Société Générale an diesem Donnerstag vor Beginn des Börsenhandels bekannt gibt, stellt so ziemlich alles in den Schatten, was die Finanzbranche bis dahin an Desastern erlebte. In den darauffolgenden Monaten wird die angesehene Lehman-Bank zusammenbrechen und die Öffentlichkeit sich an milliardenschwere Rettungspakete für Finanzinstitute und Staaten gewöhnen. Doch dass ein einzelner Mann, angestellt, um mit Aktiengeschäften für seinen Arbeitgeber Geld zu verdienen, eine Bank um nahezu fünf Milliarden Euro und damit an den Rand des Zusammenbruchs bringt, entzieht sich bis zu diesem Tag der Vorstellungskraft. Weltweit fallen die Kurse an den Börsen. Die US-Notenbank senkt daraufhin die Zinsen. Und die Führung der Société Générale lässt es an markigen Worten nicht fehlen. Daniel Bouton, Vorstandsvorsitzender und Verwaltungsratschef in Personalunion, nennt Kerviel gar einen »Terroristen«.

33 Jahre ist er inzwischen alt. Die tief liegenden Augen blicken noch immer so zornig wie auf den ersten Bildern, die damals um die Welt gingen. Die schmalen Lippen sind zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen der bretonischen Provinz, dem man nach Lage der Dinge einiges an Kälte und Brutalität zutraut. Aber hätte er nicht als größter Zocker aller Zeiten Schlagzeilen gemacht, sondern vielleicht, weil er eine alte Frau aus einem brennenden Haus befreit hat, würde man bei den Bildern wohl denken, er sei einfach nur schüchtern.

»Wer sind Sie?«, fragt der vorsitzende Richter mehrmals während des Prozesses. Nur ein Rad im Getriebe lautet die in Buchform verfasste Antwort. Die knapp 200 Seiten lange Verteidigungsschrift kam im französischen Original bereits vor Prozessbeginn in die Buchläden und liegt nun pünktlich zur Urteilsverkündung auch auf Deutsch vor.

Olivier Metzner, einer der teuersten Anwälte Frankreichs, übernimmt im Gerichtssaal gratis die Aufgabe, Kerviel als »Kreatur der Société Générale« zu beschreiben. Warum tut er das? »Weil da ein Mensch allein dem unterdrückerischen Finanzsystem gegenübersteht, und die Justiz dieses System schützt«, sagt der Anwalt und pafft an seiner Vormittagszigarre, einer Magnum 50. Metzner hat Berufung angekündigt. Er will beweisen, dass die Führung der Bank Bescheid wusste und Kerviel fallen ließ, als er nicht mehr gewann, sondern Geld verlor.

Tatsächlich kommt in den Tagen und Wochen nach der Aufdeckung des Skandals heraus, dass Kerviel schon lange seine Handelslimits überschritt. Sein Arbeitgeber beließ es aber bei einem Rüffel – und gewährte ihm anschließend sogar noch mehr finanziellen Spielraum. Seit 2006 ließ die Bank mehr als 70 Warnhinweise, unter anderem der Eurex-Börse, unbeachtet. Die Summe, die Kerviel zuletzt im Einsatz hatte, belief sich auf nicht weniger als 50 Milliarden Euro. Das ist weit mehr, als das gesamte Institut wert ist. Kritiker, darunter so angesehene wie der Ökonom Elie Cohen vom französischen Forschungsinstitut CNRS, bezweifeln, dass die Bank so ahnungslos war, wie sie vorgibt. Zumal der Händler offenbar nicht mit dem Ziel handelte, sich persönlich zu bereichern. Im Lauf des Jahres 2007 hatte er sagenhafte 1,5 Milliarden Euro für die Bank verdient und sich erst zuletzt verspekuliert. Dass der Schaden letztendlich so hoch ausfällt, liegt womöglich auch daran, dass die Société Générale die verlustreichen Positionen im Januar 2008 auf einen Streich glattstellt, wie die Auflösung der Kontrakte in der Banksprache heißt.

Die französische Bankenkommission verdonnert das Institut wegen mangelnder Kontrolle zu einem Bußgeld von vier Millionen Euro – die höchste Strafe, die das Gremium aussprechen kann. Bankenchef Bouton muss gehen. Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy persönlich fordert seinen Kopf. Selbst wenn es so ist, wie Bouton behauptet, dass Kerviel nämlich ein Einzeltäter war, stellt die Öffentlichkeit die Frage nach der Kompetenz des Bankers.