Einheitsdenkmal : Deutschland, knie Dich nieder!

Eine Berliner Ausstellung der Entwürfe zum Einheitsdenkmal zeigt, wie emotional Konflikte über nationale Monumente sind. Und wie notwendig. Ein Kommentar
"Bürger in Bewegung" haben die Architekten und die Choreografin ihren Entwurf zum Einheitsdenkmal genannt. Das klingt pathetisch, ist aber eine überzeugende Idee © Milla und Partner, Stuttgart, Architekten in Arbeitsgemeinschaft mit Sasha Waltz, Künstlerin, Berlin

Als die weißen Tücher am Sonntag im Berliner Martin-Gropius-Bau weggezogen wurden und darunter drei Entwürfe auftauchten, zeigte sich zunächst einmal, dass auch am symbolträchtigen 3. Oktober 2010 der Streit um ein zentrales deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal noch nicht vorbei ist. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, nach einem gescheiterten ersten Wettbewerb , nach einer Neuauslobung mit entschlackten Anforderungen, nach einer zweiten Runde mit 386 Bewerbungen, hat sich die Jury nunmehr einstimmig gegen einen ersten Preis, aber für drei preiswürdige Projekte entschieden – und sie zur Überarbeitung zurückgegeben.

Wer sich über solche Entschlusslosigkeit erregt, sollte daran denken, dass die großen politisch-ästhetischen Debatten um die deutsche Erinnerungskultur der letzten Jahre (Reichstags-Verhüllung, Neue Wache, Holocaust-Mahnmal) mindestens ebenso langwierig und heftig verliefen. Diese hoch emotionalen Konflikte sind längst selbst zu symbolischen nationalen Monumenten geworden. Als Selbstverständigungsrituale sind sie unverzichtbar für das Gemeinwesen – gerade beim stets umkämpften heißen Doppelkern der deutschen Geschichte, Einheit und Freiheit.

Nur Demut scheint der Entwurf von Stephan Balkenhol auszudrücken © Stephan Balkenhol, Karlsruhe, Künstler

Die Ausstellung aller Entwürfe im Martin-Gropius-Bau (noch bis 31. Oktober) müsste nun eigentlich auch jene Skeptiker überzeugen, die da meinen, es gebe schon genug solche Denkmäler und Symbole im Land; viele gelungene Verdichtungen dieser so schwierigen Materie lassen sich finden. Bei den drei Preisträgern wird man allerdings genau hinschauen müssen: Stephan Balkenhols fünf Meter großer kniender Mann ist eine unbefriedigende, Karikaturisten befeuernde Lösung, die viele wegen des Warschauer Kniefalls für ein Willy-Brandt-Denkmal halten werden – und um Demut allein kann es jedenfalls bei einem Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht gehen. Andreas Mecks transparentes Buchstaben-Dach, das Begriffsassoziationen zu Freiheit und Einheit ermöglicht, ist eine schöne Idee.

Der Wörterhimmel des Entwurfs von Meck Architekten aus München wirkt inspirierend © meck architekten, München

Doch wirklich bezwingend in seiner künstlerisch-konzeptionellen Kraft ist nur einer der drei Entwürfe, leider mit dem verkitschten Titel Bürger in Bewegung: die riesige Arche, die das Architektenbüro Milla und Partner zusammen mit der Choreografin Sasha Waltz entwickelt hat und die einige Jurymitglieder reflexhaft als »zu pathetisch« empfanden.

Es ist ein an beiden Enden elegant sich aufschwingender Bogen, über der Erde an Streben aufgehängt und begehbar – wobei die Besucher durch ihre Gewichtsverteilung diese nach oben offene Arche leicht, aber spürbar bewegen können. Was wäre das für eine anmutige, zugleich starke, zeitlos symbolische Vision an dieser Stelle gegenüber dem einstigen Schloss, genau dort, wo früher Kaiser Wilhelm auf seinem Nationaldenkmal ritt: ein ästhetisch geglücktes Zeichen der gelernten deutschen Demokratie.

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Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Monumente?

Bevor wir anfangen (für teures Geld übrigens) "Monumente" der deutschen Freiheit und Einheit zu bauen, sollten wir erst einmal darangehen, unseren Laden im Inneren aufzuräumen, d.h. unsere Freiheit und Einheit im Inneren zu verteidigen, denn die ist, so scheint mir, aktut in Gefahr!
Danach, aber bitte erst danach, können von mir aus irgendwelche Skulpturen aufgestellt werden.
Und: "auf die Knie" und "Demut" - damit sollte uns jetzt wirklich niemand kommen! Im Gegenteil: es wird höchste Zeit, unsere Probleme selbstbewusst in die Hand zu nehmen.

Salat fürs Volk?

In der vergoldeten Schüssel könnte man z.B. Salate oder sonstige Lebensmittel lagern, was so täglich für die Tafel eingesammelt wird. Und alle Erniedrigten und Beleidigten durch Hartz4 könnten sich am Morgen da bedienen vielleicht rübergeschoben mit einem größeren Schieber wie beim Roulette. An diesem Schieber sitzt dann abwechselnd unser neuer Präsident oder unsere alte Kanzlerin, meinetwegen auch als Pappfigur, falls die mal auf Reisen sind.

Etwas ernster (so wie es sich für DIE ZEIT gehört): Fragt man einen Marsmenschen, was das bedeuten könnte, würde er wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, dass das mit irgendeiner Vereinigung von irgendwelchen Ländern zu tun hat. Da fehlt die komplette Dramatik, die traurige Zeit vor dem großen Jubel und die traurige Zeit danach (für viele).

Mein Vorschlag wäre ein Riesendemoschild dort hinzupflanzen, oder gleich einen Demobesucher in Bronze, so wie dieser kniende Mann, ungefähr 50 Meter hoch. So eine Art Unfreiheitsstatue. Auf der einen Seite steht: WIR WAREN DAS VOLK ! Auf der Rückseite: JETZT SIND WIR KÄUFER !

In Stuttgart kämpft Deutschland gerade...

...für seine Einheit! Und der Kampf für die freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Menschenrechte wird dort nicht nur von Schwaben und Badener geführt, sondern von Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet, von Menschen aus allen sozialen Schichten, aus allen Einkommensgruppen, aus allen Altersklassen.

Wenn irgendwann in Stuttgart ein neuer Bahnhof steht, dessen Bau von allen beteiligten Menschen mehrheitlich befürwortet und beschlossen wurde, dann ist DAS DAS DENKMAL DER DEUTSCHEN EINHEIT!