EinheitsdenkmalDeutschland, knie Dich nieder!

Eine Berliner Ausstellung der Entwürfe zum Einheitsdenkmal zeigt, wie emotional Konflikte über nationale Monumente sind. Und wie notwendig. Ein Kommentar von Alexander Cammann

"Bürger in Bewegung" haben die Architekten und die Choreografin ihren Entwurf zum Einheitsdenkmal genannt. Das klingt pathetisch, ist aber eine überzeugende Idee

"Bürger in Bewegung" haben die Architekten und die Choreografin ihren Entwurf zum Einheitsdenkmal genannt. Das klingt pathetisch, ist aber eine überzeugende Idee  |  © Milla und Partner, Stuttgart, Architekten in Arbeitsgemeinschaft mit Sasha Waltz, Künstlerin, Berlin

Als die weißen Tücher am Sonntag im Berliner Martin-Gropius-Bau weggezogen wurden und darunter drei Entwürfe auftauchten, zeigte sich zunächst einmal, dass auch am symbolträchtigen 3. Oktober 2010 der Streit um ein zentrales deutsches Freiheits- und Einheitsdenkmal noch nicht vorbei ist. Zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung, nach einem gescheiterten ersten Wettbewerb , nach einer Neuauslobung mit entschlackten Anforderungen, nach einer zweiten Runde mit 386 Bewerbungen, hat sich die Jury nunmehr einstimmig gegen einen ersten Preis, aber für drei preiswürdige Projekte entschieden – und sie zur Überarbeitung zurückgegeben.

Wer sich über solche Entschlusslosigkeit erregt, sollte daran denken, dass die großen politisch-ästhetischen Debatten um die deutsche Erinnerungskultur der letzten Jahre (Reichstags-Verhüllung, Neue Wache, Holocaust-Mahnmal) mindestens ebenso langwierig und heftig verliefen. Diese hoch emotionalen Konflikte sind längst selbst zu symbolischen nationalen Monumenten geworden. Als Selbstverständigungsrituale sind sie unverzichtbar für das Gemeinwesen – gerade beim stets umkämpften heißen Doppelkern der deutschen Geschichte, Einheit und Freiheit.

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Nur Demut scheint der Entwurf von Stephan Balkenhol auszudrücken

Nur Demut scheint der Entwurf von Stephan Balkenhol auszudrücken  |  © Stephan Balkenhol, Karlsruhe, Künstler

Die Ausstellung aller Entwürfe im Martin-Gropius-Bau (noch bis 31. Oktober) müsste nun eigentlich auch jene Skeptiker überzeugen, die da meinen, es gebe schon genug solche Denkmäler und Symbole im Land; viele gelungene Verdichtungen dieser so schwierigen Materie lassen sich finden. Bei den drei Preisträgern wird man allerdings genau hinschauen müssen: Stephan Balkenhols fünf Meter großer kniender Mann ist eine unbefriedigende, Karikaturisten befeuernde Lösung, die viele wegen des Warschauer Kniefalls für ein Willy-Brandt-Denkmal halten werden – und um Demut allein kann es jedenfalls bei einem Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht gehen. Andreas Mecks transparentes Buchstaben-Dach, das Begriffsassoziationen zu Freiheit und Einheit ermöglicht, ist eine schöne Idee.

Der Wörterhimmel des Entwurfs von Meck Architekten aus München wirkt inspirierend

Der Wörterhimmel des Entwurfs von Meck Architekten aus München wirkt inspirierend  |  © meck architekten, München

Doch wirklich bezwingend in seiner künstlerisch-konzeptionellen Kraft ist nur einer der drei Entwürfe, leider mit dem verkitschten Titel Bürger in Bewegung: die riesige Arche, die das Architektenbüro Milla und Partner zusammen mit der Choreografin Sasha Waltz entwickelt hat und die einige Jurymitglieder reflexhaft als »zu pathetisch« empfanden.

Es ist ein an beiden Enden elegant sich aufschwingender Bogen, über der Erde an Streben aufgehängt und begehbar – wobei die Besucher durch ihre Gewichtsverteilung diese nach oben offene Arche leicht, aber spürbar bewegen können. Was wäre das für eine anmutige, zugleich starke, zeitlos symbolische Vision an dieser Stelle gegenüber dem einstigen Schloss, genau dort, wo früher Kaiser Wilhelm auf seinem Nationaldenkmal ritt: ein ästhetisch geglücktes Zeichen der gelernten deutschen Demokratie.

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Leserkommentare
    • papayu
    • 07. Oktober 2010 5:14 Uhr

    Denk mal, man wuerde Merkel ueberlebensgross darstellen, in der rechten Hand an sich ranziehend den Reichsapfel mit der Aufschrift
    Industrie und in der anderen von sich wegstreckend ein Legomaennchen mit der Aufschrift: " Wir sind das Volk!"
    Das wuerde doch genau den Zustand unserer ??? Republik???
    ausdruecken.
    Geht nicht? Seit 100 Jahren steht Bismarck, der Erfinder des nach ihm genannten Herings riesig in Hamburg am Eingang zur Reeperbahn.
    Wir sind inzwischen Rollmoepse, sauer und zusammengerollt in der Demokartie der Stuemper.

    Bitte kehren Sie zum Thema des Artikels zurück. Danke. Die Redaktion/er

    • kai1
    • 07. Oktober 2010 7:08 Uhr
    10. Unreife

    Die meisten der Kommentare in diesem Forum zeigen - auch wenn sie glauben, clever-satirisch daherzukommen - die Unfähigkeit der Schreiber, sich mit der in allen normalen Staaten selbstverständlichen Pflege nationaler Symbolik und allem, was nicht der Befriedigung niederer materieller Bedürfnisse dient, unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Insofern wären für dieses unselige Volk und diesen unseligen Staat zwei sich überlappende Geldscheine - unten ein D-Mark-Schein, oben ein Euro-Schein über einer überdimensionierten, in rostigem Blech (Kupfer käme vermutlich zu teuer!) ausgeführten Deutschlandkarte die kongeniale Umsetzung einer Denkmalsidee.
    Es geht beim Einheitsdenkmal selbstverständlich nicht um die Wiederbelebung des megalomanischen wilhelminischen oder nationalsozialistischen Denkmalsprotzes, sondern um die ästhetische Darstellung eines großartigen Fixpunktes der jüngeren deutschen Geschichte, bei dem zum ersten Mal in der deutschen Geschichte die Ideen von Einheit UND Freiheit zusammengeführt wurden, von unten ausgehend, nicht von oben oktroyiert.
    Ein solches Denkmal darf sehr wohl "etwas zu pathetisch" sein - wer denkt nicht an die rührenden emotionalen Szenen bei der Grenzöffnung, die sehr wohl im Wortsinne pathetisch waren? Der Entwurf mit den Halbkreisen brächte dies gelungen zum Ausdruck. Der "kniende Sünder" dagegen wäre wieder nur Ausdruck des grassierenden Nationalmasochismus, der verhängnisvollerweise Teil der deutschen Staatsräson geworden ist.

    • Varech
    • 09. Oktober 2010 13:34 Uhr

    ...wird doch sonst im Leben nicht nachträglich gebaut (mal von Triumpfbögen abgesehen), sondern man nimmt doch was man (noch) hat.

    Das Reichstag-Gebäude, wäre das zum Beispiel nicht Denkmal genug? Denk mal.

    Man hätte auch irgendwas aus fettigem Filz vorschlagen können, aber ein Loch, viel tiefer und geräumiger als das in Kassel, wäre auch eine Möglichkeit. Da dürfte dann jeder, der sich der Mühe unterzieht, durch einen grossen finstern (klar doch) Wald da hinzuwandern, seinen mitgebrachten Lieblingsstein reinfallen lassen, für alle Zeit einpflanzen, jeder einen, einmal im Leben. Wer an sich zweifelt, dürfte auch wiederkommen.

  1. Wer ist eigentlich verantwortlich für die Berufung dieser Jury?
    Der informierte Betrachter sieht den eingereichten Modellen an, dass die Jury, die die Teilnehmer ausgesucht und bewertet hat, auf Originalität oder Qualität bei ihrer Auswahl verzichtete.
    Der Höhepunkt der Arbeit dieser Jury ist die Auswahl der knienden Skulptur, die auch von Thomas Schütte sein könnte, hier aber von einem eher unbedeutenden Bildhauer eingereicht wurde.
    Der gebildete Betrachter sieht, Deutschland braucht kein Einheitsdenkmal.

  2. Wenn die Berliner nicht wollen, die Hamburger nehmens sicher gerne.

    Gewünscht hätte ich mir bei der Auswahl der Entwürfe eine stärkere Berücksichtigung der jeweiligen Esskultur, die ich am ehesten in den drei Lollis verwirklicht sehe.

    Da bei diesem Entwurf der Einheitsgedanke in Hintertreffen gerät und die Esskultur leider nicht Teil der Aufgabenstellung war, würde ich mich dabei ganz auf den Geschmack meiner Frau verlassen, die eine schlichte und solide Formensprache bevorzugt.

    Mit dem Bau eines Einheitstisches, wie es die Frontalansicht des Entwurfs von Gottfried Boehm suggeriert, wäre ich selbstverständlich auch einverstanden.

  3. Die Fiktion von Minister Schäuble, 1990 sei die Einheit Deutschlands in Freiheit vollendet worden, stellt eine Verbiegung und Verschmälerung der Geschichte der Deutschen dar. Die deutsche Einheit ist zweimal, 1848 an den deutschen, und 1919 an den europäischen Großmächten, gescheitert. Ohne Österreich gibt es keine deutsche Einheit, weil es keine deutsche Vollständigkeit, kein vertieftes Verständnis unserer Vergangenheit und deren besonderer Entwicklung gibt. Ohne Österreichs spezifische Beiträge, die bis zum "Höhepunkt" der deutschen politischen Nationalgeschichte im NS-Staat reichen, gibt es noch nicht einmal die Möglichkeit, von "Deutschland" überhaupt sinnvoll auch nur zu reden ... Wie soll also der Staatsakt des 3.10.1990, der nur die Angliederung eines Teils der Nation an einen anderen Teil brachte, für die Dauer im Bewusstsein als Verwirklichung der deutschen Einheit gelten? Wir spüren instinktiv, dass das einer Lüge bleibt. Deshalb wird auch kein Einheitsdenkmal funktionieren; es wird nur die Differenz, die Spaltung unseres Bewusstseins untermauern und mit schönen modernen Formeln vom "Demokratischen Prozess" oder den "Bürgern in Bewegung" uns den Diebstahl unserer Geschichte und unseres Landes schönzureden und zu verschleiern suchen. Wir haben eine Demokratie, aber für sie haben wir unsere Einheit -im Interesse des lieben Friedens mit Europa- geopfert. Wir werden dafür keinen Dank ernten und am Ende an uns selbst verzweifeln. Denn ohne Ehre kann man nicht existieren.

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  • Schlagworte Ausstellung | Bewerbung | Demokratie | Denkmal | Holocaust-Mahnmal | Materie
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