Am Hafen des Werks türmt sich das Mineral zu einer tiefroten Hügelkette. Es stammt aus der größten Bauxitmine der Welt in Guinea an der afrikanischen Westküste. Mehr als zwei Millionen Tonnen landen pro Jahr in Stade an. "Das afrikanische Erz ist dankbar", sagt Guhl. Es sei einfach und ohne viele Hilfsmittel "aufzuschließen". In Ungarn wurde Bauxit aus Europa verarbeitet, das einen bis zu dreimal höheren Anteil an Schwermetallen wie Quecksilber, Blei, und Arsen aufweist – Stoffe, die nun die Fische in den Flüssen töten und Böden verseuchen.

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In Stade wird das Erz zunächst mit ätzender Natronlauge versetzt und dann bei 270 Grad mit 70 Bar Druck durch das vier Kilometer lange Rohrsystem gepumpt. Nach einer halben Stunde sind die Aluminiumverbindungen aufgeschlossen. Sie werden über 40 Stunden in einem Kühlverfahren kristallisiert, filtriert und geröstet. Am Ende erhält man zwei weiße Wunderpulver, die an feinen Karibiksand erinnern: Das eine ist Aluminiumhydroxid, das als Schleifmittel in Zahnpasta und als Weichmacher in Waschmitteln dient, als Brandhemmer wird es in Armaturen verarbeitet. Das andere ist Aluminiumoxid, das in Zündkerzen, LCD-Bildschirmen und Cerankochfeldern steckt; es erreicht beinahe den Härtegrad von Diamanten und wird deshalb zur Panzerung von Autos eingesetzt. Vor allem aber wird es zu Aluminium weiterverarbeitet.

In Deutschland hat die Produktion allerdings ihren Preis. Die Herstellung von einer Million Tonnen Aluminiumoxid verbraucht so viel Energie wie eine halbe Million Haushalte im Jahr. Dabei frisst die Anlage in Stade nur halb so viel wie ähnliche Firmen im Ausland. Das ist auch der Grund, warum die Aluminium Oxid Stade als letztes von vier deutschen Werken überlebte. Denn hohe Energiekosten sind in diesem Geschäft tödlich. "Unser Werk", sagt Buhrfeindt, "war der Versuch, auszuloten, was ingenieurtechnisch möglich ist."

Als Abfall bei der Produktion entsteht jener Rotschlamm, der in Ungarn zur Plage wurde. In einem Glas, das im Betriebsgebäude steht, ist der Höllenstoff zu einem rostroten Pulver gezähmt. "Sie können das Glas ruhig aufmachen", sagt Buhrfeindt. "Unser Zeug ist harmlos, nur die Farbe bekommen Sie nicht mehr aus der Kleidung."

In Stade wird der Rotschlamm aufwendig aufbereitet. In zwei Reinigungsgängen wird die Natronlauge ausgewaschen. Und bevor man den Schlamm durch ein unterirdisches System von Pipelines in den fünf Kilometer entfernten See pumpt, wird er abermals gefiltert – ein Verfahren, auf das man in Ungarn offenbar verzichtet hat. Die Natronlauge, der gefährlichste Stoff der ganzen Produktion, wird für den nächsten Trennprozess recycelt.Deshalb ist in Stade auch die Entsorgung vergleichsweise einfach. Ursprünglich plante man, den Abfall mit Schiffen bis vor Helgoland zu fahren und dort einfach in die Nordsee zu kippen. Auch bei Marseille, nahe dem Örtchen Les Baux-de-Provence – dem ersten Fundort von Bauxit und Namensgeber des Minerals – leitet ein Aluminiumoxid-Werk Schlamm ins Meer. "Dort unten stört der Abfall niemanden", sagt Eberhard Guhl. Die ätzende Lauge werde vom Meerwasser sofort verdünnt. Vor Helgoland scheiterte der Verklappungsversuch. Das Wasser war zu flach und färbte sich rot, als hätte jemand dort ein Massaker angerichtet.

Deshalb entschied man sich für den Abfallsee im Bützflether Moor. Der wächst seit Jahrzehnten stetig an, und darum sollen die Deiche demnächst auf 21 Meter erhöht werden. Nach der Reinigung hat der Schlamm, der in den See gelangt, keinen pH-Wert von 14 mehr – wie jener in Ungarn –, sondern von 9,5. Ähnlich wie Seife. Fische überleben diese Werte nicht, aber die Rehe werden wissen, warum sie im See baden gehen.