Auf einem weißen DIN-A4-Blatt in der Eingangshalle des Universitätsgebäudes in Osnabrück, Kolpingstraße 7, steht "Imame". Der Pfeil darunter weist ins Treppenhaus. Im dritten Stock geht es über einen langen Flur, links die Evangelische Theologie, rechts eine Fensterreihe, die einen Blick auf blauen Herbsthimmel und Kirchtürme gewährt. Vor Raum 314, Lehrstuhl für islamische Religionspädagogik, Professor Bülent Uçar, ist man am Ziel. An der Tür hängt eine Liste mit 40, 45 Namen, türkischen, arabischen, bosnischen, pakistanischen. Es sind die Namen der Bewerber für eine Premiere an deutschen Hochschulen: eine Weiterbildung von Imamen, über zwei Semester, in Sachen Sprache, Landeskunde und Pädagogik.

Die Weiterbildung, die diese Woche beginnt, ist eine Vorstufe zu dem eigentlichen Ziel, das sich Bülent Uçar mit seinen Kollegen gesteckt hat: die Einrichtung eines Studiengangs für islamische Theologie, Start 2012. Ein Studium, das Imame ausbildet – nicht nur in Koranexegese und islamischem Recht, sondern auch in zeitgenössischer Pädagogik. Man könnte Raum 314 des Religionspädagogischen Instituts auch als eine Art Keimzelle verstehen für einen Islam made in Germany.

Vor Raum 314 hat sich eine kleine Traube von wartenden Männern in Anzügen gebildet. Da steht zum Beispiel Ahmed Shiraz, geboren in Pakistan. Er hat dort als Geschichtsprofessor gearbeitet. Seit zwanzig Jahren hat er die deutsche Staatsbürgerschaft, seine Töchter gehen auf ein Gymnasium in Minden. Die zentrale Botschaft des Islams ist für ihn, "dass er Menschen dazu bringt, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen". Oder Mehmet Jakubovich, Diplomtheologe aus Sarajevo, der seit 1995 in Aachen lebt. Er hofft, dass ihm diese Weiterbildung hilft, besser zwischen den Religionen vermitteln zu können. Im Bewerbungsgespräch werden die Kandidaten geprüft, im Hinblick auf ihr Sprachvermögen, ihre theologischen Kompetenzen und auch auf ihre Haltung zu Staat und Gesellschaft.

Als Anfang diesen Jahres der Wissenschaftsrat vorschlug, Imame und Religionslehrer in Deutschland auszubilden und dafür an zwei, drei deutschen Hochschulen islamische Zentren einzurichten, hatte man in Osnabrück diesen Weg schon lange eingeschlagen. Trotzdem hoffte man auch hier natürlich auf eine Unterstützung des Bundes. Unter deutschen Hochschulen ist eine Art Wettrennen entbrannt um die Einrichtung von islamischen Studiengängen, um den Zuschlag von Bildungsministerin Schavan und die damit verbundenen Fördergelder vom Bund in Höhe von 1,5 Millionen Euro. Konzepte wurden entwickelt, Anträge eingereicht, Konferenzen abgehalten von Niedersachsen über Berlin und Nordrhein-Westfalen bis Baden-Württemberg. Ein halbes Dutzend Universitäten hatten sich beworben. Nun steht fest: An den Wissenschaftsstandorten Tübingen, Münster und Osnabrück werden mit Unterstützung des Bundes islamwissenschaftliche Studiengänge eingerichtet.

Auch wenn der Tanz um die Imame etwas hektisch wirkt – es ist gut, dass es ihn gibt, er hätte schon viel früher beginnen sollen. Jahrzehntelang hat sich auf deutscher Seite niemand dafür interessiert, wer diese Leute sind, woher sie kommen, was sie denken – und was sie predigen. Ein Versäumnis, könnten doch Imame Schlüsselfiguren der Integration sein.

Vier Millionen Muslime leben in Deutschland. Die 2000 Imame im Land haben einen großen Einfluss auf ihr Denken und Handeln. Sie leiten nicht nur die Gebete und halten die Freitagspredigt, sie unterweisen auch die Kinder und Jugendlichen in Religion, bestimmen also die Zukunft des Islams in Deutschland mit. Und sie sind hierzulande auch als Seelsorger und Ratgeber in Alltagsfragen gefordert. Dazu müssten sie sich aber auskennen in der Welt, in der sie leben. Weil das nur die wenigsten tun, gibt es Raum für einige Selfmade-Imame, die mit radikalen Predigten auf Jüngerjagd gehen.