Schule Es gibt kein Monopol auf gute Ideen

In der ZEIT Nr. 41/10 verteidigten Hans Brügelmann und Bernhard Bueb die Reformpädagogik gegen die Kritik der Ex-Kultusministerin Gabriele Behler (ZEIT Nr. 39/10). Ihnen antwortet der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers

Sie war Feindbild und Ansporn für die Reformer: Die autoritäre Schule des 19. Jahrhunderts

Sie war Feindbild und Ansporn für die Reformer: Die autoritäre Schule des 19. Jahrhunderts

Eine Tradition ist nur dann ein glaubwürdiges Vorbild für die Gegenwart, wenn sie ohne einen Makel verstanden werden kann; das Bild der Vergangenheit muss rein sein, wenn man sich auf sie berufen will. Der Streit um die Reformpädagogik seit der Aufdeckung der jahrzehntelangen Praxis sexueller Übergriffe in der Odenwaldschule dreht sich um diese Frage: Wie kann weiterhin vorbildlich sein, was belastet ist mit einem unfassbaren Skandal?

Die Verteidiger der Reformpädagogik fürchten, dass ihre Errungenschaften in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, wenn die Tradition ihren Halt verliert. Verhindert werden soll ein Rückfall in autoritäre Verhältnisse »vor« der Reformpädagogik, die als Feindbild oder Legitimationsrückhalt genutzt werden, ohne genauer sagen zu müssen, worin sie bestanden haben und ob sie nicht ganz ohne Reformpädagogik überwunden wurden, einfach durch den Wandel der Lebensformen. Neue Einstellungen zur Erziehung seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben auch mit dem Erfolg der öffentlichen Bildung zu tun, den die deutsche Reformpädagogik immer bestritten hat.

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Aber die erste Frage muss sein, wie die Konstruktion der besonderen Tradition überhaupt zustande gekommen ist, nämlich durch Glorifizierung der zeitgenössischen Akteure und nicht durch Prüfung ihrer Praxis. Genauer: Von der publizistischen Rhetorik aus wurde – und wird – auf die Praxis geschlossen, die unabhängig vom historischen Abstand nach wie vor vorbildlich sein soll. Grundlagen sind die Schriften von Schulgründern, also Selbstdeutungen, hinzu kommen die zeitgenössischen Bewunderer sowie die heutigen Interpreten, die unverzichtbare Errungenschaften vermuten.

Die Schulen, um die es geht, also vor allem die Landerziehungsheime, waren teure Privatschulen, die schon aus diesem Grunde keine Vorbilder sein können. Und fragt man nach ihren »Errungenschaften«, dann wird es noch dünner. Das Zusammenleben in Internaten kann kein Modell sein für die öffentliche Schule, spezielle Methoden wie offener Unterricht, Lernen in Projekten oder Individualisierung haben ihren Ursprung nicht in Landerziehungsheimen, und die Formen der Partizipation, die es in diesen Heimen gegeben hat, stammen aus den Vereinigten Staaten. Hier war das Testfeld der Schulreformen. Landerziehungsheime gab es nicht, und die öffentlichen Schulen haben sich selbst entwickelt.

Die Legende der Landerziehungsheime

Hinter der Legende der Landerziehungsheime steht der Gedanke der Rettung durch eine neue Erziehung, den Johann Gottlieb Fichte 1808 in den Reden an die deutsche Nation entwickelt hat. Auf dem Lande und in Internaten, also unbehelligt von den Erwachsenen, sollte eine neue Generation erzogen werden, die die Erneuerung der Gesellschaft besorgen würde. Die Idee des pädagogischen Moratoriums geht auf Rousseau zurück und wird am Ende des 19. Jahrhunderts in der Lebensreformbewegung wieder aufgegriffen. Internate, die wegen des inhärenten »Pennalismus« – Übergriffe der Älteren auf die Jüngeren – stets anrüchig waren, wurden nunmehr zu Rettungsinseln stilisiert.

Wer sich auf die deutsche Reformpädagogik beruft, muss mit solchen missionarischen Tönen rechnen, begleitet von der Stilisierung pädagogischer Größe. Untersucht man dagegen die Praxis von Landerziehungsheimen, so erkennt man fehlbare Gestalten, subtile Herrschaftstechniken, harte innere Konflikte, ständige Wechsel in der Lehrerschaft, Finanznot und Lohndumping, heftige Auseinandersetzungen mit den Eltern und ein höchst unterschiedliches Echo bei den Schülern, man erkennt, kurz gesagt, eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Leser-Kommentare
  1. Der Artikel ist einerseits gut gelungen im Bezug auf die Kritik an teuren Privat-Internaten, aber andererseits wird durch die Verteidigung der Staatsschulen doch auch irgendwie verharmlost, dass unser momentanes staatliches Bildungssystem Probleme hat. Diesen Problemen wollte die Reformpädagogik entgehen, hat es nicht geschafft und stattdessen andere Probleme bekommen. Am Ende gehört wohl die Reform sowie die Form reformiert.

  2. Jürgen Oelkers „Antwort“ auf Bueb und mich in der ZEIT Nr. 42 v. 14.10.10 (S. 66) lebt von drei Prämissen, die sich in unseren Texten nicht finden bzw. die wir so nicht teilen:

    1. Reformpädagogik sei reduzierbar auf die Konzeption und Praxis der Landerziehungsheime („Die Schulen, um die es geht, also vor allem Landerziehungsheime…“).

    2. Reformpädagogik in unserem Verständnis sei „deutsche Reformpädagogik“. Reformschulen heute wie vor 50 oder 100 Jahren berufen sich aber auf Anregungen auch aus der internationalen Reformpädagogik, z. B. von Montessori, Freinet, Korczak, Dewey und Neill.

    3. Reformpädagogik sei eine „Sekte“ außerhalb des staatlichen Schulwesens. Das war sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht, wie die vielen Initiativen etwa in Berlin, Bremen und Hamburger Regelschulen zeigen, das ist sie heute nicht, wie etwa die Zusammenarbeit im Verbund „Blick über den Zaun“ zeigt.

    Insofern trifft Oelkers’ Kritik uns nicht. „Das überflüssige Konstruieren absurder Gegensätze“ sehe ich vielmehr bei ihm.

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    Die Zurückweisung der Kritik ist sicher berechtigt, aber dass sie überhaupt nicht trifft, da wäre ich skeptisch. Denn die Kernaussage besteht ja auch daraus, dass die Reformpädagogik sich als eine Art Ideallösung, zumindest als besseren Weg gesehen hat und sieht. Die beste Pädagogik gibt es nicht, damit trifft es der letzte Abschnitt meiner Meinung nach durchaus auf den Punkt. Und eine bessere ist nicht so einfach durch eine Reform möglich, die man von einem Tag auf den anderen herbei schnippt, sondern nur durch ein Mitwirken am Wandel der Zeit, was wiederum einen langsamen und komplizierten Prozess bedeutet.
    Vielleicht hat uns die Reformpädagogik trotzdem mit auf diesen Prozess vorbereitet, zumindest das scheint mir möglich und schiene mir auch lobenswert.

    Die Zurückweisung der Kritik ist sicher berechtigt, aber dass sie überhaupt nicht trifft, da wäre ich skeptisch. Denn die Kernaussage besteht ja auch daraus, dass die Reformpädagogik sich als eine Art Ideallösung, zumindest als besseren Weg gesehen hat und sieht. Die beste Pädagogik gibt es nicht, damit trifft es der letzte Abschnitt meiner Meinung nach durchaus auf den Punkt. Und eine bessere ist nicht so einfach durch eine Reform möglich, die man von einem Tag auf den anderen herbei schnippt, sondern nur durch ein Mitwirken am Wandel der Zeit, was wiederum einen langsamen und komplizierten Prozess bedeutet.
    Vielleicht hat uns die Reformpädagogik trotzdem mit auf diesen Prozess vorbereitet, zumindest das scheint mir möglich und schiene mir auch lobenswert.

  3. Die Zurückweisung der Kritik ist sicher berechtigt, aber dass sie überhaupt nicht trifft, da wäre ich skeptisch. Denn die Kernaussage besteht ja auch daraus, dass die Reformpädagogik sich als eine Art Ideallösung, zumindest als besseren Weg gesehen hat und sieht. Die beste Pädagogik gibt es nicht, damit trifft es der letzte Abschnitt meiner Meinung nach durchaus auf den Punkt. Und eine bessere ist nicht so einfach durch eine Reform möglich, die man von einem Tag auf den anderen herbei schnippt, sondern nur durch ein Mitwirken am Wandel der Zeit, was wiederum einen langsamen und komplizierten Prozess bedeutet.
    Vielleicht hat uns die Reformpädagogik trotzdem mit auf diesen Prozess vorbereitet, zumindest das scheint mir möglich und schiene mir auch lobenswert.

    Antwort auf ""ANTWORTET" Oelkers?"
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    Völlig d'accord: Reform ist ein mühseliger Prozess, aber er braucht auch klare Ziele. Vielleicht schauen Sie mal auf www.blickueberdenzaun.de. Da können Sie sehen, dass wir seit über 20 Jahren in kleinen Schritten an diesem Prozess arbeiten. Und dafür, diesen voranzubringen. sind die Oelkers'schen Pauschalisierungen wenig hilfreich.

    Völlig d'accord: Reform ist ein mühseliger Prozess, aber er braucht auch klare Ziele. Vielleicht schauen Sie mal auf www.blickueberdenzaun.de. Da können Sie sehen, dass wir seit über 20 Jahren in kleinen Schritten an diesem Prozess arbeiten. Und dafür, diesen voranzubringen. sind die Oelkers'schen Pauschalisierungen wenig hilfreich.

  4. Völlig d'accord: Reform ist ein mühseliger Prozess, aber er braucht auch klare Ziele. Vielleicht schauen Sie mal auf www.blickueberdenzaun.de. Da können Sie sehen, dass wir seit über 20 Jahren in kleinen Schritten an diesem Prozess arbeiten. Und dafür, diesen voranzubringen. sind die Oelkers'schen Pauschalisierungen wenig hilfreich.

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    Ich stimme da voll und ganz zu, es braucht Ziele. Und wenn Herr Oelkers sagt, es bräuchte diese nicht, weil sich die Pädagogik im gesellschaftlichem Wandel von ganz alleine entwickelt, dann könnte er durchaus Unrecht haben. Nur inwiefern diese Ziele wie klar sein müssen ist dabei auch die Frage. Gerade dass bei der Reformpädagogik die Ziele zu klar, zu eindeutig definiert sind, das mag ein Schwachpunkt sein, und auf diesen weist Herr Oelkers ebenso hin.
    Eventuell muss man nicht nur am Prozess selbst, sondern auch ständig an seinen Zielen arbeiten, und diese eher nur als lose Richtlinien denn als unumstößliche Grundsätze sehen.

    Ich stimme da voll und ganz zu, es braucht Ziele. Und wenn Herr Oelkers sagt, es bräuchte diese nicht, weil sich die Pädagogik im gesellschaftlichem Wandel von ganz alleine entwickelt, dann könnte er durchaus Unrecht haben. Nur inwiefern diese Ziele wie klar sein müssen ist dabei auch die Frage. Gerade dass bei der Reformpädagogik die Ziele zu klar, zu eindeutig definiert sind, das mag ein Schwachpunkt sein, und auf diesen weist Herr Oelkers ebenso hin.
    Eventuell muss man nicht nur am Prozess selbst, sondern auch ständig an seinen Zielen arbeiten, und diese eher nur als lose Richtlinien denn als unumstößliche Grundsätze sehen.

  5. Was der Debatte über Reformpädagogik fehlt, ist ein differenzierterer Blick auf reformpädagogische Strömungen.
    Wenn in letzter Zeit über Reformpädagogik gesprochen wurde, war meist die bürgerlich-konservative Idee der Reformpädagogik - mit ihren weltfremden Landerziehungsheimen und verschrobenen Ansichten einer idealisierten Gemeinschaftsidee - gemeint. Dabei fällt hinten über, dass ebenso Ansätze demokratischer Reformpädagogik vorhanden waren, wie etwa in der Weimarer Republik der "Bund der entschiedenen Schulreformer" mit Leuten wie Oestreich, Karsen, Rotten und Siemsen. Die bürgerlich-konservative Richtung der Reformpädagogik - mit ihrem Aushängeschild der Odenwaldschule - hat sicher keinen Anspruch darauf, reformpädagogische Konzepte in toto abzubilden. Dies sollte bedacht werden, wenn pauschal über die Reformpädagogik geschrieben und geredet wird.

    (vgl. Neuheuser/ Rülcker (2000): Demokratische Reformpädagogik)

  6. Ich stimme da voll und ganz zu, es braucht Ziele. Und wenn Herr Oelkers sagt, es bräuchte diese nicht, weil sich die Pädagogik im gesellschaftlichem Wandel von ganz alleine entwickelt, dann könnte er durchaus Unrecht haben. Nur inwiefern diese Ziele wie klar sein müssen ist dabei auch die Frage. Gerade dass bei der Reformpädagogik die Ziele zu klar, zu eindeutig definiert sind, das mag ein Schwachpunkt sein, und auf diesen weist Herr Oelkers ebenso hin.
    Eventuell muss man nicht nur am Prozess selbst, sondern auch ständig an seinen Zielen arbeiten, und diese eher nur als lose Richtlinien denn als unumstößliche Grundsätze sehen.

  7. Danke für den notwendigen Hinweis auf Unterschiede innerhalb der Reformpädagogik, auch der deutschen. Autoritäre und demokratische Kräfte gab es da genauso wie im Staatsschulwesen (sogar in einer etwas erfreulicheren Verteilung...).
    Differenzierung tut aber auch innerhalb der Gruppe der Landerziehungsheime not. Vor allem wünschte ich mir, dass man nicht nur alte Schriften diskutiert, sondern sich auch heutige Praxis anschaut.

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