Eine Tradition ist nur dann ein glaubwürdiges Vorbild für die Gegenwart, wenn sie ohne einen Makel verstanden werden kann; das Bild der Vergangenheit muss rein sein, wenn man sich auf sie berufen will. Der Streit um die Reformpädagogik seit der Aufdeckung der jahrzehntelangen Praxis sexueller Übergriffe in der Odenwaldschule dreht sich um diese Frage: Wie kann weiterhin vorbildlich sein, was belastet ist mit einem unfassbaren Skandal?

Die Verteidiger der Reformpädagogik fürchten, dass ihre Errungenschaften in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, wenn die Tradition ihren Halt verliert. Verhindert werden soll ein Rückfall in autoritäre Verhältnisse "vor" der Reformpädagogik, die als Feindbild oder Legitimationsrückhalt genutzt werden, ohne genauer sagen zu müssen, worin sie bestanden haben und ob sie nicht ganz ohne Reformpädagogik überwunden wurden, einfach durch den Wandel der Lebensformen. Neue Einstellungen zur Erziehung seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben auch mit dem Erfolg der öffentlichen Bildung zu tun, den die deutsche Reformpädagogik immer bestritten hat.

Aber die erste Frage muss sein, wie die Konstruktion der besonderen Tradition überhaupt zustande gekommen ist, nämlich durch Glorifizierung der zeitgenössischen Akteure und nicht durch Prüfung ihrer Praxis. Genauer: Von der publizistischen Rhetorik aus wurde – und wird – auf die Praxis geschlossen, die unabhängig vom historischen Abstand nach wie vor vorbildlich sein soll. Grundlagen sind die Schriften von Schulgründern, also Selbstdeutungen, hinzu kommen die zeitgenössischen Bewunderer sowie die heutigen Interpreten, die unverzichtbare Errungenschaften vermuten.

Die Schulen, um die es geht, also vor allem die Landerziehungsheime, waren teure Privatschulen, die schon aus diesem Grunde keine Vorbilder sein können. Und fragt man nach ihren "Errungenschaften", dann wird es noch dünner. Das Zusammenleben in Internaten kann kein Modell sein für die öffentliche Schule, spezielle Methoden wie offener Unterricht, Lernen in Projekten oder Individualisierung haben ihren Ursprung nicht in Landerziehungsheimen, und die Formen der Partizipation, die es in diesen Heimen gegeben hat, stammen aus den Vereinigten Staaten. Hier war das Testfeld der Schulreformen. Landerziehungsheime gab es nicht, und die öffentlichen Schulen haben sich selbst entwickelt.

Die Legende der Landerziehungsheime

Hinter der Legende der Landerziehungsheime steht der Gedanke der Rettung durch eine neue Erziehung, den Johann Gottlieb Fichte 1808 in den Reden an die deutsche Nation entwickelt hat. Auf dem Lande und in Internaten, also unbehelligt von den Erwachsenen, sollte eine neue Generation erzogen werden, die die Erneuerung der Gesellschaft besorgen würde. Die Idee des pädagogischen Moratoriums geht auf Rousseau zurück und wird am Ende des 19. Jahrhunderts in der Lebensreformbewegung wieder aufgegriffen. Internate, die wegen des inhärenten "Pennalismus" – Übergriffe der Älteren auf die Jüngeren – stets anrüchig waren, wurden nunmehr zu Rettungsinseln stilisiert.

Wer sich auf die deutsche Reformpädagogik beruft, muss mit solchen missionarischen Tönen rechnen, begleitet von der Stilisierung pädagogischer Größe. Untersucht man dagegen die Praxis von Landerziehungsheimen, so erkennt man fehlbare Gestalten, subtile Herrschaftstechniken, harte innere Konflikte, ständige Wechsel in der Lehrerschaft, Finanznot und Lohndumping, heftige Auseinandersetzungen mit den Eltern und ein höchst unterschiedliches Echo bei den Schülern, man erkennt, kurz gesagt, eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.