Wie eifrig würden die Schweizer spenden, wenn der Aufruf wie folgt formuliert wäre: »Spenden Sie Geld für alle, die es nötig haben, in der Schweiz oder in Europa!« Der Erfolg wäre bescheiden. Wenn man etwas verschenkt, will man wissen, wer es erhält, nicht unbedingt die Person, aber zumindest die Bevölkerungsgruppe. Bei Transplantationen indes ist es üblich, dass nicht der dringendste Fall und nicht der Patient mit den besten Überlebenschancen ein Organ erhält. Dies ist für viele Menschen schwer nachvollziehbar.

Soll also der Spender ein Mitspracherecht haben bei der Zuteilung seiner eigenen Organe? So könnte man auf einer zentralen Datenbank nicht nur die zur Verfügung gestellten Organe registrieren lassen, sondern auch Kategorien für die Zuteilung festlegen, zum Beispiel: A für alle, B für Patienten mit der größten Lebenserwartung, C für Patienten mit der besten Gewebeverträglichkeit.

Wichtig sind für die potenziellen Spender auch die Umstände der Organentnahme: Entsprechen diese der Vorstellung eines würdigen Sterbens? Denn schließlich hat jeder Angst davor, in einem anonymen Akt »ausgeweidet« zu werden. Ein Operationssaal mit piepsender Überwachung und einem Team vermummter Chirurgen ist nicht gerade das, was man sich unter einem würdevollen Sterbeort vorstellt; und immerhin geht es um einen Moment, in dem das Herz noch schlägt und die Lunge beatmet wird. Andererseits lässt sich bei Kerzenlicht und Orgelmusik schlecht operieren. Es müsste vielleicht ein »Stirb-und-werde-Ritual« gefunden werden bei der Entnahme und Übergabe dieser Organe – wer weiß, vielleicht in Anwesenheit des jeweils zuständigen Geistlichen.

Hier liegt auch ein heikler Punkt der sogenannten Widerspruchsregelung: Dabei soll der Spieß umgedreht werden – es gäbe keine Spenderausweise mehr, sondern die Organentnahme wäre grundsätzlich gestattet, es sei denn, ein Mensch halte explizit seinen Widerspruch fest. Nur: Nicht alle Religionen definieren den Todeszeitpunkt mit dem Hirntod, und die Intaktheit des Körpers spielt in einigen Religionen eine wichtige Rolle.

Die Widerspruchslösung stellt die Frage in den Raum, wem der Körper gehört: Staat oder Individuum? Und wenn der Körper besessen werden kann, so wird er zur Sache degradiert, mit der manch einer Handel treiben kann – auch das Individuum, das seinem Tod entgegensieht. In China sollen die Organpreise der Hingerichteten bei 50.000 Dollar liegen. Bei zwei Nieren, zwei Lungenflügeln und einer Leber könnte ein Sterbender in der Schweiz noch ein respektables Einkommen organisieren. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn das Transplantationswesen privatisiert würde: Diese Organbank ginge sicher nicht bankrott.

Angehörige, die nach dem Unfalltod eines lieben Menschen über Organentnahme entscheiden müssen, sind überfordert; ebenso Patienten, auch wenn sie wissen, dass sie bald sterben werden. In ihren Träumen lauern bereits die Chirurgen, die es auf ihre Organe abgesehen haben. Deswegen ist es zwingend, dass man die Entscheidung früh fällt und festhält – nicht auf einem Spenderausweis, den man verlieren kann, sondern in einer zentralen Datenbank. Und um möglichst viele Spender zu gewinnen, dürfen Fehler wie Transplantationen trotz Blutgruppenunverträglichkeit nie mehr vorkommen.

Aber wenn man weiß, was es für einen Menschen heißt, jahrelang auf ein Organ zu warten, wenn man die unglaubliche Freude kennt, die es bedeutet, ein Organ geschenkt zu bekommen, so sollte die Entscheidung eigentlich leicht fallen.

Brida von Castelberg ist Chefärztin an der Frauenklinik des Zürcher Triemli-Spitals