Mit zu den größten Entgleisungen der an Hysterie nicht armen Sarrazin-Debatte gehört die Rede von unserer christlich-jüdischen Tradition, die gegen den Islam in Stellung gebracht wird. Guido Westerwelle beruft sich auf sie (»Unsere kulturelle Wurzel ist die christlich-jüdische Tradition«), Angela Merkel spricht von ihrer »prägenden Kraft«, Horst Seehofer zieht gar »den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen«. Vorangegangen war eine Rede des Bundespräsidenten . Christian Wulff stellte darin die mit kurioser Empörung aufgenommene Behauptung auf, der Islam gehöre inzwischen auch (!) zu Deutschland.

Jenes christlich-jüdische Deutschland, auf das man sich geschichtsvergessen beruft, ist – nur so zur Erinnerung – von antisemitischen Pogromen, von Vertreibungen, von Enteignungen, von der Massenvernichtung geprägt gewesen. Die Aufforderung zu Beginn dieser Sarrazin-Debatte, Integrationsprobleme »tabulos« und »offen« anzusprechen, ist zweifellos beherzigt worden: Teile des politischen Spitzenpersonals schrecken nicht einmal mehr davor zurück, sich beim Judentum in missbräuchlicher Hinsicht, nämlich im Sinne des Kulturkampfes, zu bedienen. Eine tückischere Umarmung lässt sich kaum denken.

Es scheint, als werde dem deutschen Sonderweg vor dem Hintergrund der Integrationsdebatte ein zeitgemäßes Update verpasst. Einst stellte man die deutsche »Kultur« gegen die französische »Zivilisation«. Wo jenseits des Rheins die universale Geltung der Menschenrechte begründet wurde, verharrte man hier im Partikularen, in der Kleinstaaterei samt Landesfürsten und ihrem Gottesgnadentum. Wo andernorts der ach so kalte Buchstabe regierte, berief man sich in Deutschland gern auf die mittelalterliche »Christenheit« und kulturelle Identität.

Statt »Gesellschaft« favorisierte man folgerichtig »Gemeinschaft« (um schließlich zur »Volksgemeinschaft« zu gelangen). Im Diskurs um Integration werden erneut die Bibel und eine »kulturelle Wurzel« statt das Bürgerliche Gesetzbuch geltend gemacht. Gerade so, als solle nicht der aufgeklärte, säkulare, demokratische Westen rechtsstaatlich verteidigt, sondern der Islam kulturnationalistisch deklassiert werden.

Die wohl für die Integration schädlichste Debatte um Zuwanderung, die je in der Bundesrepublik geführt wurde, fällt vielleicht nicht ganz zufällig in eine Zeit, in der die letzten Zeugen des »Dritten Reiches« sterben; wofür auch – das nur nebenbei – die nach einer Schrecksekunde ziemlich unbefangen geführte Diskussion um genetische Vererbung von Dummheit und die These vom »jüdischen Gen« sprechen.

Die Verbrechen des Holocaust galten bislang als negativer Gründungsmythos der Bundesrepublik, Patriotismus sollte maßgeblich Liebe an der Verfassung sein. Man hat sich wieder in guter alter Tradition auf die Suche nach einer »tieferen« Begründung dieser Nation gemacht. Viel Glück dabei!