Samenspende : "Ich will wissen, wer er ist"

Sonja ist 18, als sie erfährt, dass sie mithilfe einer anonymen Samenspende gezeugt wurde. Seitdem quält sie eine einzige Frage: Wer ist der Fremde mit der Nummer 277, ihr leiblicher Vater?

Bis zu jenem Samstagnachmittag im vergangenen Herbst glaubte Sonja*, sich und ihr Leben zu kennen. Sie war 18, geboren und aufgewachsen in Recklinghausen*, eine stille, fleißige Schülerin, die auch an diesem Wochenende wieder an ihrem Schreibtisch saß und für eine Mathearbeit lernte, bei Tee und Schokolade. In der Küche klapperte ihre Mutter mit Geschirr. Ihr Vater war auf einer Fortbildung und würde erst am nächsten Abend wiederkommen. Vor dem Fenster verlor der Ahornbaum, den sie ihre Kindheit über hatte wachsen sehen, die ersten Blätter.

Seit Sonja denken konnte, hatte sich ihr Leben in derselben Stadt, derselben Straße, derselben Wohnung abgespielt. Sonja war, soweit ein Mensch an der Schwelle zum Erwachsenwerden das sein kann, geborgen in der Gegenwart, in ihrer eigenen Geschichte: das einzige, manchmal etwas einsame Kind von Heike und Rolf, einer Näherin und eines Anstreichers. Eine junge Frau, die jetzt als Erste in ihrer Familie dem Abitur entgegenstrebte. Groß geworden in einem Haus, in dem nicht alles harmonisch ablief – aber wo gab es solche Paradiese schon?

Als es zaghaft an der Tür klopfte, blickte Sonja vom Schreibtisch auf und sah in das Gesicht ihrer Mutter, die lachte, um nicht zu weinen, und die sie ins Wohnzimmer bat, wo die Familie so oft gemeinsam Wer wird Millionär? gesehen hatte und wo ihre Mutter sich jetzt seltsam steif auf einen Sessel setzte, ganz nach vorn auf die Kante. Sonja hatte ihre Eltern zuletzt öfter streiten hören. Kurz dachte sie, dass sie sich womöglich scheiden lassen wollten. Da sagte ihre Mutter: "Dein Papa ist nicht dein Papa."

Wie betäubt hörte Sonja eine fremde Geschichte, die fortan ihre eigene sein sollte: Ihr Vater – galt das Wort noch? – sei nicht zeugungsfähig, erzählte ihr die Mutter. Jahrelang hätten sie versucht, ein Kind zu bekommen. Vergeblich. Sie habe sich deshalb mit dem Sperma eines anonymen Spenders befruchten lassen. Nach dem fünften Versuch sei sie endlich schwanger gewesen.

Es war, als berste in diesem Augenblick in der Familie ein Damm des Schweigens, gefolgt von einer Kaskade neuer Wahrheiten, die alles bisher Gültige fortrissen: Der Mann, dem Sonja vom Fenster aus beim Rasenmähen zugesehen hatte, der ihr Zimmer gestrichen hatte und der, als sie noch ein kleines Mädchen war, abends die Kassette im Rekorder umdrehte, bevor sie in den Schlaf glitt – dieser Mann war nicht ihr Vater? Irgendwann, vielleicht vor zwanzig Jahren, vielleicht auch lange Zeit davor, hatte ein Fremder in einer Frauenarztpraxis in einen Becher ejakuliert, sich die Hände gewaschen und war wieder gegangen. Ein Arzt fror sein Sperma ein. An einem Sommertag des Jahres 1990 taute er es wieder auf und spritzte es Sonjas Mutter in die Vagina.

"Das ist doch halb so wild, oder?", fragte die Mutter flehend aus dem Sessel. Die Tochter sagte leise "Ja" und dachte Nein, sofern sie in dem Augenblick überhaupt schon etwas denken konnte.

So erinnert sich Sonja an jenen Nachmittag im September 2009.

Noch jetzt, ein Jahr später, ist Sonjas Verstörung nicht verklungen: Auf den Fotos ihrer Kindheit, die sie mit ihren Eltern vor dem Weihnachtsbaum und im Urlaub zeigen, sieht sie nur noch die Lüge. Vor dem Spiegel befühlt sie ihr Gesicht und tastet nach dem Fremden. "Das ist das Schlimmste: Mich zu betrachten, aber nicht das Gegenstück zu mir zu kennen. Zu Hause niemanden zu finden, der aussieht wie ich. Mein ganzes Gesicht muss von diesem Mann sein." Sie begutachtet ihr Kinn, ihren Mund und ihre Nase, die sie nie mochte, weil sie ihr immer zu breit erschien. Sonja, die nie ein Einzelkind sein wollte, erschrickt bei dem Gedanken, womöglich Halbgeschwister zu haben. Vielleicht in ihrer Stadt. In ihrer Klasse. Sogar die Nasen ihrer Lehrer hat sie nach Ähnlichkeiten abgesucht. Die Mathearbeit hat sie unter Tränen verhauen.

Sonja – klein, braune Haare, grüne Augen – erzählt ihre Geschichte heimlich, verteilt über Tage und in wechselnden Cafés in Recklinghausen. Ihre Eltern wollten immer, dass das Geheimnis ein Geheimnis bleibt. Doch dann hielt ihre Mutter das Schweigen offenbar nicht mehr aus, zu jedem Geburtstag, auf jedem Familienfest, wenn es hin und wieder hieß: "Ganz der Papa…" Die Mutter, glaubt Sonja, habe wohl gedacht: Eine 18-Jährige kann die Wahrheit ertragen – wenn damit die Zeit einer gut gemeinten Maskerade zu Ende geht.

"Außerdem war mein Vater nicht zu Hause", sagt Sonja. 

So erklärt sich die Tochter, warum ihre Mutter plötzlich redete. Aber sie kann nur spekulieren, denn seither versucht die Mutter, das Geheimnis durch Schweigen wieder einzufangen. "Es gab kaum mehr Gespräche zu dem Thema", sagt Sonja. Sie will ihr Leben neu sortieren, sucht nach Hinweisen auf ihre Herkunft. Sonja weiß, die Chance ist winzig, aber sie hofft, dass sich der Spender meldet, wenn er von ihr liest und damit auch von sich: ein Mann, der heute Mitte 40 sein könnte und vermutlich eine breite Nase hat.

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Kommentare

81 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

~ 1130

Diese Reportage aus dem Leben führt fast alles an, was man bereits vor 20 Jahren dazu hätte sagen können. Nur damals waren dies naheliegende Befürchtungen. Kritische Fragen waren zwar erlaubt, jedoch kein Maß für eine Entscheidung. Die Möglichkeit winkte zu dramatisch, für Eltern wie für Geschäftemacher. Wer Bedenken hatte, auch und gerade wegen den Folgen für die so Gezeugten, wurde niedergebuht, als wollte man einem Baby den Schnuller rauben.

Heute diskutiert die Politik wieder über PID, aber immer noch auf der - wie ich stets betone - unbearbeiteten Basis der IVF. Wie kann man eine "moralische" Entscheidung erwarten, wenn die Ausgangssituation für die Handlung selbst keinerlei Moraldebatte unterlag?

Faszinierend für mich ist der ambivalente Umgang mit den Genen. Manchmal gar im selben Satz werden die Erbinformationen als wesentlicher Grund dafür, gleichzeitig zur Verharmlosung möglicher Bedenken genutzt. Der Mensch erweist sich hier als noch immer vor allem ein biologisches Tier. So, wie man kleinen Kindern, die zur Brandstiftung neigen, nicht einfach eine Schachtel Streichhölzer in die Hand gibt, hätte man auch IVF, PID, heterologische Insemination, etc. begutachten müssen. Aber das selbe Tier war zu gierig.

Nicht missverstehen! Das ist keine Rede gegen die Möglichkeiten der Technik, wohl aber eine gegen ihre Benutzung ohne Vernunft.

Eine logische Frage dazu:

Wie verhindert man, dass auf diese Art gezeugte Kinder unwissentlich mit dem in Deutschland immer noch geltenden und strafbewehrten Inzestverbot in Konflikt geraten?

Wäre der Gesetzgeber nicht verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Menschen nicht unwillentlich und unwissentlich mit dem Gesetz in so ernsthafte Konflikte geraten, dass ihnen sogar eine Gefängnisstrafe drohen kann?

Rechtsgrundsätze

Irrtum über Tatumstände können eine Straffreiheit begründen.
StGB §16 (1) Wer bei Begehung der Tat einen Umstand nicht kennt, der zum gesetzlichen Tatbestand gehört, handelt nicht vorsätzlich. [...]
Es wäre also schlicht nicht strafbar.

Zur moralischen Dimension: So viel anders wie als Kleinkind adoptiert worden zu sein, ist die Situation auch nicht. Man weiß genau so wenig, wer die Eltern bzw. in dem Fall nur der Vater ist und muss mit diesem Umstand klar kommen.
Der einzige Unterschied dürfte sein, dass es sich um eine bewusste Entscheidung der Mutter (und des "sozialen Vaters") handelt, auf diese Weise ein Kind zu zeugen. Wie bedeutend dieser Unterschied ist, kann ich allerdings nicht einschätzen.

Adoption

Nicht bei jeder Adoption sind die Eltern bekannt. Es gibt ja die Möglichkeit der annonymen Geburt (Babyklappe).
Dass die Situation nicht so sehr anders ist, als eine solche Adoption, heißt noch nicht, dass das richtig ist. Ich finde vor diesem Hintergrund die Entscheidung der Eltern nicht unbedingt verwerflich, beim Arzt und den Spendern habe ich schon bedenken.
Annonyme Geburten sind ja möglich, um Abtreibungen und Kindestötungen zu vermeiden. Diese Rechtfertigung gibt es bei Samenspenden so nicht. Dass diese Ärzte an der Rechtsprechung des Verfassungsgerichts vorbei operieren, ist auch skandalös. Es wäre Aufgabe des Staates die Rechte, die sich aus der Menschenwürde ergeben, durchzusetzen. Wenn die entsprechenden Unterlagen nicht mehr existieren wenigstens für die Zukunft.

Ich finde das ist ein wichtiger Punkt.

Ich habe keine klare Meinung zu der ganzen Problematik und finde es sehr schwierig ein Urteil zu fällen. Letztlich wohl doch eine Sache des Bauchgefühls. Aber den Umstand das eine Tochter ihren 'wahren' Vater sucht, würde ich nicht unbedingt als Argument anführen. Dass sie in ihrem biologischen Vater eine derart wichtige Quelle ihrer Identität sieht, liegt sicher vor allem auch an der kulturellen Aufladung eines 'klassischen' Familienbildes in unseren Kulturkreisen in denen das Vorhandensein der biologischen Eltern als Erzieher als selbstverständlich gilt, obwohl es das in der Praxis aber viel seltener ist.

Unsinn

der Gesetzgeber geht davon aus, so hat er es auch begründet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Inzest- Begegnung gegen Null geht. Und wenn es unwissentlich geschieht ist es auch nicht strafbar! Zumal bei weitem nicht jede Inzest- Geburt mit erblichen Schäden zu rechnen hat, sondern nur wenn die Familie sowieso schon vorbelastet war. So in Grob, das ist ein weites Feld...! Daher ist das Inzestverbot sowieso unsinn, wie es in vielen Ländern ja auch nicht mehr besteht.

@18 Unsinn? Dann lesen Sie mal hier:

"http://www.focus.de/panor...":

Zitat:
"Der Kläger Patrick S. saß wegen der Beziehung zu seiner Schwester bereits zwei Jahre im Gefängnis und muss nun wegen der Geburt der jüngsten Tochter vermutlich eine weitere, zweieinhalbjährige Haftstrafe antreten. Der 1976 geborene Mann und seine acht Jahre jüngere Schwester waren getrennt aufgewachsen und hatten sich erst im Jahr 2000 kennen gelernt. Von den vier Kindern des Paars aus dem sächsischen Zwenkau sind zwei behindert."

Ein fast klassisches Beispiel:
und die deutsche Justiz ist sich nicht zu schade, Menschen fertigzumachen, die sowieso kein leichtes Schicksal haben.

blinde_Aktion schrieb:
" Unsinn / der Gesetzgeber geht davon aus, so hat er es auch begründet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Inzest- Begegnung gegen Null geht. Und wenn es unwissentlich geschieht ist es auch nicht strafbar! Zumal bei weitem nicht jede Inzest- Geburt mit erblichen Schäden zu rechnen hat, sondern nur wenn die Familie sowieso schon vorbelastet war."

So sind sie halt die Guten - unser Gesetzgeber, unsere Justiz.
Aber verantwortlich handeln sieht anders aus.