Bis zu jenem Samstagnachmittag im vergangenen Herbst glaubte Sonja*, sich und ihr Leben zu kennen. Sie war 18, geboren und aufgewachsen in Recklinghausen*, eine stille, fleißige Schülerin, die auch an diesem Wochenende wieder an ihrem Schreibtisch saß und für eine Mathearbeit lernte, bei Tee und Schokolade. In der Küche klapperte ihre Mutter mit Geschirr. Ihr Vater war auf einer Fortbildung und würde erst am nächsten Abend wiederkommen. Vor dem Fenster verlor der Ahornbaum, den sie ihre Kindheit über hatte wachsen sehen, die ersten Blätter.

Seit Sonja denken konnte, hatte sich ihr Leben in derselben Stadt, derselben Straße, derselben Wohnung abgespielt. Sonja war, soweit ein Mensch an der Schwelle zum Erwachsenwerden das sein kann, geborgen in der Gegenwart, in ihrer eigenen Geschichte: das einzige, manchmal etwas einsame Kind von Heike und Rolf, einer Näherin und eines Anstreichers. Eine junge Frau, die jetzt als Erste in ihrer Familie dem Abitur entgegenstrebte. Groß geworden in einem Haus, in dem nicht alles harmonisch ablief – aber wo gab es solche Paradiese schon?

Als es zaghaft an der Tür klopfte, blickte Sonja vom Schreibtisch auf und sah in das Gesicht ihrer Mutter, die lachte, um nicht zu weinen, und die sie ins Wohnzimmer bat, wo die Familie so oft gemeinsam Wer wird Millionär? gesehen hatte und wo ihre Mutter sich jetzt seltsam steif auf einen Sessel setzte, ganz nach vorn auf die Kante. Sonja hatte ihre Eltern zuletzt öfter streiten hören. Kurz dachte sie, dass sie sich womöglich scheiden lassen wollten. Da sagte ihre Mutter: "Dein Papa ist nicht dein Papa."

Wie betäubt hörte Sonja eine fremde Geschichte, die fortan ihre eigene sein sollte: Ihr Vater – galt das Wort noch? – sei nicht zeugungsfähig, erzählte ihr die Mutter. Jahrelang hätten sie versucht, ein Kind zu bekommen. Vergeblich. Sie habe sich deshalb mit dem Sperma eines anonymen Spenders befruchten lassen. Nach dem fünften Versuch sei sie endlich schwanger gewesen.

Es war, als berste in diesem Augenblick in der Familie ein Damm des Schweigens, gefolgt von einer Kaskade neuer Wahrheiten, die alles bisher Gültige fortrissen: Der Mann, dem Sonja vom Fenster aus beim Rasenmähen zugesehen hatte, der ihr Zimmer gestrichen hatte und der, als sie noch ein kleines Mädchen war, abends die Kassette im Rekorder umdrehte, bevor sie in den Schlaf glitt – dieser Mann war nicht ihr Vater? Irgendwann, vielleicht vor zwanzig Jahren, vielleicht auch lange Zeit davor, hatte ein Fremder in einer Frauenarztpraxis in einen Becher ejakuliert, sich die Hände gewaschen und war wieder gegangen. Ein Arzt fror sein Sperma ein. An einem Sommertag des Jahres 1990 taute er es wieder auf und spritzte es Sonjas Mutter in die Vagina.

"Das ist doch halb so wild, oder?", fragte die Mutter flehend aus dem Sessel. Die Tochter sagte leise "Ja" und dachte Nein, sofern sie in dem Augenblick überhaupt schon etwas denken konnte.

So erinnert sich Sonja an jenen Nachmittag im September 2009.

Noch jetzt, ein Jahr später, ist Sonjas Verstörung nicht verklungen: Auf den Fotos ihrer Kindheit, die sie mit ihren Eltern vor dem Weihnachtsbaum und im Urlaub zeigen, sieht sie nur noch die Lüge. Vor dem Spiegel befühlt sie ihr Gesicht und tastet nach dem Fremden. "Das ist das Schlimmste: Mich zu betrachten, aber nicht das Gegenstück zu mir zu kennen. Zu Hause niemanden zu finden, der aussieht wie ich. Mein ganzes Gesicht muss von diesem Mann sein." Sie begutachtet ihr Kinn, ihren Mund und ihre Nase, die sie nie mochte, weil sie ihr immer zu breit erschien. Sonja, die nie ein Einzelkind sein wollte, erschrickt bei dem Gedanken, womöglich Halbgeschwister zu haben. Vielleicht in ihrer Stadt. In ihrer Klasse. Sogar die Nasen ihrer Lehrer hat sie nach Ähnlichkeiten abgesucht. Die Mathearbeit hat sie unter Tränen verhauen.

Sonja – klein, braune Haare, grüne Augen – erzählt ihre Geschichte heimlich, verteilt über Tage und in wechselnden Cafés in Recklinghausen. Ihre Eltern wollten immer, dass das Geheimnis ein Geheimnis bleibt. Doch dann hielt ihre Mutter das Schweigen offenbar nicht mehr aus, zu jedem Geburtstag, auf jedem Familienfest, wenn es hin und wieder hieß: "Ganz der Papa…" Die Mutter, glaubt Sonja, habe wohl gedacht: Eine 18-Jährige kann die Wahrheit ertragen – wenn damit die Zeit einer gut gemeinten Maskerade zu Ende geht.

"Außerdem war mein Vater nicht zu Hause", sagt Sonja. 

So erklärt sich die Tochter, warum ihre Mutter plötzlich redete. Aber sie kann nur spekulieren, denn seither versucht die Mutter, das Geheimnis durch Schweigen wieder einzufangen. "Es gab kaum mehr Gespräche zu dem Thema", sagt Sonja. Sie will ihr Leben neu sortieren, sucht nach Hinweisen auf ihre Herkunft. Sonja weiß, die Chance ist winzig, aber sie hofft, dass sich der Spender meldet, wenn er von ihr liest und damit auch von sich: ein Mann, der heute Mitte 40 sein könnte und vermutlich eine breite Nase hat.