Leiharbeiter Für ein paar Euro weniger
Festangestellte feuern und als Leiharbeiter wieder einstellen: Bald soll das legal sein.
© Martin Rose/Getty Images

Auch im Airbus-Werk in Hamburg geht nichts ohne Leiharbeiter
Die Nachricht traf den jungen Mann wie ein Hieb. Als der Vorstand des Walzenherstellers Hamm aus der Oberpfalz im April 2009 vor die Belegschaft trat, bedeutete das für den Facharbeiter und gut 200 andere der 680 Beschäftigten das Aus. Nichts zählte mehr: weder die über 100 Jahre lange Unternehmenstradition noch die zweitbeste Position auf dem Weltmarkt noch die bis dahin zweistelligen Wachstumsraten. Im ersten Quartal, hieß es, sei der Umsatz um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Heute läuft das Geschäft wieder. Der Aufschwung kam schneller als erwartet. Die meisten der gestrichenen Stellen sind wieder besetzt. Auch der junge Mann, der nicht namentlich genannt werden will, ist zurück im Betrieb. Im selben Job. Doch die Sache hat einen Haken: Er arbeitet jetzt als Leiharbeiter – und verdient mehrere hundert Euro weniger als zuvor.
Das Schema ist spätestens seit dem Skandal um Schlecker bekannt. Die Drogeriemarktkette hatte fest angestellte Mitarbeiterinnen entlassen, um sie über die Drehtür der Leiharbeit zu schlechteren Konditionen wieder in die Läden zu holen. Der öffentliche Protest veranlasste Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen sogar zu einer »Lex Schlecker«. Das »Gesetz zur Verhinderung von Missbrauch der Arbeitnehmerüberlassung« soll am 27. Oktober im Kabinett beraten werden. Kritiker monieren allerdings, die Zeitarbeitsverbände hätten sich mit ein paar Zugeständnissen einen Freibrief der Ministerin erkauft.
So fehlt in dem Entwurf beispielsweise jeder Hinweis auf das von Gewerkschaften in seltenem Einklang mit der FDP geforderte Prinzip »Equal Pay«. Dieses Prinzip bedeutet, dass Zeitarbeitnehmer grundsätzlich für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn wie die Stammbelegschaft erhalten. Der Gesetzentwurf sieht hingegen vor, dass lediglich zuvor entlassene Mitarbeiter gleichgestellt werden, und das auch nur, wenn sie binnen sechs Monaten nach ihrer Kündigung über den Umweg der Leiharbeit wieder in den Betrieb zurückkehren. Die Ausgliederung wird damit ausdrücklich erlaubt. »Galt das bisher als Missbrauch, wird es nun zum gesetzlich geregelten Normalfall«, schimpft Berthold Huber, Chef der IG Metall: »Dieser Gesetzentwurf ist eine Zumutung.«
Der Walzenhersteller Hamm aus Tirschenreuth würde sich auch nach den neuen Bedingungen ganz legal verhalten. Er ist kein Einzelfall. Das Beispiel aus der bayerischen Grenzregion illustriert lediglich einen Trend: Zeitarbeit oder Leiharbeit – die Wortwahl hängt in der Wirtschaft meist davon ab, ob man ihr positiv oder negativ gegenübersteht – boomt in Deutschland. Binnen weniger Monate wurde sogar jene Rekordzahl übertroffen, die man bei den Branchenverbänden vor der Krise verzeichnete: Rund 830.000 Menschen werden derzeit nach Angaben der Zeitarbeitsverbände im Rahmen des Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes von Unternehmen wie Manpower, Randstad, Adecco & Co zu Firmen geschickt. Die können das eigene Risiko klein halten und erst einmal abwarten, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt.
Allein bei Airbus in Hamburg arbeiten 3500 Leiharbeiter
Volker Enkerts, Präsident des Bundesverbands Zeitarbeit (BZA), nimmt dies als Beweis dafür, dass Zeitarbeit »eine tragende Säule des Aufschwungs« sei. Auch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will mit ihrem Gesetz die »positive Wirkung der Arbeitnehmerüberlassung auf die Beschäftigung auch in Zukunft« fördern. Andere geißeln solche Jobs hingegen als prekäre Arbeitsverhältnisse – und miese Tour der Arbeitgeber, sich aus Tarifverträgen und dem Kündigungsschutz herauszukaufen.
»Leiharbeiter werden nicht mehr allein in die Betriebe geholt, um einzelne Auftragsspitzen abzuarbeiten, um saisonal bedingte Anstiege des Kundenvolumens abzudecken, oder um auf besondere Belastungen reagieren zu können«, konstatiert Klaus Dörre, Soziologe an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. »Stattdessen finden sich immer mehr Unternehmen, in denen Leiharbeiter dauerhaft und vor allem in großer Zahl eingesetzt werden. Sie bilden eine ›Quasi-Stammbelegschaft‹, die in der Regel die gleichen Arbeiten wie die fest angestellten Stammbeschäftigten verrichtet.«
In ihren Reihen sind so namhafte Unternehmen wie der europäische Flugzeugbauer Airbus. Der Chef des Mutterkonzerns EADS, Louis Gallois, hat gerade die Prognose eines Vorsteuergewinns von einer Milliarde Euro für 2010 bestätigt und steigende Profite für die nächsten Jahre angekündigt. Bei jeder Luftfahrtschau triumphiert Airbus mit Auftragsrekorden über den US-Konkurrenten Boeing. Dennoch kommen derzeit rund 4500 der etwa 16.000 Mitarbeiter an den deutschen Standorten von Zeitarbeitsunternehmen – davon allein 3500 in Hamburg. Voriges Jahr waren es noch insgesamt 6500. Vor allem, um den jahrelangen Zeitverzug in der Produktion des Riesen-Airbus A380 einzudämmen, wurde händeringend nach Leiharbeitern gesucht.
- Datum 15.10.2010 - 17:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 14.10.2010 Nr. 42
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Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie auch nur irgendwer gutheißen kann, dass für die gleiche Leistung nicht auch das gleiche bezahlt wird. Das ist eine so offensichtliche, ja, himmelschreiende Ungerechtigkeit, für die es wirklich überhaupt keine Argumente gibt. Denn dass man damit Arbeitsplätze sichert, die sonst eben ganz wegfallen würden, ist nur ein Scheinargument für mittelfristiges Lohndumping. Denn die Alternative könnte ja auch einfach sein, dass eine solidarische Gesamtbelegschaft im Krisenfall einen kurzfristigen Lohnverzicht beschließt, in der nächsten Boomphase dafür aber entschädigt wird.
Geschäfte machen kann.
Der eintretende Effekt ist doch ein doppelter:
Zunächst spart man mit dem Leiharbeiter direkt Geld bzw. sich etwaige Kosten für Abfindungen oder Sozialpläne und damit auch eine entsprechende negative Berichterstattung in den (lokalen) Medien. Wenn ein Stellenabbau nur "Leiharbeiter" betrifft, wird dies heutzutage als völlig normaler Vorgang aufgefasst, eine (gar massiver) Abbau von Stammbelegschaft aber als negativ goutiert.
Allerdings ist der unmittelbare Spareffekt gar nicht so groß. Das Verleihunternehmen muss ja mit seiner "Leihgebühr" ja nicht nur das an den Leiharbeitnehmer gezahlte Entgelt einschl. Arbeitgeberanteile hereinbekommen. Es muss auch die eigene Verwaltung, Marketing und - nicht zu vergessen - der eigene "Gewinn" verdient werden, zumal - wenngleich aufgrund zumeist kurzer Kündigungsfristen beherrschbar - auch das Risiko besteht, den eigenen Leiharbeitnehmer "nicht platzieren", d.h. nicht verleihen zu können, ihn aber dennoch bezahlen zu müssen.
Der weit wichtigere Effekt ist doch der, dass man damit auch die eigene Belegschaft und die Gewerkschaft massiv unter Druck setzen und damit "zahm" machen kann. Die immer wieder festgestellten geringen realen Lohnsteigerungen in D in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten hängen u.a. auch damit zusammen. Warum konnten keine Lohnsteigerungen durchgesetzt werden. Die AG-Seite drohte mit Verlagerung oder Leiharbeit. Die FDP findet so etwas gut. Deshalb will sie am System nichts ändern.
CHILLY
Geschäfte machen kann.
Der eintretende Effekt ist doch ein doppelter:
Zunächst spart man mit dem Leiharbeiter direkt Geld bzw. sich etwaige Kosten für Abfindungen oder Sozialpläne und damit auch eine entsprechende negative Berichterstattung in den (lokalen) Medien. Wenn ein Stellenabbau nur "Leiharbeiter" betrifft, wird dies heutzutage als völlig normaler Vorgang aufgefasst, eine (gar massiver) Abbau von Stammbelegschaft aber als negativ goutiert.
Allerdings ist der unmittelbare Spareffekt gar nicht so groß. Das Verleihunternehmen muss ja mit seiner "Leihgebühr" ja nicht nur das an den Leiharbeitnehmer gezahlte Entgelt einschl. Arbeitgeberanteile hereinbekommen. Es muss auch die eigene Verwaltung, Marketing und - nicht zu vergessen - der eigene "Gewinn" verdient werden, zumal - wenngleich aufgrund zumeist kurzer Kündigungsfristen beherrschbar - auch das Risiko besteht, den eigenen Leiharbeitnehmer "nicht platzieren", d.h. nicht verleihen zu können, ihn aber dennoch bezahlen zu müssen.
Der weit wichtigere Effekt ist doch der, dass man damit auch die eigene Belegschaft und die Gewerkschaft massiv unter Druck setzen und damit "zahm" machen kann. Die immer wieder festgestellten geringen realen Lohnsteigerungen in D in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten hängen u.a. auch damit zusammen. Warum konnten keine Lohnsteigerungen durchgesetzt werden. Die AG-Seite drohte mit Verlagerung oder Leiharbeit. Die FDP findet so etwas gut. Deshalb will sie am System nichts ändern.
CHILLY
Warum? Siehe Artikel. Darum!
Die Tarifhoheit, die heilige Kuh der Gewerkschaften, sollte man nicht per Gesetz unterlaufen. Es ist und bleibt Aufgabe der Gewerkschaften die Gleichbehandlung von Stamm- und Leiharbeitern durchzusetzen. In der Stahlbranche hat das ja funktioniert, bei Airbus wohl auch. Oder haben sie keine Lust sich anzustrengen, die Gewerkschaften verpassen eine Chance ihre eigene Wichtigkeit zu beweisen. Wahlkampfrhetorik ist da fehl am Platz, Aktion ist angesagt.
Und der Tarifabschluss in der Stahlbranche zeigt ja wohl eines ganz deutlich, es geht bei Zeitarbeit nicht nur ums Geld sparen, es geht um Flexibilität.
... unterlaufen.
Das Volk läuft nämlich Gefahr, da stehenzubleiben, wo die Kuh nicht Milch, sondern anderen Segen sprendet. Und das ist bei dieser Volkert-Truppe ja schon fast garantiert.
Wie schön aber für die SPD! Das wird sie auf ihrem Weg zur Erweiterung des Niedriglohn-Segments voranbringen!
"»Galt das bisher als Missbrauch, wird es nun zum gesetzlich geregelten Normalfall«, schimpft Berthold Huber, Chef der IG Metall: »Dieser Gesetzentwurf ist eine Zumutung.«
Nein Huber, das ist keine 'Zumutung', das ist eine Kampfansage.
... unterlaufen.
Das Volk läuft nämlich Gefahr, da stehenzubleiben, wo die Kuh nicht Milch, sondern anderen Segen sprendet. Und das ist bei dieser Volkert-Truppe ja schon fast garantiert.
Wie schön aber für die SPD! Das wird sie auf ihrem Weg zur Erweiterung des Niedriglohn-Segments voranbringen!
"»Galt das bisher als Missbrauch, wird es nun zum gesetzlich geregelten Normalfall«, schimpft Berthold Huber, Chef der IG Metall: »Dieser Gesetzentwurf ist eine Zumutung.«
Nein Huber, das ist keine 'Zumutung', das ist eine Kampfansage.
... die ermattetet Demokratie.
hat auf die Herausforderungen der Globalisierung derart klar geantwortet wie die Bundesrepublik: nicht nur dass die Verlagerung der Produktion in die Billiglohn-Länder des Fernen Ostens munter foranschreitet, sondern auch zuhause werden die Instrumente des Arbeitsrechts ausgehöhlt, und Löhne dermaßen nach unten gedrückt, dass halb Europa bereits seit Jahren ob solcher Konkurenz vor Wut schäumt. Interessant dabei: die Gewerkschaft macht mit.
Wir werden nichts Erleben!
es auch nicht.
Weil er in Deutschland verboten ist.
Aus den Erfahrungen von Weimar, wiedermal.
es auch nicht.
Weil er in Deutschland verboten ist.
Aus den Erfahrungen von Weimar, wiedermal.
Die Strategie, die die Einflüsterer und auch die 'Spender' der Schwarz-Gel(d)-ben Koalition verfolgen ist ganz einfach: sie wollen die Tarifautonimie aushebeln. Wenn es zu einem Tarifkonlikt in der Zeitarbeitsbrachne und dort zu Streiks kommt, werden den betroffenen Zeitarbeitsfirmen eben wegen 'Vertragsbruch' die bestehenden Verträge fristlos gekündigt. Dann stehen eben alle auf der Straße - schließlich kann man sich ja ganz schnell dann 'willige und billige' 'ausländische Fachkräfte' holen. Das ist dann 'alternativlos'.
Gibt es dann schwere innergesellschaftliche Konflikte begreint und bejammert man lautstark den 'kriminellen Ausländer' (Roland Koch, Horst Seehofer), beklagt 'kommunistische Verschwörungen' (wie es Peter Hauck, CDU, im Fall Stuttgart-21 tat) - oder bejammert allgemein die Faulheit und Verdorbenheit des Deutschen Volkes, das nicht mehr 'zukunftsfähig' sei. Es sind die Schlagworte einer gekauften Regierung, die Politik gegen Bares macht.
... unterlaufen.
Das Volk läuft nämlich Gefahr, da stehenzubleiben, wo die Kuh nicht Milch, sondern anderen Segen sprendet. Und das ist bei dieser Volkert-Truppe ja schon fast garantiert.
Wie schön aber für die SPD! Das wird sie auf ihrem Weg zur Erweiterung des Niedriglohn-Segments voranbringen!
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