Wie oft wurde der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vorgeworfen, es fehle ihr an Dringlichkeit. Nicht immer war der Vorwurf unbegründet. Selten aber war er so verfehlt wie heute, gut zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. Das postideologische Vakuum, das nach dem Ende der alten Weltordnung zu einer gewissen Lähmung geführt zu haben schien, ist einer kraftvollen und hochinteressanten Zeitdiagnostik gewichen. Längst erfüllt die Literatur ihre genuine Aufgabe, Seismograf zu sein. Sie liefert Bilder, die über den Moment hinaus bestehen und die mehr wagen, auch mehr wagen müssen, als der klügste Leitartikel; Bilder, die ins Herz der unbekannten Gesellschaft treffen, in der wir leben.

Die Rede ist keineswegs von einem neu erwachten Engagement der Literatur oder ihrer plumpen Repolitisierung. Die Rede ist von ernsthaften, sarkastischen, skeptischen, schwärmerischen, heiteren Zeitbildern, von poetischen Entwürfen komplexer Situationen und Szenerien. Man muss allerdings bereit sein, als Leser (und als Kritiker) selbst zum Deuter zu werden, muss einen Schritt zurücktreten, um den Interpretationsangeboten zwischen den Zeilen auf die Schliche zu kommen. Dann wird man merken, dass nicht nur "etwas" erzählt wird, sondern dass erzählend gedacht wird; dann erspürt man die übergeordneten Prägungen, die Implikationen "hinter" den Tableaux der äußeren Handlung.

Ein extrem wagemutiges Beispiel einer solchen Zeitdiagnostik hat Lutz Seiler mit der Titelerzählung seines viel gelobten Bandes Die Zeitwaage (Suhrkamp 2009) geliefert. Angesiedelt ist die Erzählung in jener merkwürdigen Übergangszeit Ost-Berlins zwischen der Öffnung der Grenze und der endgültigen staatlichen Vereinigung beider Deutschlands. Der Erzähler, ebenfalls in einem rite de passage befindlich – vom Maurer zum Schriftsteller –, lernt in einer Kneipe, wo er als Kellner jobbt, einen Arbeiter kennen; nicht irgendeinen Arbeiter, sondern den Arbeiter schlechthin. Der Mann gehört einer Brigade an, die in der Nähe der Kneipe die Straßenbahn-Oberleitung repariert. Täglich kommt er vorbei, nimmt ein Frühstück mit Weinbrand zu sich und legt dabei seine schöne Uhr ab, die golden im Aschenbecher schimmert, das melancholische Stillleben einer verlorenen Zeit.

Später erfährt man, dass der Frühstücksgast niemals zahlt, doch der Erzähler beklagt sich nicht. Für ihn ist der Arbeiter mit dem kräftigen Griff eine Jesusfigur und er selbst so etwas wie sein Jünger. Den Gastraum durchquert der Arbeiter, "als ginge er über Wasser". "Alles, was er tat, trug die Zeichen jener Gravität, wie ich sie, das konnte ich eingestehen, selbst nie erreicht hatte. Nie hatte ich Eingang gefunden in den inneren Kreis der Arbeiterschaft, ihre heilige Sphäre." Unheimlich dann die Formulierung, in einem "überalterten Kabel" ströme "ein Höchstmaß an Gnade". Man ahnt, dass der Arbeiter sterben muss; der furchtbare Unfall ist unvermeidlich. Die ideologisch missbrauchte Ikone, der Arbeiter, wird nicht buchstäblich, aber doch symbolisch ans Kreuz geschlagen. Das ist eine denkbar traurige, verschlüsselte, überladene Form, den real existierenden Sozialismus zu verabschieden. Man wird künftig am Hackeschen Markt, denn dort stirbt dieser Arbeiter-Jesus, nicht mehr vorbeigehen, ohne an Seilers geheimnisvolle Geschichtsparabel denken zu müssen.

Der großen Rätselfrage, wie Gegenwart und Vergangenheit ineinandergreifen, muss sich die Literatur stellen, und wie man sieht, ist sie dabei alles andere als zaghaft. Das Verhältnis von Schicksal und Charakter, von System und Subjekt, bleibt kompliziert über das Ende des geteilten Staates hinaus. Dass die jüngeren Schriftsteller nicht mehr die ideologischen Gräben der Eltern- und Großelterngeneration überbrücken müssen, dass sie längst in "einem" Land leben und ihre Alltagserfahrungen sich überschneiden, ist evident. Doch heißt das nicht, dass die Gespenster der Vergangenheit nicht dennoch ihr Unwesen treiben.

Der Sachse Clemens Meyer, geboren 1977, ist vierzehn Jahre jünger als der Thüringer Lutz Seiler. Auch bei Meyer wirft die Vorgeschichte ihre Schatten und ihr Schimmern auf die Gegenwart, aber das Schimmern ist stumpf geworden. Schon in seinem Debüt Als wir träumten hat Meyer gezeigt, wie wenig der untergegangene Staat ihm bedeutet. Unlängst erschien Meyers Tagebuch Gewalten (S. Fischer 2010); darin findet sich die Schlusserzählung mit dem traditionsreichen Titel Draußen vor der Tür, die uns wieder nach Leipzig-Ost führt, in eine warme Nacht. Herr und Hund gehen kurz vor die Tür; der Hund ist alt und krank. Als sie zurückkommen, ist die Wohnungstür zugeschlagen, der Schlüssel liegt drinnen, das Tier kann sich kaum auf den Beinen halten, es bleibt dem Erzähler nichts anderes übrig, als bei sich selbst einzubrechen. Das ist die Ausgangslage, aus der sich in klaren, schönen Assoziationsbögen das detaillierte Porträt des Hauses und seiner tristen Bewohner entwickelt, dann des Stadtteils und der Familie des Erzählers.

Niemand wird geheiligt bei Meyer, kein Arbeiter und keine zuschanden gerittene Utopie. Doch am Ende wird auch hier getrauert, um den treusten Gefährten, den eingeschläferten Hund: "Kurz bäumt er sich auf, öffnet den Mund, ich lege meine Hand hinein, will, dass er mich wittert in seinen letzten Sekunden. Und er wird ruhig, ich kann den Moment spüren, seine Zähne berühren meine Haut. Er ist weg."

 

Einer wie Uwe Tellkamp (Der Turm) hat aus der DDR noch den Furor der Ablehnung gezaubert; seine Zeitbilder sind getragen vom revolutionären Pathos einer Geschichtsgewalt, die bis in die Gegenwart abstrahlt. Clemens Meyer geht den anderen Weg. Die Reflexe der "Zonenzeit", so nennt er das, kommen nur noch als Worthülse und Groteske vor, als trauriger Witz. Das Kollektiv mit seinen falschen Tönen hat Meyer abgeschüttelt; dem Menschen als einsamem Kämpfer gilt seine Empathie, eine "amerikanische" Erzählhaltung, angewandt auf neudeutsche Zustände.

Als die Rumäniendeutsche Herta Müller den Literaturnobelpreis bekam, wurde schlagartig klar, wie weit die deutsche Gegenwartsliteratur nach Osten ausgreift; mental, geografisch, historisch. Herta Müllers Deutsch konserviert die Melodien des untergegangenen k.u.k.-Reichs und führt Metaphern wie "Atemschaukel" oder "Hungerengel" in die deutsche Literaturlandschaft ein; Metaphern, die, als Zeitbilder begriffen, wie schützende Kapseln wirken gegen die Erfahrungen von Verfolgung und Bedrohung im Kommunismus. Zugleich hat aber auch die alte Bundesrepublik zu existieren aufgehört, und es spricht einiges dafür, dass die Deutungen dessen, was der deutsche Westen war – oder gewesen sein könnte –, gerade erst richtig Fahrt aufnehmen.

Man erinnert sich noch des Gemeckers einiger Neubundesbürger nach 1989, die sich vom plötzlichen "Überfluss" des Warenangebots "überfordert" wähnten; während ein Jahrzehnt später eine Handvoll Upperclass-Burschen aus dem Westen sich anheischig machte, Luxusmarkenfetischismus als ästhetische Avantgarde zu verkaufen. Wer sich der Warenwelt literarisch nähert, betritt vermintes Terrain. Die Spanne ist weit zwischen vulgärmarxistischen Beharrungskräften und der selbst verordneten Sorglosigkeit der Popkultur. Wenn David Wagner, geboren Anfang der liberalen siebziger Jahre und aufgewachsen im Rheinland, heute einen Roman schreibt, in dem nichts anderes "passiert", als dass der Erzähler einen Berliner Supermarkt betritt, einkauft und den Supermarkt wieder verlässt, dann ist das per se ein Statement: nämlich ein Understatement.

Gleich in der ersten Zeile seines jüngsten Romans Vier Äpfel (Rowohlt 2009) gibt Wagner sich als Proust-Leser zu erkennen ("Lange bin ich gar nicht gern in den Supermarkt gegangen"), um sofort die Tonlage zu wechseln: "Heute aber trete ich durch die leise zur Seite gleitende Schiebetür und sehe gleich den Rücken meiner Lieblingskassiererin an der Kasse links, ich erkenne sie an ihrem langen, blonden, gewellten Haar." Dieser Autor ist kein Yuppie, dem das Justemilieu empörte Blicke zuwerfen könnte. Keine konservative Koketterie ist da zu entdecken, kein ästhetischer Hochmut, sondern eine radikal entspannte, ironisch durchgefärbte Melancholie.

Angesichts der in Plastik eingeschweißten Lebensmittel denkt der Erzähler der Vier Äpfel unwillkürlich an die "halb verrosteten Waagen" der Händler auf dem Markt seiner Kindheit, die ersetzt wurden durch elektronische; oder er erinnert sich der Obstfelder, "die in Sichtweite unseres Atomkraftwerks lagen", das seinerseits gesichert war "wie die innerdeutsche Grenze". Nicht dass dieser Anti-Antikapitalismus kritiklos wäre. Doch vermeidet Wagner alles, was nach Weltanschauung klingen könnte. Er schafft es, die Ware – nicht zu verwechseln mit der "Marke" – für die Literatur zu rehabilitieren. Die Ware ist weder gut noch schlecht, sondern vielsagend. So vielsagend, dass im Anti-Idyll des Supermarkts eine Versöhnung erfolgt von verlorener und wiedergefundener Zeit.

Ein Autor, der es aufnimmt gerade mit den Weltanschauungsresten seiner Generation, mit der Kritik an "den Verhältnissen" bis hin zu ihrer Pervertierung im Terrorismus, ist Ulrich Peltzer. Geboren 1956 in Krefeld, nimmt Peltzer zurzeit eine Ausnahmeposition ein – denn was er wagt, wagen wenige: politische Theorie und Praxis buchstäblich auf den Ruinen der deutschen Vergangenheit zu errichten.

Eine Allegorie öffentlicher Videoüberwachung eröffnet Peltzers Roman Teil der Lösung (Ammann Verlag 2007). Wir befinden uns am touristischen Knotenpunkt des Potsdamer Platzes, im Sony Center, genauer: in jenem fensterlosen Raum, in dem die Monitore von Angestellten einer Sicherheitsfirma überwacht werden. Die Männer hocken im Dunkeln wie in einer Camera obscura, nur dass kein Licht von außen durch eine Blende in den Raum geworfen wird, sondern die Bilderflut der Überwachungskameras: "Nicht ganz real, auch weil die Bilder flach sind, keine Tiefenschärfe haben, als würde es nur um den Vordergrund gehen. Vordergründe im Quadrat, die sich staffeln, überlagern, ergänzen, ohne einen blinden Fleck zu lassen, Raum für Spekulation."

 

Der Tourismus als Wirtschaftsfaktor und Sicherheitsproblem, das ist die Lage, auf die eine allgegenwärtige Überwachungstechnik aufgesattelt wurde, an der wenige sehr viel Geld verdienen und die längst die bürgerliche Freiheit aushöhlt. Plötzlich entdeckt der Securitymann auf einem der Monitore einen Clown, umringt von einer Menschentraube, und rotbackige Ballerinas, die Pappschilder in Richtung Kamera hochhalten mit Sprüchen wie "Alles nur ein Spiel!" oder "Ist die Welt nicht schön?". Das ist die Aktion einer Gruppe, die dem anschwellenden Überwachungswahn gezielt Widerstand entgegensetzt. Es klappt: Der Aufpasser gibt den "Warnruf". Die herbeigerufene Polizei glänzt durch Berliner Schnodderigkeit. Und die Aktion hat ihr Ziel erreicht: den Apparat zu entlarven.

Die vielleicht kühnste Zeitdiagnose der letzten Jahre gibt die virtuose österreichische Pessimistin Marlene Streeruwitz in ihrem Roman Kreuzungen (S. Fischer 2008). Sie hat den bösen Blick, begleitet von analytischer Tiefenschärfe und barocker Fantasie: Max – eher Antiheld als Held – ist kein Normalsterblicher, den im besten Mannesalter eine vulgäre Midlife-Crisis ereilt, sondern ein hochrangiger Vertreter der spekulierenden Finanzkaste, der sich verwandeln möchte. Eine Monade ist dieser Geldmensch, ein psychischer Panzer, ein Libidokrieger, der die Welt sich zu unterwerfen gewohnt ist; ob im Bordell, wo er genaueste Anweisungen zur Befriedigung seiner fetischistischen Lüste gibt, oder in der Ehe, die er kalt auflöst, oder in der Luxusklinik, in der er sich das Gebiss erneuern lässt. Der Einzige, der Max in den Griff bekommt, ist ein "Kotkünstler" namens Gianni.

Der symbolische Zusammenhang von Geld und Ausscheidung hat die Psychoanalyse hinreichend beschäftigt, und es ist faszinierend, zu sehen, wie Streeruwitz hier anknüpft. In einem venezianischen Renaissance-Palast, wo Max sich von seiner Mundoperation erholt, ergibt sich ein merkwürdiges Arrangement: "Mit dem Auftrag von ihm, ein Rautenmuster zu versuchen, war Gianni zum Führer geworden." Denn: Gianni kackt für Max jedes Muster. "Der Mann verfolgte das vereinbarte Ziel mit einer Ausschließlichkeit, die er noch nie bei jemandem anderen angetroffen hatte. So konnte er sich selbst an Gianni beobachten." Das versetzt den steinreichen Mann "in philosophische Stimmung", und dafür hält er den Künstler aus.

All diese in Metaphern, Parabeln und Allegorien komprimierten Bilder für jetzt sind herausfordernde Zeitdiagnosen en miniature. Ob Sexus, Geld und Fetischismus amalgamiert werden zu einer fast schon altmodisch zu nennenden Kapitalimuskritik; ob die Ruinen der überwachten Demokratie wie in einer Camera obscura uneindeutig aufflackern; ob der schnöde Supermarkt zum Tempel der wiedergefundenen Zeit wird; ob der Mensch einsam bleibt in seiner Trauer um ein Tier; oder ob dem Arbeiter, dieser von der sozialistischen Wirklichkeit geschundenen Ikone, ein Denkmal errichtet wird: Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist auf der Höhe ihrer Zeit und muss den internationalen Vergleich nicht scheuen.