Heiner Geißler als Stuttgarter Friedensstifter bereits heftig ramponiert, dass dieser Mann als Vermittler taugt, will kaum noch jemand glauben. Geißler hatte von einem "Baustopp" gesprochen . Da heulten die Befürworter des Bahnhofsneubaus auf, und die Gegner waren perplex. Geißler musste widerrufen. Und die Verbalgeschosse der aufgerüsteten Kontrahenten flogen ihm prompt um die Ohren. Vielleicht war Geißler doch der Falsche, vielleicht polarisierte er mehr, als dass er die Geister beruhigte. Es gab Vorbehalte, und die hingen auch mit seiner Person zusammen.

Er ist wieder da, mittendrin im Getümmel, zurück in der Rolle des Frontmannes. Doch diesmal soll er nicht kämpfen, er soll schlichten. Kann das einer wie er? Am ersten Tag seiner Mission ist

Aber Heiner Geißler kehrte am nächsten Tag zurück, denn er glaubt an etwas Verbindendes unter den Zerstrittenen: "Ich denke mich immer wieder in die Situation eines Stuttgarter Bürgers hinein, der seine Stadt liebt." Und seine Stadt lieben kann man auch jenseits der Bahnhofsfrage. Dem Moderator des heute-journals raunte er zu, so lange sei er nun schon in der Politik, inzwischen sei er auch auf das Wunderbare, Unerwartete vorbereitet. Irgendetwas zwischen Gottvertrauen und Glauben an eine Restvernunft des Menschen muss ihm sagen: Halte an der unmöglichen Mission dieser Schlichtung fest.

In Stuttgart spielt der 80-Jährige nun noch einmal eine große Rolle: "Eine Aufgabe in diesem Sinne, in dem Umfange und der Intensität hat es in der Republik vorher noch nicht gegeben", beschreibt er selbst sein Vorhaben. Auch wenn er damit recht hat, klingt das nicht eben bescheiden. Dabei ist es eine besondere Pointe, dass nun ausgerechnet Geißler vermitteln soll. Ausgerechnet er, der gewiefte Polemiker und Zuspitzer, der den Pazifismus mal für Auschwitz mitverantwortlich machen wollte und der von Willy Brandt in einem ähnlich unintelligenten Moment als "schlimmster Hetzer seit Goebbels" tituliert wurde. In den Schlachten der alten Bundesrepublik war er ein Haudegen und ein Schlaufuchs. Damals schlichtete er gar nichts.

Aber die Zeiten haben sich gewandelt, und Geißler sich in ihnen. In der Lage heute ist er ein ziemlich passgenauer Schlichter für Stuttgart. Niemand kann ihm Respekt vorenthalten. Auch wenn Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) ihn nicht ausgesucht hat – die Grünen hatten Geißler zuerst ins Spiel gebracht –, verschafft seine Ernennung der Landesregierung dennoch einen gewissen Nimbus an Glaubwürdigkeit. Geißler ist Landeskind und Christdemokrat, aber er zirkuliert mit seinen Ansichten, von den CDU-Regierungszentralen in Stuttgart oder Berlin aus gesehen, auf einer fernen Außenbahn. Mit dem brachialen Konservativen Mappus hat er wenig gemein. Seit Geißler kurz vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm demonstrativ Attac beigetreten ist, haben Antikapitalisten und Protestjugendliche ihr Herz für ihn entdeckt. Wichtig ist auch, dass er keine Vorfestlegung in Sachen Stuttgart 21 mitbringt. Das Allerbeste: Geißler hat Humor.

Dass sich die Fronten in Stuttgart derart verhärten konnten, ist in seinen Augen nicht verwunderlich. Fragt man ihn danach, spricht er von der Erfahrung eines ökonomisierten Lebens, vom Ohnmachtsgefühl der Bürger angesichts eines unkontrollierten Finanzsystems, von der schlechten Figur, die die Politik unter solchen Umständen macht, machen muss: "Die Menschen wissen, dass das Wirtschaftssystem versagt hat, und sie übertragen ihr Misstrauen auf die Politik insgesamt."

Solche Sätze hat Heiner Geißler in den letzten Jahren oft gesagt. In dieser Woche haben sie einen gewaltigen Resonanzboden. Er wanderte mit seiner sozialpolitischen Position an den linken Rand seiner Partei, aber er blieb ein Konservativer. Er haderte mit dem wirtschaftsliberalen Kurs der Union, blieb ihr aber bis heute loyal verbunden. Als Generalsekretär der CDU stritt er hart für die Partei und wurde 1989 doch von Helmut Kohl in dessen letztem großen innerparteilichen Machtkampf geschasst. Der bürgerliche Protest in Stuttgart, machtkritisch und werteorientiert zugleich, kann sich in so einem wiederfinden.

Fragen an Heiner Geißler Heiner Geißler beantwortet die Fragen unserer User (August 2009)

Einige versuchen Geißler schon zu demontieren. Seine Gegner sind nicht nur die Militanten im Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21, sondern auch jene, die die CDU auf den neuen, harten Kurs trimmen wollen. Die Überhöhung des Bahnhofsprojektes auf beiden Seiten bereitet ihm die größten Sorgen. Dagegen kann er vorläufig nur, freilich nicht uneitel, seinen eigenen Mythos mobilisieren, den Mythos des alten Politfuchses, welcher der Politik ihre Defizite vorrechnet, zumal ihre Neigung, über den kleinen (wahl)taktischen Vorteil das Ganze und den Bürger zu vergessen.

Klein will er anfangen, mit konkreten Fragen nach dem Grundwasser, der Geologie, aber auch der Finanzierung, "Punkt für Punkt". Voraussetzung für den Beginn einer Schlichtung, die Ende der Woche beginnen soll, ist allerdings eine Phase relativer Ruhe an der Baustelle. Welche Aktivitäten dann genau erlaubt sind, das ist der erste Kompromiss, der nötig ist. Dann geht es um die Frage: Wie lange? Eine Schlichtung kann nur in den kommenden sechs Wochen stattfinden, bis Ende November, vor dem Einsetzen der Frostperiode. So lange könnte die Bahn wohl mitmachen. Sechs Wochen, um die Gemüter abzukühlen.