Hotels unter 100 Euro Wohnzimmer frei
Das Bogota in Berlin ist das Lieblingshotel des britischen Schauspielers Rupert Everett. Und eins mit großer Geschichte.

Im Gartenzimmer 1 wurden gerade Szenen einer Thomas Mann Verfilmung gedreht
Paris, Tokio, New York – wenn Rupert Everett unterwegs ist in der Welt, weiß er manchmal selber nicht mehr, wo er gerade ist: Die Hotelzimmer sehen alle gleich aus. Wenn er im Bogota aufwacht, in dem schweren alten Ehebett mit Ritze, das aussieht, als hätten schon Omma und Oppa und Onkel Heinz drin geschlafen, wenn er die Dielen im sechseinhalb Meter hohen Flur draußen knarren und den kleinen gestreiften Kühlschrank, seinen Minibarersatz, drinnen brummen hört, wenn die gregorianischen Gesänge aus dem Lichthof zu ihm herüberwehen oder er die Doppelfenster öffnet, um auf seinen Balkon im vierten Stock zu treten und um die Ecke auf den Kudamm blickt, dann weiß er selbst im Halbschlaf genau, wo er ist: mitten in Berlin. Und seiner Geschichte.
Das Bogota ist nicht das feudalste Hotel der Stadt – für den britischen Schauspieler, der immer dasselbe Zimmer bekommt, ist es »the favorite hotel in the world« . Und es ist mit Sicherheit das Berlinischste: wie die Stadt immer im Werden, nie im Sein, nicht aus einem schönen Guss wie Paris, eher ein Flickenteppich, der seine Narben und Brüche zeigt. Ein Hotel wie ein Baum, verzweigt und mit sichtbaren Jahresringen, voll alter Ölschinken und moderner Fotografie, Antiquitäten und Siebziger-Jahre-Möbel, wild gemusterter Teppiche und apricotfarbener Raufasertapete. Schauriges und Schönes sind nie weit voneinander entfernt. Wie Berlin ist es ein demokratischer Ort, in dem Ärmere und Reichere Wand an Wand wohnen. Für Gäste mit kleinem Geldbeutel gibt es schlichte kleine Zimmer mit Fließwasser, aber ohne Bad, wer mehr zahlen kann, kriegt auch mehr, größere, besser ausgestattete Räume wie das von Rupert Everett.
In dem knapp 100 Jahre alten großbürgerlichen Wohnhaus haben einst Juden gelebt und später Nazis geherrscht. Helmut Newton ist hier bei der legendären Modefotografin Yva in die Lehre gegangen, bevor er vertrieben und sie ermordet wurde, die Reichskulturkammer trieb hier ihr Unwesen – in der heutigen Hotelbibliothek saß Hans Hinkel, der als SS-Mitglied für die sogenannte »Entjudung« der deutschen Kultur zuständig war, seine Taten später jedoch nie verantworten musste. Nach dem Krieg stürzten sich die Kulturschaffenden mit Vehemenz und Optimismus in die neue Freiheit, dachten sich Zeitschriften aus, heuerten Theaterregisseure an; der Gewerkschaftsbund hatte in der Schlüterstraße 45 sein Büro, und die Mutter von Ilja Richter wohnte auch mal hier. Auf verschiedenen Etagen waren Privatpensionen, wie sie für Berlin einmal typisch waren. In den siebziger Jahren kam schließlich die Familie Rissmann und machte das Haus zum Hotel. Das Bogota ist, wenn man so will, ein lebendiges Museum, allein der alte Aufzug ist die Reise wert. Oder die holzgetäfelte Telefonzelle mit dem schwarzen Wandtelefon, die so schön ist, dass die Gäste sich jetzt mit ihrem Handy reinstellen. Kein Wunder, dass in der Schlüterstraße schon etliche Filmszenen gedreht und Modestrecken fotografiert wurden.
Als Hotelgast hat man das Gefühl, bei jemandem zu Hause zu Besuch zu sein; in jedem Stockwerk befindet sich eine Art großes Wohnzimmer. Das Bogota ist ein überaus freundlicher Familienbetrieb, was an Luxus fehlt, wird durch die persönliche Atmosphäre wettgemacht. Der auf sanfte Art ungemein rührige Joachim Rissmann, der mit seiner spanisch-deutschen Familie selbst im Hotel wohnt, setzt die Tradition des Hauses fort, organisiert Fotoausstellungen, Lesungen, Swingkonzerte; und wer als Gast seine Ruhe haben will, kann diese, mitten in der Stadt, im Berliner Hinterhof bei einer Tasse Kaffee genießen.
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Im früheren Studio von Yva hat der Hoteldirektor Fotos von ihr ausgestellt, die er im Laufe vieler Jahre gesammelt hat; im Foyer hängen Bilder der künstlerischen Gäste, darunter Martin Parrs ironisches Stillleben des schlichten Hotelfrühstücks-Tellers.
»Ich habe mich in dieses Hotel verliebt«, hat ein Niederländer ins Gästebuch geschrieben, das hier ausliegt. »Leider kann ich nicht immer mit ihm zusammen sein.« Immerhin, 20 Mal hat er schon im Objekt seiner Liebe geschlafen.
Hotel Bogota, Schlüterstraße 45, 10707 Berlin, Tel. 030/8815001, www.hotel-bogota.de. DZ ab 69 Euro inklusive Frühstück
- Datum 01.11.2010 - 22:39 Uhr
- Serie Hotels unter 100 Euro
- Quelle DIE ZEIT, 14.10.2010 Nr. 42
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