Hotels unter 100 EuroEin Palast im Nirgendwo

Im Bergell, am Ende der Schweiz, würde man alles erwarten, nur keine italienische Baukunst. Zwischen Bergluft und Barock kommt der Gast im Hotel Bregaglia auch ohne Wellness zur Ruhe. von 

Der Ausblick aus einem der Gästezimmer des Bregaglia

Der Ausblick aus einem der Gästezimmer des Bregaglia  |  © Cyrus Saedi für DIE ZEIT

Einmal der Sehnsucht erliegen und unauffindbar sein. Zurückgezogen von allem. In sich selbst ruhen, sich ausruhen und vergessen, was im Alltag täglich über einen herfällt und einbricht und einem manchmal auch den Schlaf raubt. Dafür gibt es diesen wunderbaren Ort: das Hotel Bregaglia am Ende der Schweiz.

In Zürich nimmt man die Rhätische Bahn bis St. Moritz. Dann steigt man in den gelben Postbus, der noch eineinhalb Stunden durch das Bergell fährt, sich hinter den letzten Häusern von Maloja die Serpentinen hinunterschraubt und vor den scharfen Kurven tüchtig hupt.

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Das Bregaglia bei Sonnenuntergang

Da das Bergell ein Tal ist, das sich von Ost nach West erstreckt, lässt der Sonnenuntergang das Bregaglia in einem besonderen Licht erstrahlen  |  © Cyrus Saedi für DIE ZEIT

Die Landschaft nämlich stürzt hier rasant in die Tiefe. Würde die dunkle Frauenstimme im Bus nicht den nächsten Halt mit den Worten prossima fermata ankündigen, man wähnte sich irgendwo im Nirgendwo.

Ein mittelalterliches Fort mit Wehrtürmen und Zinnen zeichnet sich ab, Kühe führen ihre Glocken spazieren, ein Fluss speit das Wasser mit lautem Getöse talabwärts. Kurz vor Erreichen des Bregaglia zwängt sich der Bus dann durch eine enge, mit glatten Kopfsteinen gepflasterte Straße; die Hauswände scheinen einem ins Gesicht zu springen. Es ist, als führe man durch einen Tunnel, der sich erst langsam wieder öffnet, und plötzlich steht man vor dem barockgelben Hotel, das auch ein Schloss sein könnte. Es streckt einem die abgewinkelten Seitenflügel entgegen – wie als Geste der Umarmung.

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Die schönsten Hotels unter 100 Euro finden Sie in der Sonderbeilage ZEIT-REISEN. Oder wenn Sie auf dieses Bild klicken  |  © Cyrus Saedi

Wer jetzt glaubt, dass einem der Portier im goldbesetzten Gehrock die Tür öffnet und dahinter ein behandschuhter Butler vom Silbertablett welcome drinks offeriert, der liegt falsch. Im Bregaglia gibt es so etwas nicht. Es gibt auch keine Bar und keinen Bademantel für den nicht vorhandenen Wellnessbereich. Es gibt keine Keycards und keinen Hotelshop. Es gibt nicht einmal ein Telefon im Zimmer, geschweige denn einen Fernseher.

Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist das Hotel auf seine Art eines der schönsten der Schweiz. Gäste kommen hierher, um ein bisschen zu wandern, ein bisschen zu essen und Rotwein zu trinken, sie lesen und schlafen und lassen sich vom Bregaglia inspirieren. Und die wenigen Angestellten machen den Eindruck, als würden sie ein Museum pflegen.

Das Bregaglia ist das Werk des Italieners Giovanni Sottovia, der im Süden der Schweiz insgesamt 15 Hotels gebaut hat. Es wurde 1876 eröffnet, und schon damals würdigte man Sottovias »Können und die reiche Phantasie«. Eine schwarze Kutsche aus seiner Zeit steht links in der Lobby. Geradeaus geht es durch eine Pendeltür in die sechseckige Halle, von der rechts zwei große Salons abgehen.

Ihre Wandmalereien sind grandios: zarte Farben – Schilfgrün, blasses Terracottarot –, die von schattierten Scheinarchitekturen in einzelne Felder geteilt sind. Während man davor steht und staunt, sagt jemand: »Alles Originale. So etwas finden Sie woanders kaum noch.« Man dreht sich um. Ein kleiner, gedrungener Mann lehnt am Türrahmen, blaue Strickjacke, Sonnenbrille, schlohweißes Haar. Er sagt, dass er lange Zeit Besitzer des Hotels gewesen sei, Arnoldo Giacometti sein Name.

»Sind Sie mit dem verstorbenen Künstler verwandt?«

»Ja. Mein Vater war ein Cousin von Alberto Giacometti

»Wie wird man Besitzer so eines Hotels?«

Leserkommentare
  1. ich möchte nicht päpstlicher als der papst sein, aber die rhätische bahn fährt doch nicht ab zürich, soweit ich mich erinnern kann. schon bei thomas mann ist beschrieben, wie man in landquart umsteigt und in die roten wagen der rhb einsteigt. ansonsten eine wunderbare ecke der schweiz- wenn man das hässliche st.moritz nur als zwischenhalt einplant ist man auf der sicheren seite.

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