Ein gelber Lichtstrahl, der durchs Fenster einfällt und sich im völligen Weiß des Raumes mehrmals bricht. Ein goldener Kubus, in dem nichts steht als ein Bett mit einem weißen Laken. Ein buntes Buchstabengewirr hinter dem Bett, das aus handgeschriebenen Sätzen besteht wie »Ich wollte etwas Neues machen und machte es doch wie die anderen«. In etwa so sind die Gästezimmer im Hotel Windsor. Aber dazu später mehr.

Die schönsten Hotels unter 100 Euro finden Sie in der Sonderbeilage ZEIT-REISEN. Oder wenn Sie auf dieses Bild klicken

Das Hotel Windsor haben wir durch einen Zufall entdeckt. Wir flanierten unter dem blauen Himmel von Nizza, aßen hier, tranken dort, besuchten das Museum Henri Matisse, in dem noch sein hölzernes Tischchen mit den Farben zu sehen ist, und ließen uns durch die Geschäfte der Altstadt treiben. Zwei Häuserblocks hinter der Promenade des Anglais blieben wir stehen. Unüberhörbar war das Zwitschern und Trillern von Vögeln. Neugierig blickten wir durch die Schlitze eines gusseisernen Tors, hinter dem ein tropisch anmutender Garten zu sehen war. Gäste frühstückten unter meterhohem Bambus und Gummibäumen von der Größe deutscher Eichen, wir sahen Palmen über Palmen, Bougainvilleen und Obstbäume. Es war der Garten des Hotels Windsor, eines Sandsteingebäudes aus dem 19. Jahrhundert. Aus einer Zeit, als man noch im Winter an die Côte d’Azur reiste, um dem deprimierenden Dunkel und dem Nass Nordeuropas zu entkommen.

Das Windsor gehört Odile Payen-Redolfi, einer aparten, schüchternen jungen Französin; Ringel-T-Shirt, schulterlanges Haar, freundliches Lächeln. Schon als Kind spielte Odile im Garten des Hotels, und als ihr Onkel es vor mehr als zehn Jahren verkaufen wollte – sie arbeitete zu der Zeit als Brokerin –, übernahm sie das Windsor, damit es im Familienbesitz blieb. »Ich wollte aber kein klassisches Hotel, in dem alles erwartbar ist, sondern eines, das den Gast ständig überrascht«, sagt Odile, »deshalb ließ ich es von Künstlern gestalten.« Den Aufzug zum Beispiel, auf dessen bunte Rückwand eine Rakete gemalt ist. Kurz nach dem Schließen der Tür ertönt ein Countdown aus dem Off: »Nine, eight, seven, six, five – we have main engine started – four, three, two, one – and lift off. « Dann hört man das Rauschen einer Rakete, die zum Himmel schießt, und mit dem Rauschen bewegt sich der Fahrstuhl in die oberen Stockwerke.

Während andere Hoteliers sich darüber den Kopf zerbrechen, wie sie ihre Zimmer gestalten sollen, und fortan gezwungen sind, sie zu renovieren, Tapeten und Teppichböden zu erneuern, wirken die schon vor Jahren von den Künstlern kreierten Räume im Windsor wie gerade erst gemacht. Und jeder für sich wie ein kleines Museum. Odile stellte uns vor die Wahl. Vielleicht Zimmer 65? Auf dessen Wände hat Ben Vautier, der bereits auf der Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig vertreten war, seine Gedanken mit bunter Farbe an die Wände geschrieben – und oberhalb des Bettes zwei Stahlringe angebracht, für Gäste, die sich vor dem Schlafengehen noch ein bisschen anketten möchten. Wir entschieden uns für die 57. Der Italiener Claudio Parmiggiani inszenierte den Raum als goldenen Kubus, die Farbe soll die Träume anregen. Offensichtlich tut sie das auch: Nachts erschien uns Wolfgang Schäuble. Er saß in seinem Rollstuhl auf einem kleinen Floß in der Nordsee und wollte die Welt neu vermessen. Vor ihm stand ein Feldstecher, zu seinen Füßen lag ein chinesischer Nackthund und zitterte.

Am nächsten Morgen tönte das Zwitschern und Tirilieren der Vögel aus dem Garten ins Zimmer herein, ein Moment der Poesie. Später saßen wir mit Odile unter den Palmen, tranken Café und aßen verdammt gute Croissants. Odile verriet, dass das Gezwitscher ebenfalls eine Installation sei, die aber bereits viele echte Vögel in ihren Garten gelockt habe. Und Neugierige wie uns natürlich auch.

Hotel Windsor, 11, Rue Dalpozzo, 06000 Nizza, Frankreich, Tel. 0033-493885935, www.hotel windsornice.com. DZ ab 78 Euro ohne Frühstück