DIE ZEIT: Die nationalsozialistische Volksgemeinschaft – gab es sie wirklich?

Michael Wildt: Wenn Sie so fragen: nein. Sie war keine Realität im messbaren Sinne, sie blieb immer eine Zielvorstellung, etwas, das erreicht werden sollte, ein Ideal. Aber der Begriff selbst entfaltete schon eine bestimmte Wirkung.

ZEIT: Die Fotos und die Filmaufnahmen, die jetzt im Deutschen Historischen Museum zu sehen sind, wurden ja fast immer für propagandistische Zwecke inszeniert. Entsteht so nicht von vornherein ein falsches Bild?

Wildt: Ich bin sicher, das wird schon durch die aufmerksame Ausstellungsarchitektur verhindert. Sie wendet sich gegen das Propagandamaterial und die Devotionalien, die dort gezeigt werden. An jeder Stelle der Ausstellung gibt es Brechungen, gibt es den Blick auf die barbarische Wirklichkeit des Regimes. Im Übrigen, wenn wir von der NS-Volksgemeinschaft sprechen, müssen wir ja gerade die sehen, die nicht dazugehören: die Oppositionellen, die ideologisch, »rassisch« oder aus anderen Gründen Ausgegrenzten.

ZEIT: Auch etliche Porträts des »Führers« werden gezeigt.

Wildt: Unvermeidlich. Denn so heißt ja die Ausstellung: »Hitler und die Deutschen«.

ZEIT: Wie populär war der »Führer« denn wirklich? Ihr Kollege Hans-Ulrich Wehler behauptet, dass Hitler 1938, nach dem Anschluss Österreichs, in einer freien Wahl über neunzig Prozent bekommen hätte.

Wildt: Das sind Spekulationen. Gewiss war Hitler in der Zeit zwischen 1938 und 1940 auf dem Gipfelpunkt seiner Popularität. Was erstaunlich bleibt, und das zeigt auch die Ausstellung, ist die echte Begeisterung, die emotionale Bindung vieler Menschen an die Diktatur und an Hitler.

ZEIT: Charisma?

Wildt: Auf Hitler wurden Sehnsüchte gerichtet, die diese Figur, »der Führer«, erfüllen sollte, zum Teil auch erfüllen konnte. Das ist der Mechanismus, aus dem sich sein Charisma ergibt. Er war in der Lage, diese Sehnsüchte aufzunehmen, zu artikulieren und zu repräsentieren. Ein Beispiel: Er blieb »einer aus dem Volk«. Er legte immer Wert darauf, nicht mehr zu sein als ein Gefreiter. Anders als viele aus seiner Partei- und Wehrmacht-Entourage hat er sich keinen Orden umgehängt und keinen dieser lächerlichen Marschallstäbe geschwungen. Er wollte, im einfachen Uniformrock, immer demonstrieren, dass er einer von allen ist, immer mit dem Volk, mit dessen Wünschen und Sehnsüchten verbunden. Hier, in dieser Inszenierung, liegt ein Grundmotiv seiner Wirkung.

ZEIT: Auf diese Weise entstand dann aber doch so etwas wie eine Volksgemeinschaft?

Wildt: Es blieb ein vieldeutiger, unscharfer Begriff. Gerade deshalb konnten sich in ihm sehr viele Menschen wiederfinden. Er entsprach einem gewissen Harmoniebedürfnis, gerade nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges und den bewegten Weimarer Jahren. »Volksgemeinschaft« suggerierte das Ende aller politischen Zerwürfnisse, das Ende der Klassenspaltung: »Arbeiter der Stirn« und »Arbeiter der Faust« glücklich vereint.

ZEIT: Das klingt doch recht egalitär!

Wildt: Als Versprechen vielleicht. Aber mit der Realität hatte das nicht viel zu tun. Sozialstatistisch gab es nach wie vor tiefe soziale Gräben, und von politischer Mitbestimmung im demokratischen Sinne kann im Nationalsozialismus natürlich keine Rede sein. Aber die Verheißungskraft des Begriffs, die viele Menschen bewogen hat, sich mit diesem Regime zu identifizieren, sich für dieses Regime, für diese soziale Ordnung mobilisieren zu lassen und selbst zu mobilisieren – die ist offensichtlich und muss in die politische Analyse der nationalsozialistischen Herrschaft miteinbezogen werden.